Berliner Zeitung: Die App lebt

Wer gehört eigentlich zur Zielgruppe von Zeitungs-Apps für Tablets? Michael Braun ist sicher, dass Nachrichtenjunkies, die rund um die Uhr im Web unterwegs sind, nicht dazu zählen. Darum orientiere sich die neue App der Berliner Zeitung für das iPad "am Prinzip der Zeitung", sagt der Geschäftsführer des Berliner Verlags. Das Ergebnis ist schlicht, aber durchaus elegant – und vor allem funktional. Eine Tablet-Opulenz, wie sie DuMont bei der Schwesterzeitung Frankfurter Rundschau anbietet, ist passé.

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Wer gehört eigentlich zur Zielgruppe von Zeitungs-Apps für Tablets? Michael Braun ist sicher, dass Nachrichtenjunkies, die rund um die Uhr im Web unterwegs sind, nicht dazu zählen. Darum orientiere sich die neue App der Berliner Zeitung für das iPad "am Prinzip der Zeitung", sagt der Geschäftsführer des Berliner Verlags. Das Ergebnis ist schlicht, aber durchaus elegant – und vor allem funktional. Eine Tablet-Opulenz, wie sie DuMont bei der Schwesterzeitung Frankfurter Rundschau anbietet, ist passé.

Die App der Berliner Zeitung, die als "Hauptstadt-App" beworben wird, ist seit wenigen Tagen im App-Store von Apple zu finden. Anders als etwa bei der Rundschau, die nur eine Reihe von Themen aus dem Blatt bietet, diese aber aufwändig-magazinig inszeniert, sollen bei der Berlin-App 70 bis 80 Prozent der Inhalte aus der gedruckten Zeitung abrufbar sein. Die regionalen und lokalen Themen sind sogar komplett verfügbar, sagt Braun. Zudem aktualisiert sich die ab 20 Uhr verfügbare Ausgabe mehrmals – um 23 Uhr, am Morgen und gegebenfalls noch einmal am Mittag. "Wir wollten eine ‚lebende‘ App", sagt der Geschäftsführer, der seit Jahresanfang einer von zwei Chefs des Presse- und Medienhauses Berlin ist.

"Titelseite" der Berliner Zeitung für das iPad

Die App soll aber nicht nur leben, sondern viele Arbeitsschritte der Produktion sollen möglichst automatisiert ablaufen, um kostensparend zu arbeiten. Noch rechtfertigen die App-Verkaufszahlen (das gilt für alle Verlagsangebote) üppige Redaktionsetats nicht. Als Sponsor ist zum Start die Fluglinie EasyJet mit an Bord. Nach einer bestimmten Anzahl von Seitenaufrufen innerhalb der App wird eine Werbeseite eingeblendet. Nach der Startphase will der Verlag weitere Werbepartner zu einer Schaltung bewegen.

Das Tagesthema

Braun weiß, dass es ungemein schwer ist, neue Leser oder sogar zahlende Abonnenten für Zeitungsprodukte zu gewinnen. Ansprechbar für solche Angebote sind vor allem technikaffine Nutzer, die das Prinzip der Zeitung mit Ressorts, einem Anfang und einem Ende, mit eher reduziertem Rückkanal, akzeptieren und für gut befinden. Dabei aber sagen: Mehr Multimedia ist gut, weniger Papier ist noch besser. Wie groß diese Zielgruppe sei, wisse man nicht genau, sagt Braun. Eine Marktforschung soll helfen, die für Tablet-Apps ansprechbaren Nutzer besser kennenzulernen. Braun: "Fest steht immerhin, dass Berlin eine der höchsten Tablet-Dichten in Deutschland aufweist."

Medien-Ressort-Aufmacher

Nach Starten der App geht es gleich mit der Titelseite los, zwischen und innerhalb der Ressorts wird von links nach rechts navigiert. Jeder Text beginnt mit einem großen Aufmacherfoto, der Text fließt in einer breiten, ruhigen Spalte von oben nach unten. Zwischengeschaltet sind je nach Bedarf Bildergalierien oder andere Inhalte. Zeitungsleser sollen sich in der unaufgeregt konzipierten Anwendung wohlfühlen. "Für Zielgruppen, die sich davon nicht ansprechen lassen, muss es andere Produkte geben", sagt Braun. Die Strategie stimmt. Zeitungs-Apps sollten nicht versuchen, sich an Zielgruppen ranzuschmeißen, die das Prinzip Zeitung ohnehin für altmodisch und überflüssig erachten. Was man sich als Nutzer aber schon wünschen würde, wäre eine Option, die Nutzung der App stärker zu personalisieren und auf individuelle Interessen abzustimmen.
Der Start der App bedeutet für die Redaktion, dass exklusive Inhalte aus der gedruckten Zeitung, dazu gehört auch das Magazin am Samstag, nicht mehr kostenlos im Web veröffentlicht werden. "Die Umsätze, die wir im Printgeschäft verlieren, lassen sich durch Onlinewerbung nicht kompensieren. Auch darum werden Online-Bezahlmodelle auch im Berliner Verlag kommen", kündigt Braun an. Die ersten 14 Tage der App-Nutzung sind kostenlos, dann werden für eine Einzelausgabe 79 Cent fällig. Das Monatsabo kostet 13,99 Euro, das Dreimonatsabo 39,99 Euro und das Jahresabo 159,99 Euro. Zum Vergleich: Im Voll-Abo kostet das gedruckte Blatt monatlich 26,40 Euro. Print-Abonnenten können kostenlos auf die App-Inhalte zugreifen. Der Verlag wird zusätzlich Bundles anbieten, also Abomodelle, bei denen es ein Tablet dazugibt.

Berlin-Nachrichten

Die Anwendung ist komplett in HTML5 programmiert und darum auch leichter als Apps, die etwa mit Woodwing-Software gebaut werden, auf Android-Geräte zu bringen. Auch wenn die Zahlungsbereitschaft der Besitzer von Android-Geräten nicht so hoch ist wie die der Apple-Jünger, soll eine Version für das Google-Betriebssystem bald kommen. Auch eine mobile Anwendung für Smartphones ist in der Mache. Nach Euphorie ("Das iPad kommt und die Welt wird rosarot!") und Enttäuschung ("Buhuu, die Nutzer reißen uns unsere Zeitungs-Apps ja gar nicht aus den Händen") folgt nun die Phase des Tablet-Pragmatismus. Die App der Berliner (die wie andere DuMont-Apps von der Agentur KircherBurkhardt konzipiert wurde) macht vor, wie´s gehen könnte.

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