“Precht” – das nachtdunkle Schmuckstück

Fernsehen Ein nachtdunkles Studio, ein leuchtender Tisch, ein sehr weit geöffnetes Hemd, wallendes Haupthaar. Das sind die Erkennungszeichen von “Precht”, dem neuen Talk mit Star-Philosoph Richard David Precht, den das ZDF sonntags zu später Stunde (23.25 Uhr) zeigt. Die Sendung ist ein Zwiegespräch zwischen Precht und einem, höchstens zwei Gästen. Bei der Premiere war das der Hirnforscher und Schulkritiker Gerald Hüther. Selbst wer mit Precht bislang nichts anfangen konnte, könnte an der Sendung Gefallen finden.

Werbeanzeige

Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick ist “Precht” nämlich nicht unbedingt als “Philosophiesendung” zu erkennen. Das war bei der Vorläufersendung, dem “Philosophischen Quartett” mit Peter Sloterdijk ganz anders. Wurde im “Quartett” leider erwartungsgemäß wirr dahersalbadert, ist “Precht” durchaus auch für einen Otto-Normalzuschauer mit Hirn genießbar. Die Sendung ist eine konzentrierte Talk-Sendung im besten Sinne. Von der normalen Talkshow unterscheidet sich “Precht” dadurch, dass der Gastgeber mindestens genausoviel redete wie der Gast. Ein weiterer Unterschied zur normalen Talkshow: Der Gastgeber wusste wovon (!) er redete.

Precht diskutierte mit dem Schulkritiker Hüther dessen kontroversen Thesen tatsächlich auf der viel zitierten “Augenhöhe”. Precht will mit seiner Sendung erklärtermaßen keine philosophisch-gesellschaftlichen Theorien durchkauen, sondern aktuelle Themen aus Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft aufgreifen und intelligent behandeln. In der ersten Sendung ist ihm das beim Thema Schule und Bildung (geschickt platziert kurz nach, bzw. kurz vor vor Ende der Sommerferien) geglückt.

Precht ist wahrscheinlich darum so erfolgreich, weil er Philosophie als Mittel zum Zweck der Vermittlung von Inhalten einsetzt und nicht zum Selbstzweck betreibt. Natürlich ist auch viel Inszenierung und Eitelkeit mit im Spiel. Seine offenen Haare sind bei Precht ebenso Markenzeichen wie das weit offene Hemd. Das nachtdunkle Studio mit dem leuchtenden Tisch tauchte die beiden Gesprächspartner in fast unwirkliches und sehr schmeichelhaftes Licht. Der renommierte Filmer und Interviewer Gero von Boehm führte Regie und fing dabei Bilder ein, wie der Professoren-Gast den Gastgeber mehr als einmal fast verliebt anhimmelt, das Kinn versonnen auf die Handfläche gestützt.

Aber das Studio und die Inszenierung haben ohne Zweifel Stil. Der Verzicht auf ein Publikum und die Konzentration auf ein Thema und einen Gast, gepaart mit einem intelligenten Gastgeber sind im sonstigen Talkzirkus des Fernsehens eine wohltuende Ausnahme. “Precht” ist also weniger Philosophiesendung, sondern vielmehr eine idealtypische Talkshow. Und als solche funktioniert die Sendung hervorragend. Das ZDF hat da am späten Sonntagabend ein kleines Schmuckstück im Programm.
Hier kann man sich die erste "Precht"-Sendung beim ZDF online anschauen.

Mehr zum Thema

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige