„Jury-Joker“ Gottschalk schon in der Kritik

Fernsehen Über der TV-Unterhaltungslandschaft braut sich was zusammen: Bereits Wochen vor dem zum "Show-Duell" hochgejazzten gleichzeitigen Sendestart der neuen Version von "Wetten, dass..?" mit Markus Lanz und der sechsten Staffel von RTLs "Supertalent schafft es das Thema auf die Titelseiten, vor allem aus einem Grund: dem Wechsel von Thomas Gottschalk, 62, als "Jury-Joker" (Frankfurter Rundschau) ins "Supertalent"-Team. Erstaunlich: Auch das Feuilleton beteiligt sich am Format-Bashing.

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Dass die Bildzeitung einen Show-Unfall, bei dem sich Co-Jurorin Michelle Hunziker während der Aufzeichnungen eine Steißbeinprellung und eine Gehirnerschütterung zuzog, wie heute geschehen zur Schlagzeile macht ("Michelle Hunziker in Klinik!), ist nichts Ungewöhnliches. Aber es fällt auf, dass das Blatt sich schon in den letzten Tagen häufiger mit dem Thema befasste. Am vergangenen Mittwoch war (mit Bezug auf ein Interview seines "Wetten, dass..?"-Nachfolgers in der Hörzu) wenig Schmeichelhaftes über Thomas Gottschalk zu lesen. Markus Lanz erklärte, Gottschalk habe ihn weder angerufen noch ihm zum neuen Job gratuliert. Und der ZDF-Mann äußerte Unverständnis darüber, dass der Entertainer ausgerechnet beim "Supertalent" angeheuert habe. Gottschalk, so Lanz, sei jemand, der bislang für eine "Form der Unterhaltung stand, die völlig frei war von Sarkasmus oder gar Zynismus." Umkehrschluss: Jetzt macht er genau das Gegenteil.
Nur einen Tag später lieferte Bild seinen Millionen Lesern einen Eindruck davon, wie sich der neue Juror bei den Show-Aufzeichnungen schlage – nicht gut, wenn man den "heimlich" vor Ort gewesenen Reportern glaubt. Zu einer "leicht korpulenten" Bäckereifachverkäuferin habe Gottschalk gesagt: "Von einer Profi-Gesangskarriere würde ich dir abraten. Mein Tipp: mehr Singen und weniger Kuchen." Folge: "Sofort laute Buh-Rufe gegen Gottschalk!" Und weiter heißt es über den Ex-ZDF-Mann in seiner neuen RTL-Rolle: "Er bleibt oft blass." Vielleicht noch schlimmer war eine weitere Headline, die Bild in der vergangenen Woche parat hatte. "30 Euro Gage – ‚Supertalent‘ muss sich Zuschauer kaufen", klingt nicht gut für einen, dessen eigene Live-Sendung bei der ARD nach einem Quoten-Desaster frühzeitig gestoppt wurde und der nun antritt, eine neue Attraktion der kommenden RTL-Staffel zu sein.
Das alles lässt erahnen, dass Gottschalk von Bild nicht allzu viele Freundlichkeiten erwarten sollte, wenn die Staffel erst einmal zur besten Sendezeit läuft – vor allem wenn es nicht läuft wie erhofft. Denn dies scheint durchaus möglich. Zwar ist das "Supertalent" immer noch ein Riesenerfolg, aber bereits die fünfte Staffel im vergangenen Herbst verzeichnete rückläufige Zuschauerzahlen, besonders in den Live-Shows. Ein Trend, der durch den prominenten Neuzugang gedreht werden soll.
Bemerkenswert ist, dass sich mit dem vergleichsweise auf Anspruch und Niveau pochenden Neu-Juror auch renommierte Medienjournalisten mit Interesse einem Format zuwenden, das vom Feuilleton sonst gern gemieden wurde. In der Frankfurter Rundschau beschreibt Peer Schader nach dem Besuch einer Show-Aufzeichnung seinen Eindruck: "So richtig wohl zu fühlen scheint Gottschalk sich in dieser Kulisse nicht. Er mag den Leuten nicht ins Gesicht sagen, wenn sie versagt haben. Wie auch? Zu ‚Wetten, dass ..?‘ sind ja immer nur echte Talente gekommen, die ein Kunststück monatelang einstudiert hatten. Beim ‚Supertalent‘ sitzt Gottschalk wie festgetackert hinterm Pult und muss ein paar durchschnittlichen Hundetricks ein Lob abgewinnen."

Neu-Juror Gottschalk (li.): "wie festgetackert hinterm Pult"
Und Spiegel-Autor Stefan Niggemeier, der beim gleichen Termin zugegen war, räsoniert in seinem Blog über die Gründe für die sich hinschleppende und langweilende Darbietung: "Vielleicht hat man, für Gottschalk, tatsächlich kurzfristig all die furchtbaren Trash-, Ekel– und Menschenvernichtungsnummern, die das Format sonst ausgemacht haben, herausgeschmissen und die freien Plätze auf die Schnelle mit irgendwelchen Leuten aufgefüllt, die gerade in einer Fußgängerzone herumstanden und mittelschwere Dinge mittelgut konnten." 
Bei der Einbindung des Ex-"Wetten, dass..?"-Stars sieht Niggemeier ein grundsätzliches Problem: "Gottschalk hat die unglücklichste Rolle. Er versucht den Kandidaten, die von RTL unerklärlicherweise ausgewählt wurden, auf dieser Bühne zu stehen, mit Menschenfreundlichkeit zu begegnen und ihnen irgendwie schonend beizubringen, dass sie ja sympathisch seien und womöglich auch nicht ganz untalentiert (…) Bohlen darf den Betroffenen dann kurz darauf mit gelegentlich sogar wohltuender Direktheit sagen, dass das nix war."
Ab 15. September geht die neue "Supertalent"-Staffel auf Sendung. Für Thomas Gottschalk, der dabei viel mehr zu verlieren als zu gewinnen hat, könnte es ein heißer Herbst werden. Von Dieter Bohlen kann er, einmal in der Kritik, kaum Hilfe erwarten. Auch auf den Beistand der "Supertalent"-Produktionsfirma sollte er nicht setzen – Grundy Light Entertainment fand schon als Dienstleister bei "Gottschalk Live" kein Rezept gegen den Niedergang.

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