Der Freitod und die Doppelmoral der Medien

Publishing Das Thema ist ein für Medienmacher regelhaft wiederkehrendes Problem: der Umgang mit Freitoden gerade bei Prominenten. Ein Patentrezept gibt es nicht, wie die Berichterstattung über das Schicksal von Silvia Seidel zeigt. Doch im Versuch, den Spagat zwischen Wahrheit und Verantwortung zu vollbringen, geraten viele Medien in eine skurrile Schräglage. Ein Musterbeispiel für das Dilemma liefert aktuell Sueddeutsche.de - das Portal bestätigt dabei im Nachsatz faktisch einen Suizid, von dem im Artikel nichts steht.

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Die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit. So könnte man das Erkenntnis- und Berichtsinteresse von integren Journalisten auf den Punkt bringen. Doch in manchen Fällen wird der klassische Reporterimpuls auf dem Weg zum medialen Endprodukt ausgebremst. Die Leser erreicht dann eine moderierte und unvollständige Version dessen, was die Recherchen zutage gefördert haben. Bei Selbstmorden ist die Zurückhaltung in den Medienhäusern besonders ausgeprägt. Man will keine Nachahmer auf den Plan rufen, man will die Privat- und Intimssphäre von Opfern (und in diesem speziellen Fall zumeist auch Tätern) sowie deren Angehörigen in besonderem Maß schützen.
Das Ergebnis sieht dann etwa so aus: Unter der Headline "Einsamer Tod im Glockenbachviertel" berichtet Sueddeutsche.de über das Ende der Schauspielerin Silvia Seidel. Die Agentin der 42-Jährigen habe einen entsprechenden Bericht des Boulevardblattes tz bestätigt. Über die Sterbeumstände heißt es: "Wie Seidel ums Leben kam, war offiziell zunächst nicht zu erfahren. ‚Wir haben keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden‘, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München I." So weit, so vieldeutig. Erst ganz am Schluss, etliche Absätze später, ist – abermals mit Verweis auf die tz – zu lesen: "Die Beamten fanden sie demnach tot in ihrer Küche, wo auch ein Abschiedsbrief gelegen haben soll." Die Redaktion nimmt dies zum Anlass, eine kursiv gedruckte Anmerkung nachzuschieben. Zitat: "Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung im Fall Seidel gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details."
Damit werden, ob die Redaktion das will oder nicht, bei Lesern Fakten geschaffen. Und weil das wohl auch den Verantwortlichen nur zu klar ist, wird die Nummer der Telefonseelsorge nachgereicht. Die Frage ist, wem das hilft und ob es nicht nur Feigenblatt-Journalismus ist, der die Redaktion von allen möglichen Folgen moralisch freihält. Auch auf den am Dienstag veröffentlichten Nachruf folgt der Disclaimer gleichen Wortlauts. Allerdings wird im Text recht deutlich über die Todesursache spekuliert: "Silvia Seidel, die einst eine ganze Nation verzaubert und Tausende kleiner Mädchen inspiriert hatte, erschien im zarten Alter von 42 Jahren das Leben nicht mehr lebenswert."
Auch Spiegel Online bezog sich bei der Meldung vom Tod der Schauspielerin auf den Exklusiv-Bericht der tz, gab aber nur einen Teil der Informationen des Blattes weiter: "Wie die 42-Jährige ums Leben kam, war zunächst nicht offiziell zu erfahren. Nach Informationen der Tageszeitung tz wurde die Schauspielerin bereits vergangene Woche leblos in ihrer Küche gefunden. ‚Wir haben keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden‘, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München." Ein Abschiedsbrief wird nicht erwähnt.
Im Münchner Merkur beispielsweise findet sich dazu folgender Passus: "Nach tz-Informationen wurde die 42-Jährige vergangene Woche tot in ihrer Küche aufgefunden. Daneben lag ein Abschiedsbrief, die Ermittler gehen von einem Selbstmord aus: ‚Es gibt keine Anhaltspunkte auf ein Fremdverschulden‘, sagt Peter Preuß, Sprecher der Staatsanwaltschaft München I." Auch andere Medien, wie der Tagesspiegel, das WAZ-Portal DerWesten oder Die Welt berichteten die ausführliche Fassung der Spekulation, Bild.de sogar im Indikativ: "Samstag um 20.12 Uhr fanden Feuerwehr und Polizei die 42-jährige Frau tot in ihrer Küche. Daneben ein Abschiedsbrief. TV-Star Silvia Seidel hatte sich umgebracht."
