Das Businessmodell des DTN-Herausgebers

Publishing In mehreren Artikeln hat der Publizist Michael Maier, 54, dem Spiegel in den letzten Tagen eine tendenziöse Berichterstattung vorgeworfen und einem Reporter unzulässige Recherche vorgeworfen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung: Maiers Web-Portal Deutsch Türkische Nachrichten (DTN) und die Frage, ob dieses Teil einer islamistischen Bewegung sei. Der Konflikt schlug Wellen, aber die DTN und deren Dachfirma BF Blogform Social Media sind vielen unbekannt. Ronnie Grob hat Maier in Berlin besucht.

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Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten legen einen Blitzstart hin und sind schon wenige Monaten nach Gründung bei Publikum und Werbetreibenden gleichermassen beliebt. Verantwortlich ist ein Altbekannter: Ex-Netzeitung-Chef Michael Maier. Seine BF Blogform Social Media GmbH gibt auch die Deutsch Türkischen Nachrichten heraus, die derzeit im Clinch mit dem Spiegel liegen.

Von einem besonderen Glanz kann man bei diesem Medium nicht sprechen: Es nennt sich Deutsche‘>, gezeichnet werden die Berichte nicht namentlich, sondern von einem "DWN Redakteur". Sie tragen mitunter einschläfernde Titel wie "Eurozone: Wirtschaft wird auch im dritten Quartal schrumpfen" oder "EZB: Auch Portugal drängt zum Ankauf von Staatsanleihen". Doch die Leser scheinen das zu schätzen. Der Artikel Juristische‘> vom 4. Juli zog nicht nur über 200 Kommentare nach sich, sondern auch über 2200 Facebook-Likes. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten (DWN, seit März 2012) und die Deutschen Mittelstands Nachrichten (DMN, seit April 2011) bringen es derzeit zusammen auf 1,2 Millionen Unique Visitors im Monat. Die Deutsch Türkischen Nachrichten (DTN, seit Dezember 2010) können 0,8 ausweisen.

Diese drei Websites, allesamt auf WordPress basierende‘>Readers Edition. "Wenn Sie mir vor ein paar Jahren gesagt hätten, dass ein Artikel, dessen Schlagzeile die Begriffe ‚Juristische Analyse‘, ‚ESM-Vertrag‘ und ‚Steuerzahler‘ enthält, die Leser fortreisst, dann hätte ich nur gelacht", sagt der Herausgeber, über den ein ehemaliger Netzeitung-Redakteur auf Anfrage schreibt, er sei "ein klassischer, bürgerlicher Konservativer" sowie "ein professioneller, beharrlicher Verkäufer seiner Ideen".

Maiers Ziel ist es, den Lesern globale Zusammenhänge in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Auswirkungen auf Deutschland verständlich und kritisch zu erklären. "Wir versuchen, uns mit gründlich recherchierten, originären, angriffigen und gut geschriebenen Artikel zu profilieren." Quellen zu den Recherchen werden zwar immer angegeben, doch die Angaben bleiben meist allgemein, Links zu den (teilweise durchaus vorhandenen) konkreten Storys werden kaum je im Text verlinkt. Meistens weisen die Links in den Texten auf eigene Storys hin.

Die BF Blogform schreibe schwarze Zahlen und sei unabhängig, versichert Maier. PR mache man aus grundsätzlichen Überlegungen keine. Geld verdient werde einerseits mit Werbung auf der Website, andererseits mit Content-Marketing, also der Bestückung von Kundenportalen mit eigenen Inhalten. Auf der Verlagswebsite wird im Bereich Corporate‘> unterschieden zwischen "Content Marketing" und "Communication". Werbung wird verkauft mit einem eigenen Team. "Wir haben unter anderem IBM, Microsoft, BMW als Werbekunden gewinnen können, ich bin überrascht, wie gut das läuft. Im Wirtschaftsbereich besetzen wir eine Nische", sagt Maier.

Die Redaktion ist überschaubar, lediglich zwölf Leute stellen die Inhalte für die drei Plattformen bereit. Es handele sich dabei um junge Leute um die 30, ihre Namen sind jedoch nicht bekannt. Im Impressum erwähnt sind lediglich zwei Chefs vom Dienst, Anika Schwalbe und Rainer Brunnauer. Maier will das so, denn einerseits findet er es falsch, den Journalisten als Person ins Zentrum zu rücken (er erwähnt den frühen Spiegel unter Rudolf Augstein als positives Vorbild), andererseits hat er bei der Netzeitung negative Erfahrungen gemacht mit Großverlagen, die ihm gute Leute, in die er investiert hat, mit viel Geld abgeworben haben. "Wir wollen aus einer Stimme sprechen, wir schreiben die Artikel auch gemeinsam."

