Gertrud Höhler: Die beleidigte Kassandra

Fernsehen Gertrud Höhler, 71, arbeitet weiter an der PR-Kampagne für ihr Buch "Die Patin". Nachdem die Professorin und CDU-Expertin bereits einer Autorin der Süddeutschen mit dem Abbruch des Gesprächs gedroht hatte, verließ Höhler nun unmittelbar vor einem Live-Interview mit einer Moderatorin der 3sat-Sendung "Kulturzeit" das Studio. Die Redaktion hatte ihr auf Verlangen die – offenbar nicht genehmen - Fragen übermittelt. Redaktionsleiter Armin Conrad macht seinem Ärger in einem Offenen Brief Luft.

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"Jetzt ist das mit Ihnen für gestern vereinbarte Interview doch nicht zustande gekommen", schreibt Conrad an die "Hochverehrte Frau Professor Dr. Höhler". Leider seien der Redaktion seiner Sendung "keine besseren Fragen eingefallen". Schließlich sei ihnen das Buch, das Höhler über Angela Merkel geschrieben hat und um das es in dem Gespräch gehen sollte, auch auf Nachfrage nicht vom Verlag übermittelt worden. Die Fragen für das Gespräch habe man ihr vorgelegt (siehe hier). Und das, obwohl die Vorab-Übermittlung von Fragen eine "heikle publizistische Geschmacksfrage" sei, bleibe doch das "Gleichgewicht…meistens auf der Strecke."

Dies war dann auch das Ergebnis. Kein Gleichgewicht, die Redaktion plumpste mit der Wippe auf den Boden, weil Höhler auf dem anderen Ende nach Hause gegangen war. Conrad schreibt weiter: "Wir haben in unsere gestrige Sendung, und besonders in den Sie betreffenden Teil, Geld und Arbeitskraft investiert. Ein Film ist recherchiert, produziert und synchronisiert worden. Wir haben viel Aufwand betrieben, um Ihnen das Mitwirken in unserer Sendung so angenehm wie möglich zu machen." Einen Reflex, der Professorin wegen "Nichteinhaltung getroffener Absprachen" eine Rechnung zuzuschicken, habe man "sofort unterdrückt".

Auf die künftige Mitwirkung Höhlers bei "Kulturzeit" werde man nun allerdings verzichten, übermittelt Conrad an die streitbare Publizistin. "Es ist gut zu wissen, dass das deutsche Fernsehen, in dessen Gesprächsformaten Sie ja seit Jahrzehnten zu Hause und dabei hoch angesehen sind, Ihnen genügend andere Gelegenheiten gibt, sich darzustellen. Hoffentlich werden dort die der Qualität Ihrer Gedanken angemessenen Fragen gestellt."

Warum Frau Höhler dermaßen sensibel auf Journalistenfragen reagiert, ist nicht klar. Immerhin weiß sie selber ganz gut auszuteilen. Im Spiegel bezeichnet sie beispielsweise einen CDU-Politiker, der das "System Merkel" kritisiert hat, als "Loser". Ihr Buch ist, soweit sich das nach einem FAZ-Vorabdruck beurteilen lässt, dann auch mehr als eine bloße Abrechnung mit der Bundeskanzlerin. Die Publizistin stelle Merkel in eine Traditionslinie mit den deutschen Diktatoren des 20. Jahrhunderts, schrieb der Spiegel, und hebt auf Sätze wie diesen ab: "Wer Normen und Werte einer demokratischen Gesellschaft zur Manövriermasse macht wie Angela Merkel, der arbeitet am Zerfall der Demokratie."

Allergische Reaktionen bekommen diejenigen Fragesteller zu hören, die Frau Höhler fragen, ob sie aus verletzter Eitelkeit, keine große Rolle mehr in der CDU zu spielen, das Buch geschrieben habe. Diese Frage sollte auch in dem "Kulturzeit"-Stück fallen:  "Frau Höhler, es liegt nahe, dieses Buch als persönliche Kampfansage gegen Angela Merkel zu verstehen. Diese Interpretation lehnen Sie ab. Was haben Sie denn für ein Verhältnis zur Kanzlerin – immerhin gab es zu Beginn ihrer Regierung Gespräche zwischen Ihnen?"

Nach dem üblichen Medien-Mechanismus wird Höhlers Strategie, bei sich bietenden Gelegenheiten in die Haut der beleidigten Kassandra zu schlüpfen, dem Absatz ihres Buches helfen. Sie braucht die Medien, um "Die Patin" bekannt zu machen. Bei nervenden Fragen reagiert sie ungehalten, geht im Zweifel, wie am Mittwoch in der "Kulturzeit". Dies wiederum machen die ihrerseits beleidigten Journalisten zum Thema, wie in der SZ, wie nun der "Kulturzeit"-Chef. Ein Platz auf der Bestseller-Liste kann schon mal für Getrud Höhler eingerichtet werden.

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