Joyn und WhatsApp beerdigen die SMS

Publishing Das Ende der SMS naht. Totengräber, der für die Mobilfunkanbieter lukrativen Kurznachrichten sind Smartphone-Apps wie WhatsApp. Längst gehören diese Applikationen zu den meistgenutzten Apps überhaupt. Doch ab dem heutigen Mittwoch versuchen die Mobilfunkanbieter den Befreiungsschlag. So führt Vodafone als erster Telekommunikations-Konzern den SMS-Nachfolger Joyn ein - eine smarte technische Lösung, die aber möglicherweise zu spät kommt.

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Vodafone führt als erster deutscher Mobilfunkanbieter Joyn ein. Was mit dem neuen Dienst möglich ist, betont Erik Friemuth, Chef des Privatkundengeschäfts bei Vodafone Deutschland stolz: "Unsere Kunden können damit vor allen anderen einfacher als je zuvor miteinander chatten, über Videotelefonie in Kontakt bleiben, Fotos und Videos live teilen und Dateien austauschen". Damit ist Joyn SMS, MMS, IP- und Videotelefonie in einem.
Der Clou: Nutzer mit Datenflat – und die ist bei Smartphone-Nutzern mittlerweile Gang und Gebe – zahlen für die Nutzung der Dienste via Joyn nichts. Ihr Inklusivvolumen für mobiles Internet wird auch bei Joyn verrechnet. Vodafone-Kunden mit Android-Handys können sich die Software ab heute kostenlos installieren, eine iOS-Version für das iPhone soll folgen. In Zukunft wird der Dienst auf neuen Handys bereits vorinstalliert sein und das Joyn-Logo auf der Verpackung auf die Verfügbarkeit des Dienstes hinweisen.
Auch O2 und t-mobile planen mit Joyn
Das Programm bettet sich automatisch in das Adressbuch ein und erkennt so auch, welche der eigenen Kontakte den Dienst ebenfalls nutzen. Und das dürften immer mehr werden: Auch t-mobile will Ende des Jahres bei Joyn einsteigen, wie das Unternehmen auf seiner Webseite bewirbt. O2 teilte MEEDIA gegenüber mit, man werde Joyn 2013 starten.
Will man die Bedeutung dieser Entscheidung verstehen, muss man zunächst einen kurzen Blick zurück werfen. Joyn könnte nicht weniger sein, als der Nachfolger für die SMS, und die ist ein Stück Technikgeschichte. Waren Telefone im nicht-mobilen Zeitalter noch zum – man mag es sich kaum vorstellen – telefonieren da, änderte sich das mit dem Aufkommen der Handys. Jährlich wurden mehr Kurzmitteilungen versendet. Den Mobilfunkanbietern konnte das nur recht sein. Eine SMS bedeutet für sie nur wenig Aufwand. Eine einzelne Mitteilung verbraucht nur einen Bruchteil der Datenmenge einer normalen Gesprächsminute – kostet dafür hierzulande aber bis zu 19 Cent im Inland.
Zwar sind SMS in den vergangenen Jahren billiger geworden, auch weil sie häufig in Inklusivpaketen angeboten werden, dennoch sind sie weiterhin eine ausgezeichnete Einnahmequelle. Laut Bitkom-Angaben verschickten die Deutschen im Jahr 2010 41,3 Milliarden SMS, vergangenes Jahr sollen es sogar 46 Milliarden gewesen sein.
Das Zeitalter der SMS endet
Und trotzdem: Die Zeiten ändern sich. Mit dem mobilen Internet sind der SMS neue Konkurrenten erwachsen. Die herkömmliche Mail zählt dazu, auch mobile Netzwerke wie Facebook laden mit ihren Apps dazu ein, kurze Nachrichten auch unterwegs auszutauschen – und das kostenlos.
Als absoluter SMS-Killer hat sich in den vergangenen Jahren aber vor allem eine App mit dem Namen WhatsApp positioniert. WhatsApp kann vieles von dem, was auch Joyn können soll: Es erkennt automatisch, welche Kontakten den Dienst ebenfalls installiert haben, ermöglicht den kostenlosen Versand von Kurznachrichten und Dateien. Damit beschränkt sich der Dienst im Gegensatz zu Facebook auf das wesentliche für Handynutzer.
Mit Erfolg: Im Frühjahr vermeldete das Portal BGR, dass täglich 10 Milliarden Nachrichten über WhatsApp versendet werden – Tendenz steigend. In den Niederlanden geht der SMS Konsum bereits zurück, was auf WhatsApp zurückgeführt wird. Unter diesem Aspekt ist es nicht verwunderlich, dass die Mobilfunkanbieter nun reagieren. Die Frage ist nur, ob sie das nicht zu spät tun.
Ist es schon zu spät?
Joyn hat durchaus Vorzüge gegenüber WhatsApp. Es wurde in Zusammenarbeit verschiedener Mobilfunkanbieter und Handyhersteller entwickelt und läuft über einen anderen Übertragungsstandard als das von einem separaten Unternehmen entworfene WhatsApp. Joyn wird aller Voraussicht nach sicherer sein, als die Konkurrenz-Software, die erst vor kurzen eine Verschlüsselung einführte. Außerdem soll es bei künftigen Handys direkt in das Betriebssystem integriert sein und wird dadurch wohl flüssiger laufen, als über eine separate App. Mit Videotelefonie und der Nutzung von ortsbasierten Diensten kommen zudem weitere Funktionen hinzu.
Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob die Unternehmen zu lange an der SMS festgehalten haben. Der Start von Joyn verzögerte sich. Eigentlich sollte der Dienst bereits im Frühjahr starten, was schon spät gewesen wäre. WhatsApp ist mittlerweile die meistgenutzte Applikation in Deutschland, aber auch in anderen Ländern. Ob sich die Nutzer ohne Not auf einen anderen Dienst umgewöhnen werden, darf durchaus bezweifelt werden.
Hinzu kommt, dass Telekom, Vodaphone und O2 bislang eher verhalten mit Joyn an ihre Kunden herantreten. Auf der deutschen O2-Seite wird eine Suche nach Joyn sogar automatisch in John oder Join geändert. Und der vierte große deutsche Anbieter, E-Plus (Base), plant bislang nicht einmal den Start von Joyn.
So ganz wollen die Mobilfunkanbieter die SMS als Ertragbringer noch nicht beerdigen. Klar ist aber auch: Spätestens ab heute arbeiten auch sie aktiv auf ihr Ende hin.

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