Dass der hohe Output von so wenigen Leute gemeistert wird, überrascht, der befriedigenden Arbeit wird eine hohe Leistungsbereitschaft entgegengesetzt. Die Mitarbeiter seien "sehr gut motiviert" und "marktgerecht bezahlt", sagt Maier dazu. "Wir fangen um 8 Uhr in der Früh an und hören um 2 Uhr in der Nacht auf." Leistungsdruck gab es schon bei der Netzeitung, 2004 hieß es in einem Artikel‘> von einem Redakteur: "Maiers Politik ist die systematische Überforderung."

Vergleicht man die DWN mit anderen Wirtschaftspublikationen, kommt man nicht umhin, einen etwas alarmistischen Ton festzustellen. Maier hält die aktuelle Schuldenkrise für gefährlich genug, um etwas alarmistisch zu sein, allerdings bemühe man sich in den Artikeln stets um ein solides Aufbereiten von Fakten. Habe man sich mal ausführlich beschäftigt mit den undemokratischen Rettungsschirm-Konstrukten, dann sei es einfach, Diskussionen mit ein, zwei ausgespielten Fakten zu beenden. Eine einfache Lösung der Schuldenkrise hat er freilich auch nicht zur Hand, an einen plötzlichen Crash glaubt er jedoch nicht: "Ich glaube nicht, dass alles in die Luft fliegt, es kommt unangenehmer: ein schleichender Prozess wird zur Verarmung von Regionen und Völkern führen." Der seit Jahren in Berlin lebende Österreicher fühlt sich als Europäer, doch er beharrt auf Rechenschaft in politischen Dingen: "Uns ist Vielfalt wichtig, trotzdem sind wir EU-skeptisch. Wir sind gegen einen bürokratischen Zentralismus, der nicht mehr demokratisch legitimiert ist. Euroskepsis ist oft mit Ausländerfeindlichkeit gepaart, doch bei uns werden sie keine ausländerfeindlichen Tendenzen finden."

Dem kontroversen Thema entsprechend branden die Kommentare auf, 2000 freigeschaltete Kommentare in einer Woche sind keine Ausnahme. Bei den DTN dikutierten die Leser so kontrovers, dass die Kommentarfunktion ausgeschaltet wurde. Alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, ist eine Herausforderung, um die sich die männlich und weiblich, deutsch und deutschtürkisch gemischte Redaktion bemüht. Diskussionen um die DTN gibt es aktuell mit der Redaktion des "Spiegel" um den Gründungsherausgeber Ercan Karakoyun, von dem im Archiv fünf‘> zu finden sind, denn Karakoyun ist ein Anhänger der Gülen-Bewegung. Ihrem Oberhaupt Fethullah‘> wird von Kritikern die Absicht vorgeworfen, die Trennung zwischen Kirche und Staat aufheben und einen islamistischen Staat errichten zu wollen. Maier schreibt in‘>, dass man sich mit Karakoyun im November 2011 "freundschaftlich darauf geeinigt" habe, "dass er seine Herausgeberschaft an den DTN niederlegen solle. Denn uns war klar geworden, dass die Gülen-Bewegung – wie jede andere türkische Bewegung auch – extrem polarisiert." Die Position des Spiegel ist auf MEEDIA nachzulesen.

Die Idee der sogenannten Ethno-News hat Maier aus den USA, dort seien zum Beispiel Hispanic News schon lange ein Renner. "Wir sind die erste und einzige Plattform, die sich in deutsch mit Nachrichten für Deutschtürken profiliert." Auf Facebook hat die Plattform, die erst seit 2011 existiert, bereits über 6000 Fans. Michael Maier ist überzeugt, dass der Trend im Netz weiter zur verdichteten Spezialisteninformation geht, die Zeit der General-Interest-Portale dagegen sei eher vorbei. Die Leser kommen hauptsächlich über Empfehlungen, Zugriffe durch Suchmaschinen machen lediglich 5 bis 9 Prozent des Traffics aus. Dementsprechend unwichtig ist ihm die Einstiegsseite geworden: "Die Startseite ist irrelevant geworden, der einzelne Artikel ist für uns die Einstiegsseite."

Wie auch immer man zu Maiers Projekten steht, sie sind eine Bereicherung der deutschen Medienlandschaft. Seine Erfolge zeigen, wo Leser darauf warten, von Journalismus bedient zu werden.

Der Artikel erschien zuerst bei medienwoche.ch und ist eine Übernahme mit Genehmigung des Autors.

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