Ruzicka: neue Runde im Prozessmarathon

Marketing Mehr als drei Jahre nach dem Strafurteil und nach fast sechs von elf Jahren Haft traf der Ex-CEO von Aegis Media, Aleksander Ruzicka, am Donnerstag im Landgericht Wiesbaden als Zeuge auf den Firmenanwalt, der mit seiner anonymen Anzeige vom 5. Juli 2005 die Ermittlungen gegen Ruzicka angestoßen hatte. Das Urteil wird erst im November erwartet. Anekdote aus der Befragung zur Person: Ruzicka erklärte, dass er jetzt Chefredakteur sei - bei Gerecht!, der Insassenzeitung der JVA Eberstadt.

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Dieser Firmenanwalt vertritt die zur Aegis Media-Gruppe gehörende Mediaagentur Carat. Diese hat die beiden Geschäftsführer des früheren Agenturkunden ZHP (Zoffel, Hoff und Partner, Anm.) auf Zahlung von jeweils 2,5 Millionen Euro verklagt. Zoffel und Hoff hätten sich der leichtfertigen Geldwäsche schuldig gemacht als über ihre Werbeagentur Teile der Gelder abgeflossen seien, die Ruzicka bei Aegis Media veruntreut hat. Im Gegensatz zur 6.Strafkammer war die 2.Zivilkammer am Landgericht Wiesbaden unter Vorsitz von Richterin Martina Müller mit derselben Materie bestens vertraut und erkennbar gründlich vorbereitet. Der ebenso akribisch vorbereitete Zeuge Ruzicka scherzte nach mehr als vierstündigen Antworten auf Fragen aller Prozessbeteiligten in Anspielung auf seine „Mitfahrgelegenheit“ zurück in die JVA Darmstadt-Eberstadt: „Ich muss um 16 Uhr zuhause sein."

Ruzicka schilderte auf Befragen der Kammer, dass Aegis Media über keinerlei eigene Freispots verfüge, da sämtliche Rabatte von den Medien immer nur kundenbezogen gewährt werden. Auch der Begriff Mediaeinkauf sei unlogisch, da eine Vermittlung von Werbeplätzen zwischen Medien und Kunden stattfindet. Ruzicka führte aus, dass Medienvermarkter dem Einsatz von Freispots (Naturalrabatten) zustimmen müssen und ein Schieberecht haben. Die Kammer hatte von den beiden Zeugen der TV-Vermarkter IP Deutschland und SevenOne Media am Dienstag gehört, wonach diese über den Umfang des Einsatzes von Freispots für ZHP nur schmunzeln konnten und den Umfang dessen als ungewöhnlich einstuften. Ruzicka übergab zum Beweis Jahresvereinbarungen und Commitments zwischen Aegis Media und den TV-Vermarktern dem höchst interessierten Gericht. Sehr zum Missfallen des Firmenanwaltes der Mediaagentur Carat.

Zur Abrechnungspraxis führte Ruzicka aus, dass immer erst am Ende eines Monats klar gewesen sei, welche Werbeblöcke für Spots der ZHP-Kunden genutzt wurden und was der Kunde tatsächlich zu zahlen hat. Da Carat sehr gute Arbeit geleistet und besonders hohe außertarifliche Rabatte für den Kunden ZHP erreicht habe, so Ruzicka, sei das nur unter Berücksichtigung der tariflichen Rabatte vorausbezahlte Kundengeld nicht vollständig verbraucht worden. Carat sei hiernach vertraglich und gesetzlich als Geschäftsbesorger verpflichtet, dieses Guthaben aus Kundengeld an den Kunden zurück zu zahlen, so Ruzicka.

Carat trägt dazu vor, dass sich Zoffel und Hoff bei ZHP der leichtfertigen Geldwäsche schuldig gemacht hätten, weil der Geldfluss von Carat zu ZHP keine Rückzahlung von Kundengeld an den Kunden sondern eine willkürlich durch den Zeugen Ruzicka veranlasste Zahlung aus dem Eigentum der Carat gewesen sei. Zoffel und Hoff hätten dieses Geld ihrerseits an Drittfirmen wie Camaco, Watson oder OH14 durchgereicht. Firmen, die laut Strafurteil Ruzickas Privatsphäre zuzuordnen sind.

Um einen Schadenersatzanspruch mit leichtfertiger Geldwäsche begründen zu können, ist eine Vortat nötig, mit der das Geld zu ZHP gekommen ist. Keine Vortat, keine Geldwäsche, ganz egal was bei ZHP mit dem Geld getan wurde. Darüber streiten die Parteien erbittert seit mehr als eineinhalb Jahren. Weder gegen Reinhard Zoffel noch Volker Hoff wurde seit der Anzeige des Anonymus im Jahr 2005 Anklage erhoben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ruzicka führte weiter aus, dass die Kommerzialisierung von Freispots darin bestanden habe, durch deren Vermittlung an Werbungtreibende ein Sonderhonorar für die Mediaagentur zu erwirtschaften. Am Beispiel des Jahres 2006 schilderte Ruzicka, dass Aegis Media aus einem Freispotvolumen im Wert von rund 110 Millionen Euro Sonderhonorare in Höhe von 17 Millionen Euro erwirtschaftet habe. Im Durchschnitt zahlten danach vor allem kleinere und weniger gut informierte Kunden 13 bis 14 Prozent im Rahmen eines Benefit-Sharings. Im Fall von ZHP wurden 20 Prozent an Carat gezahlt, weshalb ZHP für Carat sehr attraktiv gewesen sei, so Ruzicka.

Wobei unklar bleibt ob geschäftsbesorgende Mediaagenturen überhaupt befugt sind, den wirtschaftlich berechtigten Werbekunden die von den Medien gewährten geldwerten Vorteile nur dann herauszugeben, wenn die Werbekunden dafür Sonderhonorare zahlen.

Da Carat an den für ZHP eingesetzten Freispots deutlich höhere Zusatzhonorare verdient hat als bei anderen Kunden, so Ruzicka, habe ZHP einen deutlich größeren Anteil zum Gewinn der Mediaagentur beigetragen als dies Werbekunden wie Ferrero oder Danone trotz viel höheren Umsätzen getan hätten. Kleinere Kunden seien daher für Mediaagenturen besonders interessant, so Ruzicka. Diese seien eher bereit Zusatzhonorare zu zahlen und Freispots in wenig attraktiven Umfeldern und Zeitzonen zu akzeptieren.

Carat und ZHP können nun noch bis zum 13. September ergänzend schriftlich vortragen. Am 2. November will Richterin Martina Müller ihr Urteil verkünden. Beobachter gehen bei der erbitterten Gemengelage davon aus, dass die durch das Urteil beschwerte Partei den Weg zum Oberlandesgericht (OLG) und Bundesgerichtshof (BGH) gehen wird. Dem Vernehmen nach ist mit einem rechtskräftigen Endurteil kaum vor Ablauf von fünf Jahren zu rechnen.

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