Olympia: Gnade uns Gott bei „Check London“

Fernsehen ARD und ZDF haben es nicht leicht bei den Olympischen Spielen in London: viele Wettkämpfe laufen gleichzeitig, manches Spitzenereignisse kommt zu früh oder zu spät für die deutsche Primetime. Die Sender versuchen das Problem zu lösen, indem permanent Live-Berichterstattung vorgegaukelt wird, wo keine ist. Das ist ein Problem. Und dann will man bei der ARD auch noch lustig sein auf Teufel komm raus. Auch das ist ein Problem. Es gibt auch auch den einen oder anderen Lichtblick.

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“Gänsehaut pur”

Sportreporter und – kommentatoren wandeln für gewöhnlich nicht direkt auf Hemingways Spuren. Müssen sie auch nicht. Ein ganz kleines bisschen mehr an sprachpflegerischer Sorgfalt dürften die Herren und Damen an den Mikrofonen aber walten lassen. So konnte es bei den Schwimm-Übertragungen vorkommen, dass in einem einzigen Kommentatoren-Dialog gleich fünfmal die abgegriffene Formulierung von der “Gänsehaut pur” fiel. Überhaupt die Gänsehaut. Kaum ein olympisches Highlight kommt ohne die herbeischwadronierten Goosebumps aus – sei es der Gold-Lauf des Deutschland Achters oder ein x-beliebiges Leichtathletik-Finale. Die Härchen stellen sich. Beim in der Tat dramatischen Rennen des Deutschland Achters wurde besonders tief in den Metaphern-Topf gegriffen: “In wenigen Minuten wird der Dorney Lake hier in Eton brennen.” Der Deutschland-Achter, “ein menschlicher Achtzylinder, der auf Hochtouren läuft”, “die Maschine des Deutschland-Achters schnurrt” und natürlich die unvermeidliche “Gänsehaut-Atmosphäre.” Manchmal darf’s ein bisserl weniger sein.

Witz, komm raus …

Wenn öffentlich-rechtliche Sendeanstalten zu Sport-Großveranstaltungen lustig werden, dann gnade uns Gott. Bei den Olympischen Spielen von London sorgt vor allem die aufgedrehte Spaßigkeit der ARD regelmäßig für gepflegtes Fremdschämen vor dem TV-Gerät. Besonders hervorzuheben ist die unterirdische Gag-Reihe mit “Check London” (Witz kapiert?), bei der ein wohlweislich namentlich nicht genannter ARD-Mitarbeiter “undercover” allerlei “Lustigkeiten” zu angeblichen britischen Macken reportiert, dargeboten unter dem Serientitel "Goldrausch an der Themse". Da geht es zum Beispiel darum, dass man im Aquatic-Center ziemlich weit oben sitzt und wenig sieht. Oder dass die Briten die deutsche Vorliebe für Mischbatterien im Sanitärbereich nicht teilen. "Pfiffig": Jeder “Check London”-Beitrag zerstört sich nach dem Versenden selbst wie weiland das Tonband bei “Mission Impossible”. Leider nur weniger gründlich, denn auf der ARD Olympia-Webseite lassen sich noch einige “Check London”-Filme anschauen. Bitte nur anklicken, wer starke Nerven hat.

Live ist nicht live

Huch, was ist denn da los: Das deutsche Segelboot ist ja auf einmal ganz weit hinten. Eben lagen die doch noch in Führung … Und wieso ist bei den Engländern immer noch hell, während bei uns die Sonne schon längst hinterm Horizont versunken ist? Die Zeitverschiebung beträgt doch bloß eine Stunde! Es geht weniger um Zeitverschiebung, als um Schiebung: In ihrer Not, möglichst viel Olympia zu servieren, haben ARD und ZDF gemeinsam die Liebe zur Instant-Konserve entdeckt und senden nun rund um die Uhr pseudo-live und fein zerhackt ein nur vermeintlich schmackhaftes Olympia-Allerlei. Meist merkt man, dass es sich um eine Aufzeichnung handeln muss, wenn der Sonnenstand im Fernseher mit der realen Uhrzeit unmöglich korrespondieren kann oder wenn Wettbewerbe nach einem Kamera-Schnitt eine praktisch unmögliche Wendung genommen haben. Den Moderatoren und Kommentatoren ist das nur in den wenigsten Fällen eine Erklärung wert – man will ja die “Spannung” erhalten. Aber bei allem Verständnis für eine gewiss nicht leichte Olympia-Programmplanung: Das Live-Getue nervt ziemlich. Vor allem, weil man nur sehr schwer merkt, wann ARD und ZDF aus Versehen einmal tatsächlich live auf Sendung sind.

Und wo bleibt das Positive?

Es ist aber ja auch nicht alles nur schrecklich beim TV-Olympia. Einen prima Eindruck hinterließ Ex-Schwimmer Christian Keller, der die Schwimm-Wettkämpfe sowie die Eröffnungsfeier im ZDF sachkundig und eloquent kommentierte. Auch Franziska van Almsick machte als Schwimm-Kommentatorin im Ersten einen ordentlichen Job. Und wenn sie nicht versuchen, mit der Brechstange lustig zu sein (siehe “Check London”), dann gelingen ARD und ZDF auch immer wieder interessante und sogar amüsante Filmchen rund ums Thema Olympia. Stellvertretend sei die kurzweilige Doku “Olympische Geschichte(n): 1976 bis 1984” erwähnt, mit vielen alten Olympia-Aufnahmen und Sportler-Interviews.

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