‚Ein Nationalspieler folgt mir sogar auf Twitter‘

Fernsehen Zum Start der neuen Bundesligasaison ist im deutschen Fernsehen erstmals auch eine Lippenleserin im Einsatz: Sky hat Julia Probst verpflichtet. Die 30-Jährige schaute bereits bei EM und WM den Spielern genau auf den Mund und veröffentlichte deren Worte auf Twitter. Als @einAugenschmaus erlangte sie durchaus Berühmtheit. Mit MEEDIA sprach Probst über ihre neue Aufgabe, die Veränderungen die sich dadurch in der Bundesliga ergeben und was ihr Wirken mit dem demographischen Wandel zu tun hat.

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Heute Abend beginnt die neue Bundesliga-Saison, bei der du erstmals für Sky als Lippenleserin im Einsatz bist. Also sitzt du heute Abend vor dem Fernseher?
Nein, ich muss nicht vor dem Fernseher hängen. Anders als bei der Fußball-WM oder bei der EM sitze ich nicht live vor dem Fernseher, sondern bekomme das Material zugeschickt und gucke es mir dann an. Ich kann also durchaus das Wochenende genießen. Aber beim BVB Dortmund und dem FC Augsburg fiebere ich durchaus trotzdem mit.
Das heißt, dein Service fließt nicht in die Live-Sendungen mit ein?
Nein. Ich werde ja auch nicht an jedem Spieltag herangezogen werden. Nur dann, wenn Sky mehr wissen möchte.
Das heißt dann auch, du wirst nicht selbst vor der Kamera stehen?
Nein, zum Glück nicht. Aber wenn da die Fernsehzuschauer bei Sky mal fragen sollten, wer denn die Person ist, die diesen Einblick ermöglicht, dann könnte es sein, dass das auf mich zukommt. Dem verweigere ich mich dann auch nicht.
Dein Ableseservice ist ja mittlerweile durchaus bekannt. Aber wie kam der Kontakt mit Sky zustande?
Sky hat mich wohl während der EM im Auge gehabt und dann einfach bei mir angefragt. Dann hatten wir Anfang August ein tolles Gespräch und seit gestern ist es nun offiziell.
Kriegt man als Lippenleserin beim Fußball schauen nicht auch viel mit, was man lieber nicht mitkriegen würde? Ist nicht vieles auf dem Platz Gefluche?
Bisher habe ich die Spiele der Bundesliga nicht so aufmerksam verfolgt wie die unserer Nationalelf. Ich schau mir ganz selten die Spiele an, nur wenn ich wirklich Lust habe. Ich kann mich erinnern, dass ich mal 2009 Tim Wiese im TV sah und ihm ein Fehler unterlief, der zu einem Tor führte. Wiese war da nach dem Tor natürlich sauer, was man auch sehen konnte. Aber sein Gemurmle zu sich selbst: "Mensch, das kotzt mich aber an" war ziemlich mild.
Du hast mal geschrieben, dass in anderen Ländern mehr Lippenleser zum Einsatz kommen und die Spieler da bereits darauf reagieren, etwa dadurch, dass die ihren Mund verdecken. Glaubst du, dass wird in Zukunft auch in Deutschland verstärkt zu beobachten sein?
Ich halte es für möglich, ja. Özil hat ja schon bei der EM gewusst, wie er sich effektiv schützen kann beim Spiel gegen Portugal. Es gibt ein Bild von Özil und Cristiano Ronaldo auf der Bank von Real Madrid, wo sie sich unterhalten, aber die Hand vor dem Mund haben.
Nun spielt Özil ja in Spanien, da gibt es häufiger Lippenleser, oder?
Dass Lippenleser in Deutschland direkt beim Fernsehen arbeiten, ist neu. In Italien und in Spanien ist das anders. Da sind Lippenleser keine Seltenheit im Sport. In den USA arbeiten Lippenleser sogar bei der NFL – die gegnerischen Teams spionieren sich gegenseitig aus. Von Deutschland weiß ich bisher nur, dass der DFB damals beim Vorfall zwischen Asamoah und Weidenfeller Lippenleser hinzugezogen hat, aber nicht mich.
Was glaubst du, warum in Deutschland erst jetzt Lippenleser, oder genauer: eine einzelne Lippenleserin für das TV im Einsatz ist, in anderen Ländern aber schon länger?
Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich denke mir aber, dass es auch daran liegt, dass in Deutschland durch die extreme Aussortierungspolitik von Menschen mit Behinderung aus der Gesellschaft keine richtige Aufklärung stattgefunden hat. Ich erlebe ja immer wieder auf Partys diese Frage auf mein Outing, dass ich nicht hören kann: "Aber wie verstehst du mich dann?" "Ich lese von den Lippen ab." "Ah, davon hab ich mal gehört, cool. Und das machst du die ganze Zeit? Hammer." Oder kurz gefasst: In Deutschland sind gute Lippenleser rar gesät.
Hast du von Spielern schon einmal Feedback auf deine Tätigkeit bekommen?
Bisher nicht, aber ein Nationalspieler folgt mir sogar auf Twitter.
Wer?
Da genieße ich und schweige.
Aber Follower ist ein gutes Stichwort. Du hast mittlerweile über 22.000 – vor 2 Jahren hast du MEEDIA ein Interview gegeben, da waren es noch 720. Du nutzt Twitter ja auch viel für deinen Einsatz für mehr Barrierefreiheit und Inklusion. Ist der Fußball somit so eine Art Ventil für dich geworden, mehr Leute auch mit diesen Themen zu erreichen?
Ja, der ganze Ableseservice hat sich zu einer guten Kombination entwickelt, um mehr Aufmerksamkeit für Barrierefreiheit und Inklusion zu erreichen – dies ist besonders wichtig für den demografischen Wandel, der uns bevorsteht. Ich begreife den demographischen Wandel als eine Chance für unsere Gesellschaft, weil Barrierefreiheit damit ganz stark verbunden ist.
Inwiefern?
Die Angst vor dem Alter entsteht doch auch dadurch, dass man abhänigiger wird von der Gesellschaft, weil man eben nicht mehr alles selbst machen kann oder gewohnte Ziele mühseliger zu erreichen sind, weil man nicht mehr gut zu Fuß ist. Im Hinblick auf Menschen mit Behinderungen, für die Barrierefreiheit sowieso wichtig ist, sehe ich den demografischen Wandel daher als Chance an. Durch ihn kann es sein, dass Barrierefreiheit schneller umgesetzt wird, weil eben nicht nur Menschen mit Behinderungen betroffen sind. In Deutschland leben fast 10 Millionen Menschen mit Behinderungen. Barrierefreiheit und Inklusion sind einfach keine Randnischenthemen, sondern betreffen jeden von uns. Interessanterweise ist das Interview mit Meedia von vor 2 Jahren heute in vielen Teilen immer noch aktuell.
Bekommst du das Feedback auch von deinen Followern oder sind viele dabei die nur wissen wollen was die Fußballer sagen, aber ansonsten von dir in Ruhe gelassen werden wollen?
Ich hatte während der EM über 24.000 Follower. Davon sind natürlich nach der EM welche abgesprungen. Mir war aber von Anfang an völlig klar war, dass eben auch welche darunter sind, die sich nur für Fußball interessieren und mich als reine Übersetzungsmaschine ansehen. Aber ich bin eben mehr als nur eine Übersetzungsmaschine und das wissen die meisten meiner Follower auch. Die mögen es sehr, dass ich ihnen einen Einblick in die Welt der Gehörlosen verschaffe.
Hast du denn je Gedacht, dass aus dem eher als Hobby entstandenen Ableseservice mal einerseits ein in Teilen professioneller Job für dich und andererseits ein starker Kanal für diese Anliegen wird?
Nein, überhaupt nicht. Das war gar nicht mein Plan. Ich hatte nie den Plan mit der ganzen Sache soweit zu kommen. Den Ableseservice habe ich bei der WM 2010 und bei der EM 2012 ohne Bezahlung gemacht – einfach weil es mir Spaß gemacht hat. Zwischendurch habe ich auch schon mal für Adidas gearbeitet. Und jetzt bin ich bei Sky gelandet. Neu ist es also nicht, dass ich dafür bezahlt werde, denn das wurde ich bei adidias auch. Der Schritt ins Fernsehen ist aber neu für mich, also die direkte Verknüpfung. Über mich würde ja schon öfters im TV berichtet.
Welche Erwartungen hast du denn an deinen neuen Job im TV?
Ich lasse das einfach auf mich zukommen und schau, wie es läuft. Das hab ich ja schon auf Twitter gemacht und das tue ich jetzt ja auch. Ich denke, er wird mir viel Spaß machen und den Fernsehzuschauern auch.

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