Der ausgebremste Vollgas-Philosoph

Publishing Gäbe es einen Pinocchio-Preis für PR-Meldungen, die Motorpresse wäre diese Woche Favorit: Das Stühlerücken in der Chefredaktion von auto, motor und sport erfolge "im Zuge eines planmäßigen Generationswechsels", texteten die Stuttgarter in der offiziellen Mitteilung und kommunizierten einen für die Branche völlig überraschenden Führungswechsel: Bernd Ostmann, seit 1994 Chefpilot der ams, wechselt aus dem Cockpit ins Begleitfahrzeug und grüßt künftig als Herausgeber und Markenbotschafter.

Werbeanzeige

Dass der 61-Jährige seinen Platz an der Sonne des einflussreichen Magazins freiwillig geräumt haben könnte, halten Kenner des Stuttgarter Verlagsumfelds für nahezu ausgeschlossen. Das Regiment, dass der erklärte Fan hochgezüchteter und entsprechend durstiger Boliden in der Redaktion führte, galt als eisern. Ostmann, sagen viele, gehört zu den Chefredakteuren alter Schule, die ihr Programm unbeirrt durchziehen, auch dann, wenn die Welt da draußen sich gewaltig ändert. Die agieren, als sei Kritikfähigkeit ein Zeichen von Schwäche.
"Benzin im Blut" war der Slogan, den sich das Magazin vor Jahrzehnten gab. Das Credo wurde offiziell nie abgeschafft und spiegelt sich bis heute im Blatt. Das Ergebnis ist eine redaktionelle Linie, die sich an Von-Null-auf-Hundert-Statistiken und Gummigeruch auf der Testrennstrecke weidet und – auch wenn die Anhänger dieser Autophilosophie es stets bestreiten – so tut, als habe man noch eine zweite Welt im Kofferraum.
Natürlich kam man auch bei auto, motor und sport nicht umhin, sich dem Ökotrend und alternativen Antrieben zu widmen. Man tat dies anfänglich spürbar schlecht gelaunt und wenig überzeugt von derartigen Neuentwicklungen, gab den Themen dann Sonderseiten oder pferchte sie in Rubriken, die im Heft neben den aufpolierten Flitzern wie Fremdkörper wirken. Chefredakteur Ostmann war dabei stets Anwalt der PS-Fraktion und freute sich bester Kontakte zu den mächtigen Vorständen der Automobilbranche wie auch zu den einflussreichen Erben des Verlagsgründers Paul Pietsch, die als Gesellschafter nach wie vor über eine Sperrminorität verfügen.
All das war wohl am Ende nicht genug, um davon abzulenken, dass die ams am Markt spürbar schwächelt. Vor allem der Einzelverkauf brach ein, jedes fünfte vor Jahresfrist noch verkaufte Heft bleibt heute am Kiosk liegen. Auch im Anzeigengeschäft verlor der Traditionstitel im Vergleich zum Segmenttrend überproportional. Das gestiegene Umwelt- und Kostenbewusstsein der Leser und die Auswirkungen der Nachhaltigkeitsdebatte gerade auf die Kaufentscheidungen der jungen Generation haben ihre Spuren hinterlassen. Für diese Klientel hatte man bei ams kein Konzept.
Die beiden neuen Chefredakteure, Ralph Alex und Jens Katemann, haben nun die Chance, lange Versäumtes nachzuholen und den Titel behutsam zu modernisieren, ohne die Stammleser alter Schule zu sehr zu irritieren. Die Motorpresse hat unter ihrem erst seit April amtierenden neuen Verlagschef Volker Breid ein deutliches Signal gesetzt. Der mächtige Blattmacher und Vollgas-Philosoph sitzt nicht mehr am ams-Lenkrad. Die Notbremsung als Manöver, das Schlimmeres verhindern soll. Und eine Entscheidung, die konsequent und richtig ist.
Es bleibt zu hoffen, dass der scheidende Chef trotz aller früheren Verdienste seine Herausgeberfunktion nicht zu dominant auszugestalten versucht. Denn der Generationswechsel an der Spitze des wirtschaftlich für die Motorpresse so zentralen Titels schafft Raum für eine Kurskorrektur im Redaktionellen, die das Magazin dringend braucht.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige