Krach in der Rot-Rot-Koalition

Publishing Bei Gruner + Jahr liegen derzeit, kein Wunder, die Nerven blank. Erst die Abwatsche für Vorstandschef Bernd Buchholz via manager magazin (bei dem G+J Gesellschafter ist), dann die kolportierten Endzeit-Szenarien für die Wirtschaftsmedien des Verlags. Verständlich, dass da auch Führungskräfte auf der Zinne sind. Aber wie kurzsichtig und, Entschuldigung: peinlich ist das denn? Ausgerechnet die seit Anbeginn hoch defizitäre Financial Times Deutschland meldet heute: "Handelsblatt schreibt rote Zahlen".

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Bei Gruner + Jahr liegen derzeit, kein Wunder, die Nerven blank. Erst die Abwatsche für Vorstandschef Bernd Buchholz via manager magazin (bei dem G+J Gesellschafter ist), dann die kolportierten Endzeit-Szenarien für die Wirtschaftsmedien des Verlags. Verständlich, dass da auch Führungskräfte auf der Zinne sind. Aber wie kurzsichtig und, Entschuldigung: peinllich ist das denn? Ausgerechnet die seit Anbeginn hoch defizitäre Financial Times Deutschland meldet heute: "Handelsblatt schreibt rote Zahlen".
Die in Düsseldorf erscheinende Tageszeitung sei "in die Verlustzone gerutscht", frohlockt der Hamburger Rivale auf der Website ftd.de, zitiert genüsslich aus einem Interview des Fachmagazins Wirtschaftsjournalist mit Dieter von Holtzbrinck-Intimus Michael Grabner und orakelt über mögliche Auswirkungen:
"Ob die wirtschaftliche Lage und Grabners öffentliches Eingeständnis Folgen für die Redaktion und damit die journalistische Qualität haben, ist unklar. Die vor einem Jahr im Fachmagazin "Kontakter" angekündigte Online-Offensive verläuft aber offensichtlich nicht wie geplant. Damals hatte es geheißen, die Online-Redaktion des "Handelsblatts" werde mittelfristig von 50 auf 100 Journalisten verstärkt. Laut Impressum sind bei "Handelsblatt Online" derzeit aber nur 23 Journalisten tätig."
Seltsam nur, dass eine der Kernaussagen des Verleger-Vertrauten Grabner hier unerwähnt bleibt: Der Holtzbrinck-Mann hatte auf die Frage, ob sein Haus an einer Übernahme der FTD interessiert sei, dankend abgewunken, und erklärt:
"Ich bin sicher, dass Gruner + Jahr sehr genau überlegen wird, wie sie die Wirtschaftspresse künftig steuern werden, und auch, ob das Zusammenlegen der Redaktion wirklich ein Erfolg ist. Ich hätte das nicht gemacht. Als Wirtschaftsmedium sind Sie kein Autohersteller, der einfach mehrere Marken auf ein Chassis baut. Medienmarken müssen ein kreatives Eigenleben führen. Das spürt auch der Nutzer."
Tatsache ist: Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart, ein erfolgshungriger langjähriger Spiegel-Mann, hat sich in Düsseldorf eingegrooved und seine Linie gefunden. Steingart macht einen sehr achtbaren und in der Branche sichtbaren Job, sein täglicher Newsletter Morning Briefing sorgt für Furore und beschert dem Holtzbrinck-Wirtschaftsweisen über die eigene Leserschaft hinaus Aufmerksamkeit. Von FTD-Oberchef Steffen Klusmann hört man eigentlich nur, wenn es – wie so oft – um eine Blattdiät seines Tagestitels geht. Gerade hat die News die Runde gemacht, dass die FTD unter der Woche schmaler wird und freitags eine magazinigere Ausgabe bekommen soll. Das Handelsblatt hat letzteren Schritt längst vollzogen. Während für Lachsrosa die Luft immer dünner wird, scheinen die Düsseldorfer aus dem Vollen schöpfen zu können, auch dank eines klugen und weitsichtigen Verlegers.

Über die wirtschaftliche Lage des Segments mag man streiten; der Aufmerksamkeitswert, den Steingart seinem Handelsblatt verschafft hat, ist beachtlich. Und weil er Profi ist, nimmt er die Einladung, die erneut in die Diskussion geratenen Wirtschaftsmedien herablassend zu behandeln, allzu bereitwillig an – in Form einer Gratis-Abo-Aktion für abtrünnige FTD-Leser. Ein unmoralisches Angebot, aber publizistisch effektiv und zugleich eine Steilvorlage zum Eigentor für den so kühl belächelten Konkurrenten. Umso erstaunlicher, dass man diese in Hamburg so willig annahm. Zumal man hier Steingarts Sticheleien ja allzu gut kennt, hatte der Handelsblatt-Chefredakteur doch bereits zum Diensteintritt Gruner + Jahr empfohlen, die FTD wegen Perspektivlosigkeit vom Markt zu nehmen.
Man kann ebenso streiten, ob dies ein guter Stil unter Wettbewerbern ist. Aber Steingart hat in diesem Duell objektiv Oberwasser, er kann agieren, wo sein Konterpart Steffen Klusmann, der Multikulti-Oberchefredakteur der unterschiedlichen G+J-Wirtschaftstitel nur blindwütig austeilen kann. Und schon deshalb sollte der Hamburger sich zurückhalten, weil der vielfach kolportierte insgesamt dreistellige Millionenverlust seines Blattes für ihn stets zum Bumerang wird. Stattdessen ist heute auf ftd.de zu lesen:
"Offenbar zwingt die angespannte wirtschaftliche Lage den Verlag bereits zu ungewöhnlichen Mitteln: Um seiner Vertriebstruppe zur Seite zu springen, verschickte der Chefredakteur des Handelsblatts am Mittwoch eine Massen-E-Mail mit dem persönlichen Angebot, seine Zeitung für 100 Tage ‚frei Haus‘ zu liefern – auch wenn man bei ihm ‚keinen Grill und keinen Tankgutschein‘ bekomme."
Das wirkt ungeschickt und kläglich, nicht nur mit Blick auf die Auflagenverhältnisse, die das Handelsblatt klar vorn sehen. Klusmann verkeilt sich hier in eine Auseinandersetzung, die er nur verlieren kann. Der Gegner spielt seine Karten geschickt: Grabner ist Österreicher, und ausgerechnet die von seinen Landsleuten kontrollierten Medien sind derzeit bemüht, die G+J-Wirtschaftsmedien sturmreif zu schießen. Am Ende könnte genau das Ziel der Holtzbrinck-Truppen sein, was der Strippenzieher Grabner via Interview gerade so kategorisch ausschließt.
Nachtrag: Am Donnerstag macht Steingart sein "100 Tage Care-Paket" noch einmal zum Thema. Mit diesem will er bekanntlich Leser der Financial Times Deutschland beglücken, "die unter der Ausdünnung ihrer Lieblingszeitung leiden". Angeblich hätten 1000 Menschen "beherzt zugegriffen". Der Chefredakteur verspricht, dass sein Angebot garantiert kostenlos sei und "ohne jeden Verlängerungsautomatismus" erfolge. Am Ende gibt’s noch die E-Mail-Adresse vom Chef persönlich, verbunden mit der Aufforderung zur Leserkritik – auch diese PR-Runde geht an Düsseldorf.

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