Tagesschau fällt auf Shitstorm-Satire rein

Publishing Alles begann mit einem großen Missverständnis. Im Social Media-Recherchefieber stieß die Netz-Redaktion der Tagesschau auf die "Bekenner"-Seite einer angeblichen Shitstorm-Erzeugeragentur und blamierte sich anschließend gründlich mit einem völlig fehlgeleiteten Filmbeitrag für die TagesWebschau. Was sonst noch geschah: Ein offener Brief an den Gala-Chefredakteur mit interessantem Absender machte die Runde, und Google zahlt selbst für tote Angestellte noch Gehalt.

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Aber der Reihe nach. Die berüchtigten Shitstorms brachen in den vergangenen Tagen gleich über mehrere Unternehmen herein. Nach Vodafone und McDonald’s erwischte es Anfang der Woche das TV-Magazin "Galileo" und den Hühnchenmäster Wiesenhof. Der Fall von "Galileo", das von einem rotzlöffeligen Zuschauer via Facebook-Posting wegen eines redaktionellen Fehlers (beim ProSieben-Wissensmagazin verwechselte man Atlantik und Pazifik) verbal übel mitgespielt wurde, erweckte offenbar besonders das Interesse der öffentlich-rechtlichen Webexperten.
Die fanden bei ihren Nachforschungen schnell heraus, dass die Empörungswelle nicht zufällig über "Galileo" geschwappt, sondern von gemeiner Hand vorbereitet worden war. Als Beweis präsentierte man die Postings einer Berliner Social Media Agentur, die hinter der Attacke stecken könnte. Das Problem: Bei der von einem Mitarbeiter von TLGG kreierten Bekenner-Website "We Shit The Storm" handelt es sich um eine Satire-Seite, und das war eigentlich auch für jeden Besucher des Webauftritts überaus leicht erkennbar. Auszug aus dem ersten Posting vom 19. Juli: "Sie haben ein echt mieses Produkt? Ihr Kundenservice ist unter aller Sau? Wir machen Ihren Shitstorm möglich! Individuell. Customized. Fully Reported. Mit echter Scheisse-Garantie." Und weiter: "Schicken Sie uns am besten gleich keine E-Mail, denn unser Kundenservice ist genau so scheisse wie Ihrer. Wir hassen Ihre Nachricht!"
Das ist großartige Werber-Trashprosa, aber sicher schwerlich ernst zu nehmen. Genau das taten aber wohl die Redakteure der TagesWebschau, die auch beim Leistungsangebot der vermeintlichen Shitstorm-Drahtzieher nicht misstrauisch wurden. O-Ton: "Wir sorgen für ordentlich Traffic auf Ihren Social Media Profilen, egal ob Privatperson oder Unternehmen.Wir lassen es auf Ihrem Blog so richtig krachen, dass jeder PR-Berater nur so mit den Ohren wackelt und jedes Krisenszenario sich in Luft auflöst. Unser ShitStorm-Agents verfügen über jahrelange Erfahrung im Pöbeln, Granteln und Trollen. Sie spammen Ihre Timeline voll, dass Ihre Mailbox überläuft."
Schlimm genug, dass die simple WordPress-Seite, die zu diesem Zeitpunkt gerade eine Handvoll Follower bei Twitter aufwies, redaktionell einem ernsthaften Dienstleister zugeordnet wurde und von einem "manipulierten Wut-Gewitter" die Rede war. Schlimmer jedoch, dass die TagesWebschau insgesamt den Eindruck erweckte, dass Shitstorms tatsächlich öfter fingiert würden. Dafür allerdings gibt es bislang keine Anhaltspunkte. Aber es ging noch weiter. Als sich ein Nutzer, der auf der Facebook-Satireseite kommentiert hatte, bei den Öffentlich-Rechtlichen beklagte und monierte, die Redaktion habe ihn quasi als Agentur-Mitarbeiter und potenziellen Shitstorm-Schürer dargestellt, erhielt er eine erstaunliche Antwort.
Darin hieß es: "Sehr geehrter Herr Richel, wir bedauern, dass Sie der Auffassung sind, durch unseren gestrigen ‚Shitstorm‘-Beitrag könnte der Eindruck entstanden sein, dass Sie Mitarbeiter der besagten Agentur sind oder dass Sie in irgendeiner Weise an einem Shitstorm in verursachender Weise beteiligt waren. Wir sehen das nach wie vor anders. Gleichwohl haben wir den Beitrag aus redaktionellen Gründen überarbeitet (…) Insoweit werden Sie nicht mehr in irgendeiner erkennbaren Weise in dem Beitrag erscheinen." Rauflustige Medienanwälte lieben solche Stellungnahmen, und es muss wohl nicht eigens erwähnt werden, dass der Betroffene – obwohl sein Klarname der tagesWebschau-Redaktion bekannt war – vor dem Beitrag nicht kontaktiert wurde und die "Überarbeitung" des Filmbeitrags auf der Website der TagesWebschau keine Erwähnung findet.
