Familie Jahr: Anteils-Deal mit Bertelsmann?

Publishing Einen Tag vor dem Erscheinungstermin steht die neue Ausgabe des Manager Magazins ab 12 Uhr zum Download bereit. Beim Großverlag Gruner + Jahr wurde dieser Termin heute mit Spannung erwartet. Gleich zum Start des neuen Heftes findet sich ein Artikel des beim Mutterkonzern Bertelsmann bestens vernetzten Autoren Klaus Boldt. Was er berichtet, dürfte das G+J-Topmanagement in Unruhe versetzen: Angeblich steht eine Komplettübernahme durch Gütersloh bevor - High Noon am Baumwall.

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"Jahr und Amen" lautet die Headline des Artikels. Es geht um eine Neusortierung der Eigentumsverhältnisse, und die könnten für das Hamburger Medienhaus gravierende Änderungen mit sich bringen. Bislang hält die Familie Jahr eine Sperrminorität von 25,1 Prozent der Anteile – und immer wieder auch die schützende Hand über den dort agierenden Vorstand. Die mächtige Konzernmutter in Gütersloh kann nicht "durchregieren", sondern ist bei allen wichtigen Entscheidungen auf die Zustimmung des rund zwei Dutzend Mitglieder starken Familien-Clans angewiesen, der von Angelika Jahr-Stilcken angeführt wird.

Magazin-Bericht, Topmanager Rabe (re.) und Buchholz: "zerrüttetes Verhältnis"?
Doch das könnte sich bald ändern. Laut Manager Magazin verhandelt der Mutterkonzern (Jahresumsatz: 15,3 Milliarden Euro) mit den Jahrs über einen Tausch der G+J-Anteile gegen entsprechende Anteile bei Bertelsmann. Gerungen werde um Dividenden und Einfluss, doch die Gespräche seien weit fortgeschritten. Grund für die möglicherweise wachsende Bereitschaft der Familie Jahr, sich von ihren Anteilen zu trennen, sei der Wertverfall von Gruner + Jahr im Digitalzeitalter. Ermittelten Wirtschaftsprüfer 2007 noch einen Wert von 3,5 Milliarden Euro, so sei dieser bereits auf 2,5 Milliarden gesunken. Jedes Jahr, zitiert Boldt "interne Berechnungen" der Konzernmutter, gehe der Wert des Medienhauses um weitere 200 Millionen zurück. Boldt: "Bertelsmann verliert Vermögen wie durch ein leckes Brunnenrohr."
Wie es in Unternehmenskreisen heiße, strebe die Familie Jahr einen Bertelsmann-Anteil von mindestens 5 Prozent an. Zuvor hätte die BHF-Bank ein Gutachten vorgelegt, wonach der Wert des Jahrschen G+J-Pakets knapp 4 Prozent an Bertelsmann entspräche. Die Differenz erkläre sich aus dem möglichen Verzicht auf verschiedene Sonderrechte (u.a. eine Garantiedividende), die die Jahrs bei G+J (Umsatz: 2,3 Milliarden Euro) genießen und auf die sie im Falle einer Einigung möglicherweise verzichten würden. Laut Manager Magazin sollen die Verhandlungen bis Ende Oktober zum Abschluss gebracht werden.
Über die Verantwortung für die Misere des galoppierenden Wertverlust des Unternehmens schreibt Boldt: "An dem Werteverfall, davon ist man in Gütersloh überzeugt, tragen nicht allein die ungünstigen Umstände die Schuld – Springer und Burda sind mit ihrer Internetstrategie erfolgreich –, sondern auch und vielleicht in erster Linie der G+J-Gouverneur Bernd Buchholz." Wie üblich, gibt es für eine solche Einschätzung keine Quelle im Konzern, der diese zugeschrieben werden kann. Doch die Branche weiß, dass der Journalist des Manager Magazins bei Bertelsmann hervorragend verdrahtet ist. Die exklusive Story ist für ihn und sein Magazin ein Scoop, für einflussreiche Größen in Gütersloh möglicherweise nur ein Mittel der Unternehmenspolitik.
Vor diesem Hintergrund sind wohl auch die "der Zentrale" zugeschriebenen Einschätzungen über den G+J-Vorstandschef zu lesen, dem angeblich nachgesagt werde, er gebe sich "gern kernig-bullig", verfüge aber nur "über die Zugkraft einer Spielzeuglokomotive". Und weiter: "Er hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, heißt es im internen Halbjahreszeugnis, Versetzung: nicht ungefährdet." Sollte Bertelsmann demnächst die volle Hoheit über Gruner + Jahr erlangen, ahnt Boldt für die Zukunft des G+J-Chefs "nichts Gutes". Das Verhältnis von Buchholz zu Rabe gelte als "zerrüttet", seit der neue Bertelsmann-CEO entgegen seiner vorherigen Zusicherung die Übernahme der börsennotierten britischen Marktforschungsfirma Yougov durch Gruner + Jahr im letzten Moment gekippt habe.
"Zu weit weg vom Kerngeschäft", habe Rabe seine Entscheidung begründet. Buchholz, der den 100 Millionen Euro-Kontrakt offenbar bereits unterschriftsreif hatte, habe sich "bloßgestellt" und "aufs Kreuz gelegt" gefühlt. Ihm sei bedeutet worden, er solle sich auf seine Medienmarken konzentrieren und darauf, dass diese "ihre Inhalte in die Netzwelt zu überführen, und zwar etwas erfolgreicher als bisher." Beim um den großen Digital-Deal gebrachten Medienhaus sei man seither verstimmt und spreche von einer "Melk-Strategie" der Bertelsmänner. Spätestens am 12. September begegnen sich Rabe und Buchholz persönlich – beim konzernweiten Management Meeting in Gütersloh.
Wie das Manager Magazin drüberhinaus berichtet, wolle Rabe die Kapitalkraft des Konzerns stärken. So plane der Vorstandschef weitere Maßnahmen: Man denke daran, Partner bei den einzelnen Sparten aufzunehmen, etwa bei Random House, der größten englischsprachigen Buchverlagsgruppe der Welt. Hier sei eine Zusammenlegung mit Penguin Books im Gespräch, die zur englischen Pearson-Gruppe gehört. Auch Harper Collins sei eine Option.

Zum Bericht des Manager Magazins teilte das Unternehmen am Nachmittag mit: „Bertelsmann und die Jahr-Holding als Gesellschafter von Gruner + Jahr befinden sich aktuell in Gesprächen über die Lage und weitere Ausrichtung von Gruner + Jahr. Spekulationen über eine mögliche Neuordnung der Anteilsverhältnisse kommentieren wir nicht.“

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