Übernahmepläne: Quo vadis, Gruner + Jahr?

Publishing "Veränderungswille zahlt sich aus", steht auf einer der ersten Seiten des Geschäftsberichts von Gruner + Jahr 2011. Auf der Seite sind zu sehen: Bernd Buchholz, Vorstandschef von G+J, flankiert von seinen Kollegen Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy. Selbstbewusst sieht das Trio dort aus, weil es sich im Moment der Aufnahme als Krisenbewältiger wähnte. Nun scheint es, als ob der neue Bertelsmann-Chef Thomas Rabe die Situation von G+J etwas anders beurteilt. Er will G+J ganz. Um was zu tun?

Werbeanzeige

"Viel bewegt und erreicht", "über Vorkrisenniveau", "kerngesundes Unternehmen", "außergewöhnliche Printprodukte" – der Geschäftsbericht 2011 sparte nicht mit Lorbeeren. Schließlich hatte G+J eine der schwersten Krisen der Geschichte des Verlagshauses überwunden. In den Umbruchjahren 2008/09 wurden großangelegte Zeitschriftenprojekte wie Park Avenue beerdigt, wurden die Redaktionen der Wirtschaftstitel zusammengelegt, wurde vor allem im Verlagsgeschäft schrittweise Abstand vom Dogma der Dezentralität genommen. 

Buchholz, der den Vorstandsvorsitz Anfang 2009 von dem in aller Eile verabschiedeten Bernd Kundrun übernahm, gelang es tatsächlich, die Rendite wieder nach oben (von 8,1 auf 11,2 Prozent) und die Kostenschraube entsprechend nach unten zu drehen. Die Verlagsbereiche wurden etwas neu sortiert und zwei der drei bekamen mit "Agenda" und "Life" neue Namen. Derzeit wird das Digitalgeschäft unter dem Dach des neu geschaffenen G+J Digital Center gebündelt. Derweil läuft das internationale Geschäft relativ geräuschlos, mit den bekannten Sorgenkindern (u.a. Spanien), Schwächelkandidaten (z.B. Österreich, Osteuropa) sowie Leistungs- und Hoffnungsträgern (China, Indien). Als umsatzsteigernd erwies sich der Ausbau des Corporate Publishing-Geschäfts, dessen Früchte bei großem Wettbewerb im Markt aber wohl noch etwas länger reifen müssen.

Die Baustellen sind nicht weniger geworden: Die Wirtschaftspresse leidet weiter auf hohem Niveau, schwarze Zahlen wollten sich auch im vergangenen Jahr, als die Konjunktur brummte, nicht einstellen. Die FTD steht am Scheideweg, und das nicht erst seit gestern. Die Lifestyle-Blätter Schöner Wohnen und Essen & Trinken dürfen als Vorzeigeblätter herhalten, haben sich aber zu Hochglanzkatalogen entwickelt. Heilige Kühe wie der stern, Geo, Brigitte und Gala suchen allesamt nach Morgenluft in der Abendsonne. Hoffnungsvolle Neustarts wie Yuno wurden wieder beerdigt, gerade scheiterte mit Season der Versuch, ein Lifestyle-Produktmagazin mit E-Commerce-Erlösmodell zum Laufen zu bringen.    

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Glanz des Medienhauses G+J wurde in den vergangenen Jahren angekratzt, blätterte aber nicht gänzlich ab. Die Krise vor drei Jahren war nie existenzbedrohend. Andere Branchen träumen von solchen Renditen. Doch schälte sich immer deutlicher eine Frage heraus, die nun über die Zukunft von G+J entscheidet: Was will Bertelsmann? Arvato-Mann Hartmut Ostrowski, der Vorstandsvorsitzende bis Ende 2011, ließ Gestaltungswillen und Begeisterung vermissen, was Gruner + Jahr anging. Von seinem Nachfolger Thomas Rabe ist bekannt, dass er über einen großen Gestaltungswillen verfügt. Wie es um seine Begeisterung bestellt ist – unklar.