Um bei all der Verwirrung den Tatsachen die Ehre zu geben, hier die Richtigstellung des im Netz als "Chief Shitstorm Officer" grüßenden Social Media-Experten Kai Piranha (Echtname: Kai Wels) "Die Berichterstattung der Tageswebschau vom 08.08.2012 (ist) in seiner Aussage irreführend, und es wird hiermit eindeutig klargestellt, dass zu keiner Zeit irgendwelche Firmen die hier dargestellte fiktive Agentur ‚WeShitTheStorm‘ oder irgendein anderes Unternehmen beauftragt hat, die hier erwähnten oder andere ähnliche Shitstorms auszulösen oder Markenseiten auf Facebook, Twitter oder anderen Plattformen zu manipulieren." Unterm Strich also eine ganz dicke Social Media-Ente der ARD-Webschwadron, über deren Konsequenzen man gern auch mal im virtuellen Fachorgan der Tagesschau-Selbstbeweihräucherung lesen würde. Aber man kann ja nicht alles haben.
Wenden wir uns von den tosenden Shitstorms zu einem weit bescheideneren Beschwerdeinstrument der 1.0-Ära zu – dem Offenen Brief. Einen solchen erhielt jetzt Gala-Chefredakteur Peter Lewandowski. Eine Berlinerin und bekennende Gala-Fanfrau "der ersten Stunde" geht mit der Blattmache hart ins Gericht. Sie schreibt: "Die Kundenbeweihräucherung in den Klatschspalten der Gala hat eine Dimension erreicht, die das Maß des Erträglichen weit übersteigt."
Grund für den Ärger der Leserin ist die extrem ausführliche Berichterstattung des Magazins rund um die Fashion Week in Berlin ("Hot in the City"), bei der statt der bekannten Promi-Nasen seitenweise Geschäftspartner der Gala-Vermarktung publikumswirksam in Szene gesetzt worden. Als da (laut Leserin-Kritik) wären: "Mitarbeiter von MPG Media Planning Group, Mattel, Willich Communications, Laurèl, Olsen, Chanel, Thomas Sabo, GMI Luxury Group, Louis Vuitton, Estée Lauder, Reebok, Coty Prestige, Iris von Arnim, Nicole Weber Communications, Guido Boehler Communications, Riani, Allude, Marc O’Polo, Procter & Gamble, Brandzeichen, Prada, KaDeWe, Maybelline Jade, Laverana, Babor, Peek & Cloppenburg." Vielleicht nicht ganz die Klientel, die die geneigte Leserin des People-Magazins von Gruner + Jahr dort erwarten würde. Ebenso zu denken wie die öffentlich im Blog der Berlinerin abgelegte Generalkritik gibt ein Blick in die Vita der Absenderin. Dort steht für den Zeitraum 2003 bis 2012 als Jobangabe: "Hubert Burda Media, Verlagsgruppe Berlin (Anzeigenvermarktung, strategisches Marketing)", rein zufällig das Medienhaus, das die Gala-Dauerrivalin Bunte verlegt. Noch Fragen?
Wer irgendwann im Leben die Chance hat, eine Stelle bei Google zu ergattern, sollte nicht lange zögern, denn der beliebteste aller Arbeitgeber hat auch für die Zeit danach vorgesorgt. Wie das US-Blog Mashable.com in dieser Woche berichtet, stellt Google Mitarbeitern nicht nur gratis Bio-Verpflegung, Fitnesstraining und Waschcenter zur Verfügung, sondern zahlt im Todesfall den Ehepartnern oder Lebensgefährten seiner Angestellten zehn Jahre lang die Hälfte des letzten Gehalts weiter. Das Programm gilt ohne Wenn und Aber für alle 34.000 Angestellten weltweit und umfasst zusätzlich Aktienpakete und je 1.000 Dollar monatlich für Kinder unter 19 Jahren. Die Bewerberzahlen für die raren Jobs beim Suchmaschinen-Konzern dürften weiter in die Höhe schnellen. Sind auch Sie interessiert? MEEDIA gibt Ihnen hier Tipps, wie Sie den kniffligen Einstellungstest überstehen können.
Schönes Wochenende!

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