Der Tod, das Mädchen “Anna” und wir

Fernsehen Der Tod der Münchner Schauspielerin Silvia Seidel bewegt die Menschen. Jedenfalls alle, die alt genug sind, sie in ihrer Rolle als Ballett-Mädchen “Anna” im ZDF-Weihnachts-Mehrteiler von 1987 gesehen zu haben. Die Nachricht von “Annas” Tod reißt einen für einen Moment aus der täglichen Nachrichten-Lethargie zwischen Usain Bolt, Curiosity-Marsroboter und Euro-Krise. “Anna” ist tot. Warum berührt uns diese Nachricht so sehr? Versuch der Annäherung an die Wahrheit hinter der Märchen-Fassade.

Werbeanzeige

Auf den ersten Blick scheint es einfach zu sein: Weihnachtsserie im ZDF Ende der 80er Jahre. Kindheitserinnerungen. Heile Welt. Jetzt: trauriges, einsames Leben in München. Täglich Schnaps und Bier. Mutter vor vielen Jahren depressiv aus dem Leben geschieden. Keine tollen Rollen mehr, die Beziehung am Boden, Schulden. Es ist ein Schock, plötzlich an einem ganz normalen Arbeitstag vor Augen geführt zu bekommen, wie sehr sich das erfundene Leben von “Anna” und das spätere Leben ihrer Darstellerin Silvia Seidel unterschieden haben. Zwischen der Erinnerung an den zuckrigsüßen ZDF-Weihnachtsmehrteiler und der Wirklichkeit klafft eine Lücke, unüberwindlich wie der Grand Canyon.

Das Problem von uns Zuschauern ist es, dass wir von dieser Lücke nichts wussten und, vielleicht, nichts wissen wollen. “Anna” war irgendwo im Hinterkopf als die junge Primaballerina aus dem ZDF abgespeichert. Vielleicht dachten wir, dass “Anna” zusammen mit Patrick Bach irgendwann nach Berlin gezogen ist, es zwei oder drei Kinder gibt und sie glücklich als Tanzlehrerin arbeitet oder irgend sowas.

Sicher. Es gab hier und da Interviews oder Zitate in der Yellow-Press, dass Silvia Seidel ihre Rolle hasst, dass alle nur und immer nur die “Anna” in ihr sehen und sehen wollten. Ein kleiner Auftritt im Theater oder bei “Forsthaus Falkenau” reichten nicht, um gegen die Kraft der alten Rolle anzuspielen. Guck mal, da ist ja die “Anna” beim Forsthaus Falkenau. Und jetzt ist sie auf einmal tot, die “Anna”.

Das ist eine Neuigkeit, die man sofort weiter erzählt, weil sie eine Saite im Kopf zum Klingen bringt. So ähnlich wie damals in globalem Maßstab, als Prinzessin Diana gestorben ist. Und jetzt steht plötzlich überall geschrieben, was für ein trauriges und erbärmliches Leben die “Anna” geführt hat. Mit einem Mal werden die beiden Personen im Kopf zusammengeführt: das erfundene Ballettmädchen und Frau Seidel, 42. Auf einmal sehen wir die “Anna”, wie sie in einer Kneipe jeden Tag Schnaps in sich rein schüttet. Wie sie auf eine weitere große Rolle wartet. Vergeblich, natürlich. Wie sie nicht damit fertig wird, dass sich ihre depressive Mutter das Leben nahm.

Ist das nun die Schuld vom Stahlbad Show-Geschäft, das einen Menschen durchkaut und wieder fallenlässt auf der ewigen Suche nach dem nächsten Kick? Die Schuld der Medien, die sich auf jede Sensation und Emotion stürzen, nur weil es Quote und Auflage und Geld bringt? Oder die Schuld des Publikums, weil wir nur die heile, heile Welt sehen wollen, gerne heucheln und schnell vergessen? Nein. Es ist wahrscheinlich nur das Leben, das manchmal auch sehr traurig sein kann.

In Wahrheit ist es ja auch gar nicht der schreckliche Tod der Schauspielerin Silvia Seidel, der uns so berührt. Es ist der plötzliche Tod der jungen Balletttänzerin “Anna” in unserem Kopf. Silvia Seidel haben wir ja gar nicht gekannt.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige