Michael Maier und der Spiegel im Clinch

Publishing Michael Maier war Chef der Berliner Zeitung und des Stern, ihm gehörte die Netzeitung, er forschte zum "Antisemitismus in den Medien der DDR" und gründete eine Firma, die Online-Dienste publiziert. Nun sagt Maier, der Spiegel habe ihn zum "Islamisten" erklärt. Denn die von Maier herausgegebenen Deutsch-Türkischen Nachrichten sollen der umstrittenen Gülen-Bewegung nahestehen. Maier spricht von einem "Lehrstück, wie Journalismus nicht sein soll". Beim Spiegel sieht man das anders.

Werbeanzeige

Seinen Anfang nahm der Streit, dessen Hintergrund Maier in einem Blog-Eintrag aufgeschrieben hat, mit einem Zitat ohne Quellenangabe. In einem Artikel über die Gülen-Bewegung hatte Autor Maximilian Popp Zitate von einem Gülen-Kritiker übernommen, ohne kenntlich zu machen, dass sie aus einem Interview der Deutsch-Türkischen Nachrichten (DTN) stammen. Beim Lesen könnte der Eindruck entstehen, der Autor habe das Gespräch mit dem Gülen-Kritiker selber geführt. Was nicht der Fall ist. In einer online verfügbaren englischen Version des Spiegel-Artikels ist der Zusatz "said in a recent interview" zu lesen, also: "sagte er kürzlich in einem Interview". Diesen Fauxpas gibt man beim Spiegel auch zu. Ein Quellenverweis auf die DTN "wäre korrekt gewesen", heißt es in einer Stellungnahme gegenüber MEEDIA.

Damit hätte die Geschichte beendet sein können. Maier bekam das Angebot, einen Leserbrief zu schreiben, um die Herkunft des Zitats deutlich zu machen, und erhoffte sich ein bisschen Werbung für das Portal als Entschädigung. Doch dieses Angebot zog der Spiegel wieder zurück und es ging weiter. Denn: Gründungsherausgeber der DTN ist Ercan Karakoyun. Der ist nicht nur Stipendiat der Ebert-Stiftung und promovierter Stadtsoziologe, sondern auch Geschäftsführer des Forum für Interkulturellen Dialog (FID). Dem Beirat des Vereins gehören u.a. Rita Süssmuth, Rabbiner Walter Homolka und eine Reihe von Universitätsprofessoren an. Ehrenvorsitzender ist der Prediger Fethullah Gülen, Name und Stimme der Bewegung. Maier sagt, Karakoyun habe seine Herausgeberschaft bei den DTN im vergangenen November "freundschaftlich" niedergelegt – weil das Portal sich "strikter Unabhängigkeit" verpflichtet fühle.

Für diese Verbindung zwischen den DTN und der Gülen-Bewegung interessierte sich nun aber seinerseits der Spiegel. Statt einem Leserbrief bekam Maier Besuch von zwei Spiegel-Journalisten. Die Begegnung beschreibt er folgendermaßen: "Wenige Tage später kamen Woodward und Bernstein und unterstellten mir bei einem Mineralwasser im Berliner Café Einstein in einem Trommelfeuer, dass die DTN ein ganz mieses U-Boot des Islamisten Gülen seien, und dass ich meine journalistischen Standards von Stern und Berliner Zeitung verraten habe." Die Befragung habe er als "Lehrstück von schlechtem Journalismus" erlebt.

Zur Veröffentlichung des Leserbriefs kam es anschließend nicht mehr, Maier schreibt: "Ich war zum Islamisten erklärt worden." Denn es gebe laut Spiegel "relevante Verbindungen" seines Portals zur Gülen-Bewegung. Genau diese bestreitet Maier. In einer ausführlichen Begründung legt die Spiegel-Redaktion nun auf Nachfrage dar, wie sie zu ihrem Urteil gekommen ist. Die Indizien: Der Ex-Herausgeber Karakoyun habe Gülen bei den DTN "gegen liberale Kritiker" verteidigt und gegen "Gülen-kritische Journalisten "gehetzt". Die Trennung von Karakoyun sei nicht so endgültig, wie Maier es darstelle. Die Chefredakteurin der DTN engagiere sich beim FID. Texte der DTN seien wortgleich auf einem offiziellen Gülen-Portal erschienen. Die DTN übernähmen Texte und Fotos von der Zeitung Zaman, dem "Leitmedium der Gülen-Bewegung". Die DTN beteiligten sich auch an einer Kampagne gegen einen türkischen Journalisten, der Gülen kritisch gegenübersteht und der wegen angeblicher Pläne, die Erdogan-Regierung zu stürzen, im Gefängnis sitze. Unterm Strich kommen die Spiegel-Rechercheure zu dem Ergebnis: " Die DTN nützen jede Gelegenheit, um für Fethullah Gülen zu werben." Das Interview mit dem Gülen-Kritiker, mit dem der Disput begann, sei der einzig "wirklich kontroverse Beitrag". Maier sieht das anders. Er hat nachgerechnet und sagt, von den knapp 15.000 Artikeln, die bisher bei den DTN erschienen seien, hätten sich mit Gülen neutral-nachrichtlich zehn Artikel, positiv sechs und kritisch elf Artikel befasst. 

Die DTN richten sich nach eigener Aussage an die zweite und dritte Generation von Deutsch-Türken. Maier sagt, das Portal erreiche eine Million Unique Visitors im Monat. Die DTN wurden in diesem Jahr in der Kategorie Webmagazin mit einer Auszeichnung in Bronze bedacht. Maier sagt, der Newsletter der Seite gehe seit zwei Jahren an alle Integrationsbeauftragten in Deutschland, an Kirchen und andere Institutionen. Ob denen eine geheime Agenda der Seite nicht aufgefallen wäre? Hinter allen Überlegungen steht letztlich auch die Frage, wie gefährlich oder bedenklich die Gülen-Bewegung überhaupt ist. Über den kritischen Artikel im Spiegel hatte Maier selbst geurteilt, er fände das Bild "nicht weit von einer realistischen Einschätzung entfernt". 

Ob der Spiegel demnächst einen Artikel über den Ex-Stern-Chef mit dem Tenor bringt, er habe wissentlich oder unwissentlich einer umstrittenen Bewegung eine Plattform gebaut? Unklar. Klar dürfte derweil sein, dass die von Maier betriebene Blogform Social Media GmbH vor allem der Versuch ist, ein Internet-Geschäftsmodell aufzubauen. Die Firma, die laut Maier rund ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigt, betreibt u.a. auch die Portale Deutsch Russische Nachrichten und die Deutschen Wirtschafts Nachrichten, die erst vor wenigen Monaten online gingen. Maier verspricht sich steigende Werbeerlöse, versucht sich auch an E-Commerce. Als Chef gibt er sich liberal: "Ich werde meine Mitarbeiterinnen nicht zwingen, ihr Kopftuch an der Bürotür abzugeben."  

Werbeanzeige

Alle Kommentare

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige