Beckedahls Rant: Was bringen Kommentare?

Publishing Mainstream-Unterstützung für Markus Beckedahl: Der netzpolitik.org-Macher hatte sich laut beschwert, dass er seine Zeit mit Leserkommentaren verschwenden müsse, die keinen bis wenig Mehrwert brächten. Eine Position, die Online-Journalisten wie sueddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger teilen: "Ich kann nachvollziehen, was Kollege Beckedahl da argumentiert", sagt er gegenüber MEEDIA. Auch die Macher von SpOn oder Welt Online haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und suchen Lösungen.

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"Ich hab keine Lust mehr." So beginnt Beckedahl seinen Beitrag auf netzpolitik.org, den der bekannte Blogger auf Twitter selbst als Rant bezeichnet, was auf Deutsch  Wutrede bedeutet. Beckedahl weiter: "Ich hab keine Lust mehr, Morgens aufzustehen und Kommentare zu lesen und Abends schlafen zu gehen und vorher nochmal Kommentare zu checken, weil ich einerseits rechtlich verantwortlich dafür bin und andererseits keine Lust auf gruppendynamische Rituale habe." Rund 130.000 Kommentare habe er mittlerweile gelesen – und die meisten seien Zeitverschwendung gewesen.
Mit seinem Beitrag trifft Beckedahl einen empfindlichen Nerv. In den Kommentaren merkt ein Nutzer – sachlich kritisch – an, dass solche Texte nur den Kritikern Recht gäben, die behaupteten, im Internet würde lediglich gepöbelt. Doch egal ob Blogger oder Redakteure professioneller Nachrichtenangebote: Zumindest hinter der Hand wird gerne und ausgiebig über Nutzerkommentare geschimpft. Das Meiste sei nur Pöbelei, belanglos, schlichtweg Zeitverschwendung. Offen sagen will man das aber nur ungern. Die Kommentare dicht zu machen, würde dem kommunikativen Grundgedanken von Blogs widersprechen. Und Verlagsangebote, die meist von vornherein viele Kommentare erhalten, wollen ihre Leser ebenfalls ungern verprellen.
Daher werden die positiven Aspekte hervorgehoben: "Durch die überaus große Zahl der täglichen Beiträge ergibt sich ein breites Spektrum von quasi-wissenschaftlichen Abhandlungen mit qualifizierten Links, hochklassiger Argumentation bis hin zu chatähnlichen Einwürfen, die nicht immer witzig sind", antwortet Werner Theurich, Forums-Verantwortlicher bei Spiegel Online, gegenüber MEEDIA auf die Frage, wie er die Leserkommentare seiner Seite inhaltlich einschätze. Als Community-Manager könne man das Niveau positiv beeinflussen: "Man muss als Moderator vor allem auf den Themenbezug, den Umgangston und die Vermeidung von ständigen Wiederholungen in den Postings achten." Auch der Einfluss von Lobbyisten sei zu begrenzen. "Wenn man auf diese Dinge achtet, kann man Diskussionen durchaus positiv beeinflussen", so Theurich.
Ähnlich sieht es Oliver Michalsky, stellvertretender Chefredakteur der Welt-Gruppe. Mit einer konsequenten Moderation durch ein Community-Team lasse sich bereits viel erreichen. Michalsky betont: "Grundsätzlich gilt: Nutzerkommentare sind willkommen" und: "Ein generelles Schließen der Kommentarfunktion kommt für uns nicht in Frage". Dennoch verstehe er Beckedahls Kritik: "Ich teile Markus Beckedahls Einschätzung, dass es wenige Nutzer sind, die die Stimmung in den Foren negativ zu beeinflussen versuchen". Michalsky sagt, es gebe durchaus Diskussionen auf hohem Niveau. Aber eben nicht nur: "Bei manchen Artikeln überwiegen Kommentare, die gegen die Nutzungsregeln verstoßen, derart, dass wir den Kommentarbereich nach wenigen Stunden oder noch eher schließen müssen."
Auch Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de, kann die Sorgen von Markus Beckedahl nachvollziehen: "Zu oft gehen bei Artikeldebatten der Aufwand und der Ertrag – im Sinne von: Bringt die hier geführte Debatte den normalen Leser weiter? – zu weit auseinander." Das liege häufig daran, dass unter Zeitdruck nicht auf jeden Einwurf reagiert werden könne und sich die Debatte dadurch verselbstständige und abdrifte.
Um dieses Problem zu umgehen wolle man künftig die Kommentarfunktion auf sueddeutsche.de ändern: "Ziel ist nicht mehr, dass möglichst viele Nutzer möglichst rasch und massenhaft Kommentarfetzen unter den Text schreiben – sondern dass wir als Redaktion gut argumentierte Beiträge von Lesern herausheben, andere nach hinten stellen oder bei Pöbeleien auch löschen."
Sowohl bei sueddeutsche.de als auch bei Spiegel Online und Welt Online gibt es ein Community-Management. Eine Instanz, die sich mittlerweile in den meisten deutschen Redaktionen etabliert hat. Das ist in der Regel der Masse an Kommentaren geschuldet und schafft die Möglichkeit, dass sich Experten für diesen Bereich herausbilden. Dennoch löst dieser Ansatz das Problem unsachlicher Kommentare nicht völlig, sondern verlagert es nur. Statt den Autor des Textes erreichen die Kommentare den Community-Redakteur, welcher in vielen, vor allem kleineren Redaktionen nichts anderes ist als eine studentische Hilfskraft oder ein Praktikant.
Ob das nützliche Feedback von dort seinen Weg zum Verfasser des jeweiligen Beitrags findet, ist nicht garantiert und hängt sehr vom aktiven Bemühen des Redakteurs ab. Das kommt einer Abwertung der Kommentare gleich – was die Nutzer wohl kaum motivieren wird, die Qualität der eigenen Kommentare zu verbessern.
Ein anderer Weg könnte die stärkere Nutzung von sozialen Medien sein. Dahin gehe der Trend bei der Rheinzeitung, berichtet Marcus Schwarze, Leiter der Onlineredaktion der Zeitung aus Koblenz. "Das Niveau des Feedbacks in den sozialen Medien ist weit über dem, was uns in den Kommentaren begegnet", berichtet er. Systeme wie Disqus, bei dem Nutzer zum Beispiel ihren Facebook- oder Twitter-Account zum Kommentieren nutzen, könnte die Zukunft gehören.
Auch Beckedahl versucht, eine Lösung für das Problem der überzähligen, qualitativ schlechten Kommentare zu finden. Er fragt, ob die Community das regeln könne, es technische Maßnahmen gebe oder vielleicht die Störer irgendwann zur Vernunft kämen, wenn man ihnen das Problem transparent mache. Die Alternative wäre die Radikalkur: Kommentare schließen.

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