Hat die FAZ von der Zeit abgeschrieben?

Publishing Da haben die klugen Köpfe von der FAZ diese Woche ein Geburtstagsporträt des Bremer Theaterintendanten Klaus Pierwoß veröffentlicht, das fast exakt gleich anfängt wie ein altes Pierwoß-Porträt aus der Zeit. Bei der ganzen Diskussion um die G+J Wirtschaftspresse redet komischerweise keiner über Capital. Der Platow Brief hat ganz exklusiv gehört, was das manager magazin vergangene Woche geschrieben hat und die Titanic hat vor dem Hamburger Landgericht einen Pranger aufgebaut.

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Die FAZ – eine Abschreiberin? Das könnte man meinen, wenn man ein Porträt zum 70. Geburtstag des früheren Bremer Theaterintendanten Klaus Pierwoß liest, das diese Woche mit den Worten begann: „In seinem Bremer Intendantenbüro hing ein Theaterplakat, das ihn als Preisboxer zeigt. Schweißnass der massige Oberkörper, über der rechten Braue ein Veilchen, vor dem Kinn aber lauern angriffslustig die Fäuste, die in roten Handschuhen stecken“. Das kam dem Feuilletonchef des Weser-Kuriers, Hendrik Werner, seltsam bekannt vor. Prompt wurde er fündig. In seiner Kolumne „Papierstau“ enthüllte er am Mittwoch merkwürdige Parallelen zu einem Pierwoß-Porträt in einer „Zeit“-Ausgabe von 2007. Das Zeit-Porträt begann so: „Im Büro des Intendanten hängt ein altes Theaterplakat, auf dem ist er als Preisboxer zu sehen. Schweißnass glänzt sein massiger, nackter Oberkörper, über dem rechten Auge blüht schon ein Veilchen, trotzdem lauern die roten Boxhandschuhe angriffslustig vor dem Kinn.“ Der FAZ-Autor beteuert, dass er wirklich mal im Intendantenbüro gewesen sei und das Plakat selber gesehen habe. Kein neuer Fall Pfister oder Prantl also. Den „Zeit“-Text kannte er nach eigenem Bekunden allerdings auch. Das Archivmaterial scheint ihn nachhaltig beeindruckt zu haben.

Am 23. August erschien das manager magazin mit der Story zu Umbauplänen beim Medienkonzern Bertelsmann und einer Abrechnung mit Bernd Buchholz, dem Vorstandschef der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr. Der Artikel von Klaus Boldt sorgte, wie bekannt, für viel Wirbel in unserer heißgeliebten Branche. Viele Medien, auch MEEDIA, zitierten eifrig aus dem Exklusiv-Stück des manager magazins, analysierten, kommentierten, spekulierten. Das ist business as usual und auch absolut OK, so lange man dem manager magazin die Lorbeeren lässt und darauf auch freundlich hinweist. Eine ziemlich dreiste Form der Verwertung der mm-Story fand der Infodienst Platow Brief (Slogan: “Einfach mehr wissen!”). Am 27. August erzählte der Platow Brief den Infostand der mm-Story online nach. Allerdings war mit keiner Zeile das manager magazin erwähnt. Stattdessen raunt der Platow Brief, “Wie wir hören, will Rabe die geplante Komplettübernahme von G+J angeblich nutzen, um zugleich auch die Führungsstruktur von Europas führendem Zeitschriften-Verlag umzubauen.” “Wie wir hören…?” Hallo? Wie alle Welt schon im manager magazin gelesen hat, wäre treffender formuliert gewesen. Übrigens: Für solche exklusiven Informationen berechnet der Platow Brief im Jahresabo 570 Euro. Vielleicht ein Fall für die Jungs von der Leistungsschutzpolizei?

So ein bisschen kann einem Gruner + Jahr wegen in der aktuellen Debatte schon Leid tun. Vor allem die Wirtschaftsmedien, die immer zuerst als mögliche Einstellungskandidaten gehandelt werden. In der Diskussion um die G+J Wirtschaftsmedien ist ja wahnsinnig viel die Rede von der Financial Times Deutschland und ihren vielen Problemen. Die FTD, die immer noch rote Zahlen schreibt, die FTD, die wochentags dünner wird, die FTD, die sich auf blöde Art und Weise mit dem Handelsblatt kabbelt, usw. Aber keiner redet von Capital. Dabei ist Capital die eigentliche Traditionsmarke bei den G+J Wirtschaftsmedien. Ein Blatt mit großer Vergangenheit, traurig unspektakulärer Gegenwart und leider ungewisser Zukunft. Vielleicht sollte man sich bei G+J ein bisschen mehr der Pflege dieser alten und immer noch klingenden Marke widmen. Aber um eine eigene Stimme zu bekommen, bräuchte Capital vielleicht auch wieder eine eigene Redaktion und einen eigenen Chefredakteur …

Da hat der Heilige Stuhl aber in letzter Minute den Schwanz eingezogen und den Prozess in Hamburg gegen die Satirezeitschrift Titanic abgeblasen. “Nach eingehenden Beratungen ist der Heilige Stuhl zu der Entscheidung gelangt, eine Rücknahme des Antrags auf einstweilige Verfügung gegen den Titanic Verlag zu veranlassen”, hieß es in der offiziellen Verlautbarung. Allerdings würde man “weitere rechtliche Maßnahmen” prüfen, “um Angriffen auf die Würde des Papstes und der katholischen Kirche wirksam zu begegnen.” Ach Gottchen! Da haben die auf der Titanic jetzt aber bestimmt Angst. Vielleicht hat endlich irgend Jemand dem Heiligen Stuhl gesagt, dass der Papst und die katholische Kirche bei diesem Prozess gegen die Meinungs-, Presse-, Satire-, Kunst- und sonstige Freiheit nicht so richtig gut aussehen würden. Besonders bigott sind auch einige Medien, die den Titanic-Leuten aus gut dotierten Redakteursverhältnissen heraus unterstellen, sie würden das Spektakel nur um der Auflage willen und wegen der Publicity pushen. So schrieb die Süddeutsche am Freitag: “Und so wurde aus einem höchstens mittelmäßigen Scherz ein Skandal, und aus der politisch eher dahindümpelnden Titanic ein Symbol der Presse- und Kunstfreiheit, was der Verlag dankbar aufgriff.” Fazit des Artikels: Es habe sich für die Titanic “gelohnt”. Woher nimmt der Autor die Aussage, dass die Titanic politisch eher dahindümpelt? Er hat wahrscheinlich länger nicht ins Blatt geschaut. Die Titanic ist nun eines der letzten Presseorgane dieser Republik, das wirklich Niemandem nach dem Munde redet oder schreibt. Die Titanic geht mit ihrem Konfrontationskurs auch stets ein beträchtliches wirtschaftliches Risiko ein und wird von der Anzeigenwirtschaft gemieden wie das Weihwasser vom Teufel. Die Titanic hat, was man in vielen anderen Redaktionen manchmal schmerzlich vermisst: Rückgrat und Haltung. Wer wissen wil, wie Fischer und die Titanic-Redaktion tickt, sollte das lange und ernsthafte (!) Gespräch lesen, das mein Kollege Christopher Lesko mit Leo Fischer geführt hat. In diesem Zusammenhang zeigen wir noch gerne ein Foto von Titanic-Chefredakteur Leo Fischer am Titanic-Pranger am Freitag beim “Mittelaltermarkt” vor dem Hamburger Landgericht.

Schönes Wochenende!

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