Seinem Kollegen Bernd Buchholz hatte er jedenfalls einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht, als er den Zukauf des britischen Marktforschers YouGov stoppte, als die Tinte quasi schon durch den Füller lief. Für Buchholz, der bereits früh in seiner Amtszeit den Einstieg in neue Geschäftsfelder wie das Professional Publishing versprochen hatte, war das der erste Dolchstoß des neuen Vorgesetzten in Gütersloh. Buchholz mag in seiner bisherigen Administration nicht immer mit Bestnoten geglänzt haben, das via Manager Magazin ausgestellte Zeugnis à la "Spielzeuglokomotive" erscheint aber drastisch übertrieben. Schon Bernd Kundrun beklagte sich, Bertelsmann lasse ausreichend Spielraum für Investitionen von G+J vermissen. Konnte man das damals noch als Schutzbehauptung auslegen, um mit erhobenem Haupt den Baumwall zu verlassen, gibt es mit Verweis auf den Fall YouGov schon mehr Anlass, von einem Ausbremsmanöver zu sprechen. 

Die "alte" Bertelsmann AG hat die Digitalisierung und vor allem die Gründung neuer Geschäftsfelder schon immer mehr als ihre Angelegenheit betrachtet als die ihrer Tochter. G+J hatte etwa gegenüber Springer und Burda immer den Nachteil, nicht so frei agieren zu können, wie das unternehmerisch aus Sicht eines CEOs angebracht gewesen wäre. Im Bertelsmann-Geschäftsbericht ist das nachzulesen. Dort ist unter "Chancen" vermerkt: "Für Gruner+Jahr bestehen in einzelnen Märkten moderate Chancen durch zusätzliche Digitalangebote, höhere Anzeigenumsätze und Heftpreise." Da ließe sich schon fragen: That´s it? Damit hat es sich?

Dazu passt, was das Manager Magazin schreibt: Buchholz sei bedeutet worden, "er möge sich bitte in seine Medienmarken versenken, ihre Inhalte in die Netzwelt überführen, und zwar, wenn’s irgendwie ginge, etwas erfolgreicher als bisher, und sich damit abfinden, dass G+J in Zukunft vielleicht kleiner, aber feiner und, so Gott will, auch profitabler werde." Wenn dem so ist – und daran bestehen wenig Zweifel, dann stellt sich die Frage, was Rabe mit G+J vorhat, wenn die Familie Jahr sich tatsächlich auf den Deal einlässt, 25,1 Prozent an G+J gegen 5 Prozent an Bertelsmann einzutauschen.

Im Digitalgeschäft, das ist unbestritten, gibt es für G+J großen Nachholbedarf. Erst jetzt werden die bisher dezentralen Abteilungen der großen Medienmarken zusammengezogen, wird mit dem Digital Center eine Einheit geschaffen, von der sich die Verlagslenker mehr Schlagkraft und Effizienz versprechen. Ein "House of Content" soll Erlöse mit Zweit- und Drittverwertungen generieren. Eine "Vielzahl der Angebote" sei profitabel, heißt es immer – doch als erfolgreiches Beispiel muss auch immer wieder die Seite Chefkoch.de herhalten, so wie Neon seit Jahren das Paradebeispiel einer erfolgreichen Print-Gründung ist.

Wenn also künftig Bertelsmann noch mehr Einfluss am Baumwall hat, was ist dann zu erwarten? Zunächst ein Management, das sich keine Sentimentalitäten erlauben kann, weil der Bertelsmann-Chef für solche Gefühlswallungen keine Geduld haben dürfte. Es wird kein Zufall sein, dass Buchholz bereits die Prozessoptimierer von Porsche Consulting durch die Gänge des Verlagshauses schickte. Welches Bild, welche Vorstellung die Crew in Gütersloh aber von einem modernen Verlagshaus hat, das sich seiner Premium-Inhalte rühmt, aber wie auch andere Mitbewerber gegen eine Abwärtsspirale anzukämpfen hat, das ist auch bei genauerem Hinsehen noch nicht erkennbar. Mehr Macht, so viel ist klar, bedeutet nicht notwendigerweise mehr Durchblick.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige