Anschwellender Bocksgesang am Baumwall

Publishing Der Artikel im manager magazin über Pläne des Bertelsmann-Chefs Thomas Rabe, die volle Kontrolle bei Gruner + Jahr zu erlangen, klingt wie der Auftakt zu einer hanseatischen Tragödie. Für Gruner + Jahr könnte im auf Wachstum getrimmten Bertelsmann-Reich bald kein Platz mehr sein. Innerhalb des Medienkonzerns hat der Traditions-Verlag kaum noch Luft zum Atmen. Die Ereignisse der vergangenen Tage lesen sich wie erste Stufen einer Eskalation an deren Ende ein Verkauf Gruner + Jahrs stehen könnte.

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Der neue Bertelsmann-Chef Thomas Rabe hat sich vielfach dokumentiert eine anspruchsvolle Innovations- und Wachstumsstrategie vorgenommen. Gruner + Jahr verliert jedes Jahr mehr und mehr an Wert. Das Print-Geschäft ist stagnierend bis rezessiv. Neue Umsätze durchs Digitalgeschäft können Verluste aus dem alten Stammgeschäft nicht ersetzen. Nach Lesart von Thomas Rabe muss Gruner + Jahr ein Klotz am Bein sein. Und es sieht nicht so aus, als würde aus diesem Klotz in absehbarer Zeit ein geschliffener Ertragsdiamant. Das manager magazin zitiert einen namentlich nicht genannten Investmentbanker mit den Worten, Gruner sei Rabes "Achillesferse".

Die Konstruktion als Tochterunternehmen von Bertelsmann erlaubt es G+J nämlich gar nicht, aussichtsreiche neue Geschäftsfelder im großen Stil zu erschließen (siehe die von Bertelsmann torpedierte Übernahme des Marktforschungsunternehmens Yougov). Ergo: Innerhalb des Bertelsmann-Reiches hat Gruner + Jahr keine wirklichen Wachstumsperspektiven. So einfach kann man das sehen. Auch wenn das so zugespitzt niemand der beteiligten Manager offen aussprechen würde.

Nicht ganz zufällig spielt das manager magazin auf die erfolgreichen Digital-Strategien von Burda und Axel Springer an. Bei beiden Häusern wird digital gutes Geld verdient. Das ist korrekt, aber der Vergleich ist gegenüber G+J unfair. Burda und Springer können frei agieren – beide Unternehmen machen ihre profitablen Digitalumsätze längst abseits vom medialen Kerngeschäft mit Stellenbörsen, Vermarktungsfirmen, Reisevermittlungen. Als G+J Yougov kaufen wollte, stoppte Rabe die Übernahme in letzter Sekunde, laut mm mit dem Verweis „zu weit weg vom Kerngeschäft.“ Die einst als Hoffnungs-Strategie gehandelte Idee vom Professional Publishing war schnell beerdigt.

Rabe und die Bertelsmänner verlangen von G+J schlicht das Unmögliche: Der Verlagsriese soll rank, schlank und profitabel werden. Aber bitte nur mit Medieninhalten. Die Manager aus Gütersloh dürften selbst sehr genau wissen, dass das nicht funktionieren kann. Die Ereignisse der vergangenen Wochen rund um G+J lesen sich darum wie erste Eskalationsstufen. Zuerst die Geschichte, dass Unternehmensberater von Porsche Consulting den Verlag durchleuchten, um ihn effizienter zu machen. Angeblich war das die Idee von Bernd Buchholz, der den Druck des Mutterhauses gewiss nicht erst seit gestern spürt.

Dann die Enthüllung des manager magazins, dass Bertelsmann die volle Kontrolle über G+J anstrebt, dass die Jahr-Familie angeblich gewillt ist, ihre 25,1% am Verlag abzugeben und die publizistische Demontage von G+J-Vorstandschef Buchholz zur Lame Duck. Was kann da als nächstes kommen: Bertelsmann wird es vermutlich gelingen, die Kontrolle über G+J zu erhalten. Danach dürfte es in Hamburg sehr ungemütlich werden. Wer immer dann G+J führt, wird die Vorgaben von Thomas Rabe erfüllen müssen.

Der Bertelsmann-Chef sucht für die Unternehmensteile seines neuen Reiches immer einen „Sense of Purpose“, hieß es in einem aufschlussreichen FAZ-Porträt über ihn. Für G+J scheint er den „Sense of Purpose“, die Daseinsberechtigung, noch nicht gefunden zu haben. Nun will Rabe G+J offenbar ganz. Oder vielleicht doch gar nicht? Beides kann wahr sein.

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