Die Apple-Szene hat eine Schraube locker

Publishing “Jetzt dreht Apple vollends durch”, dürften hartgesottene Apple-Fans angesichts der aktuellen News aus Cupertino gedacht haben. Offenbar hatte das Unternehmen ein neuartiges Schraubensystem in der Mache. Weil die Köpfe asymmetrisch gestaltet sind, wären Reparaturen nur noch mit Apple-eigenem Werkzeug möglich. Für einen Konzern, der auf geschlossene Systeme setzt, eigentlich ein logischer Schritt. Doch die Hammer-Story war ein gezieltes Web-Experiment, das große Teile der Apple-Szene foppte.

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Day4, eine schwedische Designschmiede, wollte einmal testen, wie einfach es denn sein kann, im Vorfeld eines anstehenden Produktlaunches Gerüchte zu streuen. Dazu posteten die Schweden unter einem Pseudonym auf Reddit.com einen (!) Eintrag, der darauf hinwies, dass der “Obst-Konzern” doch an neuen asymmetrischen Schrauben arbeiten würde. Anbei fand sich ein Foto, das eine Mail auf einem Bildschirm zeigte. Zu sehen war das Rendering einer Schraube mit ungewohntem Kopf. Soweit, so gut. Dann warteten die schwedischen Designer.

Headlines zum "Schraubengate": aus Gerücht wird Nachricht

Es dauerte nicht lange, bis das Apple-Newsportal CultofMac die “Breaking News” verkündete. Das seien die Schrauben, mit denen Apple seine Nutzer künftig von den Geräten ausschließe, ließ die Seite verlauten. Weitere Blogs folgten, auf Twitter und Google+ wurde heftig über die “asymmetrischen Schrauben” diskutiert. Schließlich sprangen sogar Wired und Macworld auf. Die Marschrichtung war klar: Apple riegelt nicht nur sein Betriebssystem ab, sondern nun auch seine Hardware. Rund um Reparaturen an iPhone und iPad hatte sich ein System an Dienstleistern entwickelt, die schlagartig vor dem Problem gestanden hätten, die Geräte nicht mehr öffnen zu können.

Als die neuen Schrauben dann in aller Munde waren, bekannte sich Day4 zu dem offenkundigen Hoax. Es war alles ein Fake, mit dem man die Entwicklung eines Gerüchts zur News analysieren wollte. Das Designteam stellte fest: Schafft es ein Gerücht erst einmal, heftig genug diskutiert zu werden, dass auch ein großer Techblog aufspringt, ist der Rest nur eine Frage der Zeit. Denn mit jeder weiteren Quelle steigt auch die Glaubwürdigkeit. Nach dem Motto: Wenn alle drüber schreiben, wird’s schon stimmen.

Problematisch ist allerdings der Umgang mit den vermeintlichen News. 90 Prozent der Autoren gaben die Infomationen als Fakt weiter, nur zehn Prozent blieben laut Day4 kritisch. Den Schaden tragen zwei Parteien davon. Während sich etliche News-Portale im Rahmen des “Schraubengates” sehr wahrscheinlich über hohe Zugriffszahlen freuen durften, saßen die Leser einem Fake auf. Noch schlimmer: Apples Image leidet unter solchen Falschmeldungen. Und zwar aus demselben Grund, der überhaupt erst die Gerüchteküche so hoch brodeln lässt.

Denn abseits der öffentlich ausgetragenen Prozesses gegen Samsung hält sich der Konzern aus Cupertino bedeckt. Interna werden nicht ausgeplaudert, Gerüchte nicht kommentiert und Produkte erst zum offiziellen Termin vorgestellt. Der letzte große Leak liegt nun schon Jahre zurück. Apple verlor damals einen Prototypen des iPhone 4 in einer Bar, der es wenig später zum Techblog Gizmodo schaffte, welcher damit den größten Scoop seiner Geschichte landete. Seitdem beruhen Informationen über neue Produkte und Bauteile auf Informationen aus Zuliefererkreisen, größtenteils aus Fernost. Wie eine Untersuchung der Berichterstattung der viel zitierten taiwanesischen Digitimes zeigte, kann man sich nur schwerlich auf diese Informationen verlassen.

Day4 brauchte schließlich nur sechs Tage, um große Teile der Macwelt zu narren. Nutzer, die die vermeintliche News in den Social Networks diskutierten waren die letzte Stufe einer Entwicklung vom Hoax zum Fakt. Aus einem Gerücht war Gewissheit geworden. Und aus Gewissheit Verärgerung bei den Nutzern.
Apple wäre gut beraten, derlei Gerüchte künftig zu dementieren. Denn während der Konzern sich bedeckt hielt, bekamen Apple-Kritiker neuen Nährboden.

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