Manfred Spitzer – der Hirni-Professor

Fernsehen In der Karriere eines Wissenschaftlers mit Drang gibt es womöglich einen Schlüsselmoment, in dem es Klick macht. Dann findet er den einen Satz, mit dem er durch Talkshows ziehen, Bücher befüllen und Sendungen produzieren kann. Im Falle des Ulmer Psychiaters und Hirnforschers Manfred Spitzer lautet dieser Satz ungefähr so: "Fernsehen und Internet machen Kinder dick und doof." Mit dieser Simpel-These hat Spitzer sich und sein neues Buch erschreckend populär gemacht.

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In den vergangenen Tagen und Wochen hat Manfred Spitzer eine beachtliche Medienpräsenz vorzuweisen. Und das, obwohl der Bildschirm für ihn eigentlich Teufelswerk ist. Er war in der NDR-Talkshow zu Gast, parlierte in der Radio- und TV-Sendung SWR-Leute, stellte sich einem Streitgespräch mit dem bekannten Blogger Johnny Häusler bei der Sendung “Log in” bei ZDFInfo und erlebte am Sonntag den televisionären Ritterschlag als Gast und Themensetzer bei “Günther Jauch”. Titel der Sendung in bestem Spitzerschen Sinne: “Macht uns das Internet dumm?”
Spitzer tat, was er immer tut in den Medien: Er regte sich fürchterlich auf, wenn jemand eine andere Meinung vertrat. Er schmiss mit Studien um sich. Er zog dieselben hanebüchenen Vergleiche aus dem Ärmel, wie in ungezählten Sendungen zuvor. Zum Beispiel, dass man Internet und Computer nicht in Kindergärten und Grundschulen einführen dürfe, weil man da ja auch keinen Schnaps ausschenke. Denn wer – nach der Logik Spitzers – argumentiert, Internet und elektronische Medien seien eine Kulturtechnik, der müsse bedenken, dass auch der Konsum von Alkohol eine Kulturtechnik sei. Bei solchen argumentativen Achterbahnfahrten kann einem schon mal der Kopf schwirren.

Um zu beweisen, dass neue Technik generell sehr, sehr böse ist, nimmt er auch gerne die Geschichte her, dass es nach Entdeckung der Röntgenstrahlen sogenannte “Röntgenpartys” gegeben hat, bei denen man sich zum Zeitvertreib geröntgt hat. Eine Art Prä-Internet-Fun-Sport für Technologieduselige. Mit solchen Argumenten pflegt Spitzer den Einwand vom Tisch zu wischen, dass in der Vergangenheit neue Technik oft verteufelt wurde. Siehe die als überholt geltende Empfehlung, man dürfe nicht zu viele Bücher (vor allem Romane) lesen, weil diese das Hirn weichmachten.

Spitzer hat gewiss in vielem, was er sagt, auch Recht. Ja, es gibt üble, jugendgefährdende Dinge im Internet. Ja, das Internet ist ein Zeit-Killer und sollte mit Vorsicht und bei Kindern unter Aufsicht genossen werden. Der Fernseher ebenso. Aber das Gegenteil ist jeweils auch immer richtig: Es gibt auch gute, sehenswerte Inhalte im Fernsehen und im Internet. Es gibt sogar einen unbestritten hohen Nutzen von Röntgen-Geräten, wenn man sie nicht gerade auf Partys und in Schuhgeschäften einsetzt. Und psst Prof. Spitzer: Es soll Gerüchten zufolge auch jugendgefährdende dumme und ganz schrecklich gewaltverherrlichende Bücher geben.

Das ist das Problem mit Manfred Spitzers Thesen: Sie sind (sorry) zu spitz, zu polemisch, zu einseitig, zu populistisch. Für einen TV-kritischen Wissenschaftler, der bei seinen vielen TV-Auftritten gerne als “renommiert” eingeführt wird, ist das relativ armselig. Das Internet und Fernsehen machen Kinder in Spitzer-View also dick, dumm und gewalttätig. So hat das zu sein, Punkt, Ende, Aus. Wer Widerworte gibt, wird mit einer schnell herbeizitierten Studie aus Südkorea rhetorisch plattgewalzt. Einen wissenschaftlichen Diskurs, auch einen populären(!), hätte man sich dann doch eine Spur feiner und differenzierter gewünscht.

Aber genau wegen dieser platten Art, seinem aufbrausendem Wesen und seiner banalen Thesen wird Spitzer vermutlich gerade in dem Medium so geschätzt, das er eigentlich so verteufelt. Spitzer sagt stets das Erwartbare, das allzu Offensichtliche. Männer am Computer? Klar "die spielen mehr, ballern natürlich". Frauen machen dagegen im Internet irgendwas mit Kommunikation, aber natürlich nur oberflächlich. Eine Playstation im Haus senkt automatisch den Notenschnitt. "Wir googlen uns blöd", sagt er und "Es gibt Leute, die sagen, lieber hacke ich mir die linke Hand ab, als einen Tag ohne Internet." Vielleicht hat Spitzer solche Leute, die dann vermutlich wirklich ein Problem haben, in Behandlung. Spitzers Problem ist aber, dass er von negativen Extremen auf die Allgemeinheit schließt.

Wer ihn als Gast einer TV-Show bucht, bekommt einen Krawallheini im Kostüm der Wissenschaft. Schnelle Thesen, emotional, streitlustig und für jeden verständlich. Ideales Quotenfutter. Wirkliche Hilfe zu den von Spitzer überdramatisierten Problemen gibt es bei ihm freilich nicht. Kein Fernseher im Haus (dann könnte man freilich auch nicht Spitzers eigene TV-Sendung auf BR Alpha gucken), Computer an unbequeme Orte. Das sind so die Ratschläge. Manfred Spitzer bedient mit seinen Einlassungen eine diffuse Angstmacherei vor dem Neuen, das in seiner Lieschen-Müller-Lesart immer auch das Böse zu sein hat. Egal ob Röntgen-Apparat oder Internet. Für einen Wissenschaftler ist das eine erschreckend schlichte Sicht der Dinge. Aber eine, mit der sich vermutlich recht viele Bücher verkaufen lassen.

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