Bestandsaufnahme: die G+J-Online-Bilanz

Publishing Kritiker werfen Gruner + Jahr immer wieder eine fehlende Online-Strategie vor. Außer Internet-Beibooten bekannter Printmarken gäbe es nicht viel. Nach der großen Zeitschriften-Bestandsaufnahme kümmert sich MEEDIA nun um die Online-Angebote des Verlags. Wie haben sich stern.de & Co. in der jüngeren Vergangenheit entwickelt? Welche G+J-Angebote leiden unter Nutzermangel? Wo gibt hoffnungsvolle Entwicklungen? Und welche Websites gibt es eigentlich abseits der Printmarken?

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Wie schon in unserer G+J-Print-Bilanz haben wir auch für die Online-Bilanz eine komplette Bestandsaufnahme der Gruner + Jahr-Angebote durchgeführt. 35 bis 40 Websites betreibt Gruner + Jahr derzeit, je nachdem, ob man Ableger wie Geolino, etc. als eigenständiges Angebot ansieht oder nicht. Hinzu kommen die Ableger der Joint-Ventures in und Grazia, sowie etwa 30 von der 59,9%-Tochter Motor Presse Stuttgart.

IVW- und AGOF-Zahlen liegen für die große Mehrheit dieser Websites vor – und genau um diese kümmern wir uns in der folgenden Analyse. Im Gegensatz zum 5-Jahres-Vergleich der Print-Bilanz setzen wir in der schnelllebigeren Internet-Welt aber nur die Zahlen aus 2012 und 2010 ins Verhältnis. Aus den vielen Websites werden dabei 37 bei der IVW gelistete Angebote. Zwar gibt es nur für sieben keine IVW-Zahlen, doch werden viele Sites zu Angeboten zusammengefasst. So zählt dogs-magazin.de zum Beispiel zu livingathome.de, Beef.de und JamieMagazin.de zu essen-und-trinken.de, und die Motor Presse hat aus elf Websites von Anglernetz.de über Mountainbike-Magazin.de bis Taucher.net das IVW-Angebot Outdoorchannel.de geschaffen.

Der Blick auf das Top-25-Ranking der G+J-Angebote zeigt zuerst einmal, dass die einzige echte Online-Erfolgsstory wohl Chefkoch.de heißt. Das Rezepteportal ist mit derzeit 30,6 Mio. Visits klarer Marktführer im Segment Essen und Trinken und wuchs in den vergangenen zwei Jahren um satte 86,2%. Eine ähnliche Zuwachsrate erreichte in der Top Ten auch die Familiencommunity urbia, die sich um 80,8% auf fast 7 Mio. Visits steigerte.

Ebenfalls deutlich nach oben ging es – auf geringerem Visits-Niveau – für essen-und-trinken.de, Living at Home, schoener-wohnen.de und das Motor-Presse-Duo Flugrevue & aero.de. Die großen Printmarken wuchsen im Betrachtungszeitraum hingegen nicht so stark: stern.de stagnierte mit einem Plus von 4,6% sogar fast. Zum Vergleich: Haupt-Konkurrenten wie Bild.de (+42,2%), Spiegel Online (+26,3%), Focus Online (+65,5%), Welt Online (+44,6%) und Süddeutsche.de (+24,9%) erreichten im selben Zeitraum viel deutlichere Steigerungsraten. Auch die FTD blieb mit einem Plus von 21,3% unter dem Branchen-Durchschnitt.

Für andere große Printmarken sieht es im Internet noch viel schlimmer aus. So verloren Titel wie Börse Online und Capital sogar Visits, Geo gewann mit 6,8% nur in etwa auf stern-Niveau hinzu. Ohnehin ist es fast unglaublich, dass ein traditionsreiches Magazin wie Capital im Internet nur auf 433.847 Visits in einem gesamten Monat kommt. Und ein Magazin wie P.M., das mit seinen Ablegern eigentlich fabelhaftes Material für eine Online-Aufbereitung besitzt, erreicht gar nur 265.322 Besuche. Richtig peinlich wird es noch weiter hinten: National Geographic sammelte im Juli 158.106 Visits, in ganze 131.171 und Grazia 67.282.

Der Blick auf die Unique-User-Zahlen der AGOF bringt keine völlig anderen Erkenntnisse. Auch hier stagniert stern.de mit einem Plus von 5,4% fast, deutlich nach oben ging es hingegen in der Top Ten für Chefkoch.de, urbia, auto motor und sport und essen-und-trinken.de. Sogar verloren haben hier kino.de, Gala.de, boerse-online.de, capital.de und video.de. Die beiden einzigen Nutzer-Giganten sind Chefkoch.de und stern.de, das hier immerhin auf Platz 6 der Nachrichten-Websites liegt (bei der IVW ist es derzeit nur noch Rang 9).

Die Zahlen zeigen also recht klar, welche Probleme Gruner + Jahr im Netz derzeit und seit Jahren hat. Man hat es versäumt, neben den Printablegern durch Neugründungen, Zukäufe, etc. große Marken zu schaffen. Die Ausnahmen heißen Chefkoch.de und urbia. Doch auch bei den eigenen Traditionstiteln läuft längst nicht alles rund: stern.de verliert gegen die Konkurrenz an Boden, große Marken wie P.M., Capital oder National Geographic dümpeln im Netz vor sich hin und selbst ein Magazin wie Geo kommt nur auf 1,3 Mio. Visits. – viel zu wenig für eine so bekannte Marke. Ebenfalls erstaunlich: Das junge und moderne Neon ist mit 1,2 Mio. Visits auch kein allzu großer Klickbringer.
Das Beispiel von Chefkoch, der noch von Ex-CEO Bernd Kundrun für angeblich acht Millionen Euro übernommenen Cook-Community, zeigt dabei auch, dass mit Zukäufen hohe Wachstumsraten zu realisieren sind. Doch dafür schienen lange kaum Mittel verfügbar. Anders als bei Springer, wo etwa für Immonet, AuFeminin oder SeLoger hohe Summen locker gemacht wurden, oder bei Burda, wo Tomorrow Focus mit elitepartner oder holidaycheck kräftig und teuer am Markt akquirierte, fehlten bei Gruner + Jahr über Jahre Mittel und Möglichkeiten, erfolgreiche und wachstumsstarke Marken zuzukaufen. Im Umfeld des Hamburger Verlages wird dies mit Verweis auf die regelmäßige Abführung der Unternehmensgewinne an die Gesellschafter erklärt, weshalb für große Reinvestitionen in Digitalprojekte kein finanzieller Spielraum verblieben sei. Chefkoch.de ist deshalb die namhafteste contentgetriebene Fremderwerbung im Online-Bereich.

Es gibt also viel zu tun für die kommenden Gruner+Jahr-Chefs. Will der Verlag im Internetgeschäft der Zukunft eine halbwegs relevante Rolle spielen, darf nicht mehr allzu viel Zeit verloren werden, und auch Investitionen erscheinen unausweichlich.

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