G+J: Rabes vermeidbarer Scherbenhaufen

Publishing Die zu befürchtende Hängepartie um die Entscheidung über seine Zukunft hat G+J-Chef Bernd Buchholz mit einem Knall verhindert, nun ist der Konzern am Zug. Nach dessen fristlosem Rückzug aus dem Gütersloher Vorstand muss sich Bertelsmann in Kürze erklären, wie es an der Spitze der Zeitschriftentochter weitergeht, alles andere schiene unter den gegebenen Umständen nicht darstell- und den Verlagsmitarbeitern nicht zumutbar. Zugleich sinkt damit die Wahrscheinlichkeit einer externen Nachfolge.

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Man kann nicht unbedingt von einer für die Hauptakteure schmeichelhaften Presse reden, die sich in den vergangenen Tagen angehäuft hat. Der Noch-Vorstandschef von Gruner + Jahr musste lesen, dass er aus Sicht der Gütersloher "nur über die Zugkraft einer Spielzeuglokomotive" verfüge. Thomas Rabe, seit Jahresbeginn Chef bei Bertelsmann und damit auch Oberaufseher von Buchholz, nannte die Süddeutsche Zeitung heute einen "eispickelkühlen Vorstandschef".

Obendrein war in der Berichterstattung von etlichen Problemen beider Häuser die Rede – beim Hamburger Verlagshaus von Versäumnissen im Digitalgeschäft, rezessiven Printmärkten oder Spekulationen über die Einstellung sämtlicher Wirtschaftstitel, bei den Bertelsmännern von Wachstumsphanatasien ohne Substanz, von Milliardenschulden oder Zweifeln an Managementfähigkeiten allerhöchster Führungskräfte. Kurzum: Der gesamte Konzern ist im Gerede, und dabei meldet sich mancher, der mit Gütersloh noch eine Rechnung offen hat, öffentlich zu Wort. Zwei Wochen, bevor Rabe den Top 500-Managern seines mehr als 100.000 Mitarbeiter starken Weltkonzerns seine ehrgeizigen Wachstumspläne kundtun will, spöttelt die Süddeutsche über die "Wünsch dir was"-Szenarien der Bertelsmänner. Tolle PR ist das sicher nicht.

Dass Bernd Buchholz, gewohnt, einen Streit mit offenem Visier auszufechten, jetzt die Reißleine zog und dem Aufsichtsrat sein Bertelsmann-Mandat vor die Füße warf, kann ihm allen Ernstes langfristig niemand verübeln. Das Schweigen in Gütersloh nach der vernichtenden Kritik am Hamburger Statthalter im Manager Magazin war Zeichen genug: Seine Tage als CEO waren ohnehin gezählt. Unterm Strich tat Buchholz intuitiv das Richtige, in dem er sich nicht in der Deckung verschanzte. Die Unruhe im eigenen Haus ist groß, der Schaden bereits eingetreten. Jedes Gerücht verbreitet sich in den Fluren am Baumwall wie ein Lauffeuer, die Verunsicherung ist spürbar.

Über die Frage, welche Leistung der seit Januar 2009 amtierende G+J-Chef vollbracht und welche er möglicherweise schuldig geblieben ist, wird noch an anderer Stelle zu reden sein. Unterm Strich bleibt, dass er am Ende das Vertrauen in Gütersloh eingebüßt hat und somit auf verlorenem Posten stand. Deshalb ist der zeitnahe Vollzug des nur zu offensichtlich angestrebten Chefwechsels das logisch Gebotene, und mit seinem Vorpreschen hat Buchholz – die Spekulation liegt nahe: wohl auch nach dem Kalkül der Konzernspitze – die Fakten geschaffen, die den Übergang enorm beschleunigen dürften.

Einem Weltunternehmen wie Bertelsmann steht zweifellos die Entscheidung zu, jederzeit darüber zu befinden, ob man einer exponierten Führungskraft noch zutraut, die Geschäfte voranzubringen. Dabei darf die Messlatte hoch angesetzt werden, das Leistungsprinzip unerbittlich eingefordert werden. Aber man fragt sich, ob es zu der oft beschworenen Unternehmenskultur bei Bertelsmann passt, in welcher Weise hier ein langjährig tätiger Chefmanager der Demontage preisgegeben wurde, und sei es nur in Form der unterlassenen Hilfeleistung angesichts von im öffentlichen Raum stehenden Vorwürfen. Es muss doch möglich sein, eine so gewichtige Personalie geräuschloser abzuwickeln, wenn sie denn geboten scheint. Der Scherbenhaufen, der sich nun auftürmt, war vermeidbar.

Für Thomas Rabe erhöht das den Druck. Man wird noch genauer hinhören, was er zur Konzernzukunft vorzutragen hat, wird die angepeilten Wachstumsplattformen noch kritischer unter die Lupe nehmen und noch energischer eine klare Ansage zu seinen Zielen bei Gruner + Jahr einfordern. Da ist zum einen die anstehende Regelung der Nachfolge von Bernd Buchholz. Da die Zeit drängt, kommt eigentlich nur eine haus- oder konzerninterne Regelung in Betracht. Man hört in diesem Zusammenhang den Namen von Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein, aber immer lauter auch den von Thomas Hesse, dem neuen Bertelsmann-Vorstand für Unternehmensentwicklung. Er könnte (ebenso Klein) auch interimistisch einspringen, bis eine endgültige Lösung gefunden bzw. die Frage der Übernahme der Anteile der Jahr-Familie geklärt ist.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, hätten die Jahrs die von Bertelsmann nicht kommentierten öffentlichen Anwürfe gegen Buchholz sowie die Spekulationen über Nachfolger als "stillos" empfunden. Und sie werden wohl auch die Mutmaßung von Ex-Bertelsman-Manager Jürgen Richter auf Anfrage von SZ-Autor Hans-Jürgen Jakobs mit Interesse lesen. Man könne die geplante Komplett-Übernahme auch so sehen, sagt Richter, "dass der Verlag ohne die Jahrs viel besser zu verkaufen ist". Diese Variante dürfte noch lange in den Köpfen tausender G+J-Mitarbeiter spuken. Daran wird auch das heute als Reaktion auf den Buchholz-Rückzug per Presseerklärung von Bertelsmann abgegebene Bekenntnis, man stehe als Mehrheitsgesellschafter "unverändert" zu Gruner + Jahr und unterstütze "die Weiterentwicklung des Unternehmens", kaum etwas ändern.

Und Bernd Buchholz? Für ihn geht es um eine Abfindung, die Beobachter im zweistelligen Millionenbereich ansiedeln. Denn die freiwillige Niederlegung seines Mandats im Konzernvorstand hat formal keine Auswirkungen auf die Gültigkeit seines CEO-Vertrags bei Gruner + Jahr.

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