Ganz unabhängig von der Frage, ob es Pressekodex, Rücksichtnahme oder gesellschaftliche Verantwortung gebieten oder verbieten, solche Informationen grundsätzlich zu verbreiten, wird an derartigen Beispielen klar, dass die Formel "Prävention durch Weglassen und Verschweigen" im Digitalzeitalter nicht mehr aufgeht. Im Internet sind mittels einfachster Suche eine Unzahl von Anleitungen zur Selbsttötung zu finden, die in viel besuchten Foren verbreitet und diskutiert werden.
Viele – vor allem junge – Leser aggregieren ihre Nachrichten ebenfalls über Suchmaschinen und filtern so lange, bis sie eine möglichst vollständige Version zusammen haben. Und oft sind es gerade die Qualitätsmedien, die mit ihren Andeutungen ("wollte nicht mehr", "die Rolle der zarten Tänzerin sollte wie Pech an ihr kleben", "es folgten schwierige Jahre", "hatte auch finanziell zu kämpfen", "sah am Ende keinen Ausweg mehr") den Lesern zuraunen, in welche Richtung sie weiter forschen sollen, ohne selbst die Information zu geben. Das Gleiche gilt für überdeutliche Hinweise auf "Schicksalsschläge" oder den früheren Selbstmord der Mutter infolge einer schweren Depression. So stößt man die Leser förmlich auf die Fakten, verklausuliert diese aber aus presse-ethischen Gründen. Man schreibt es nicht und sagt es doch, wenn auch mehr oder weniger gekonnt zwischen den Zeilen. Die Grenze zur Doppelmoral ist schnell überschritten.
Aber wie würden einflussreiche Medienmacher reagieren, wenn man ihnen etwa abverlangen würde, über Politskandale nur noch mit Zurückhaltung zu berichten, weil das Verdrossenheit bei Wählern weiter schüren würde? Oder über das tatsächliche Ausmaß einer Finanzkrise, weil dies den Zusammenbruch des Banksystems bedeuten könne? Die Logik des Weglassens oder Herunterspielens wäre ganz ähnlich, und die Frage ist dabei stets, ob die Medien für etwaige Folgewirkungen wahrheitsgemäßer Berichterstattung haftbar zu machen sind.
Was vor allem bei jugendlichen Suizid-Kandidaten als "Werther-Effekt" wissenschaftlich beschrieben ist, nämlich dass beim Bekanntwerden der Todesumstände von Selbstmördern reihenweise Nachahmer auf den Plan gerufen werden, konnte und darf die Berichterstattung in bestimmten Fällen nicht verhindern – wie beim Tod von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke im November 2009. Sein Fall war zugleich eine nationale Tragödie, die es verbot, die Fakten auszublenden – ähnlich wie unter ganz anderen (und mysteriösen) Umständen lange zuvor beim Tod von Uwe Barschel.
Tatsächlich stiegen die Selbstmordrate nach dem Tod Enkes signifikant an, doch es wäre auch eine Untersuchung wert, ob die in diesem Zusammenhang erfolgte breite Berichterstattung über die Krankheit Depression sowie Therapien und Hilfsangebote letztlich nicht auch eine Vielzahl von potenziellen Selbstmördern von ihrem Vorhaben abgebracht haben. Statistisch gesehen stirbt in Deutschland alle 53 Minuten ein Mensch durch Suizid; zusammengenommen sind dies jährlich mehr als die Summe aller Opfer von Verkehrsunfällen, Gewalttaten, Drogen und Aids.
Das im Pressekodex niedergelegte Selbstverständnis der Medien im Umgang mit Selbstmordfällen scheint vor dem Hintergrund der digital verfügbaren Informationen ein nicht mehr zeitgemäßes, geht es doch von einer weitreichenden Kanalisierungsfunktion der journalistischen Angebote aus. Wer im Netz nach tabuisierten Inhalten sucht, wird seit langem abseits der professionellen Nachrichteninhalte fündig – ein Fakt, der die Medien eigentlich zu einem offensiven Umgang mit dem Tabuthema Suizid ermutigen sollte und nicht zur potenziellen Beihilfe durch Unterlassen.

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