Vom Finden und Erfinden im Journalismus

Jonah Lehrer war so etwas wie der Peter Pan - oder passender: mehrfache Goldmedaillengewinner unter den US-Journalisten. Jung, erfolgreich, schlau – und extrem produktiv. Vor nur wenigen Wochen wechselte er von Wired zum New Yorker. Das war seine letzte Erfolgsmeldung, denn Lehrer hat in einem seiner Bücher Zitate von Bob Dylan erfunden – und trat vom neuen Posten gleich wieder zurück. Deutsche Journalisten sitzen Diskussionen um den Grad der Wahrhaftigkeit ihrer Artikel eher aus – der aktuelle Fall Prantl beweist das.

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Jonah Lehrer war so etwas wie der Peter Pan – oder passender: mehrfache Goldmedaillengewinner unter den US-Journalisten. Jung, erfolgreich, schlau – und extrem produktiv. Vor nur wenigen Wochen wechselte er von Wired zum New Yorker. Das war seine letzte Erfolgsmeldung, denn Lehrer hat in einem seiner Bücher Zitate von Bob Dylan erfunden – und trat vom neuen Posten gleich wieder zurück. Deutsche Journalisten sitzen Diskussionen um den Grad der Wahrhaftigkeit ihrer Artikel eher aus – der aktuelle Fall Prantl beweist das.

Lehrer ist Anfang 30 und verzeichnet auf der Habenseite eine Reihe von Büchern, prestigeträchtige Arbeitgeber und einen vollen Kalender mit Einladungen für Vorträge zu Themen wie Kreativität und Gehirn, Neurologie und der Wissenschaft von Entscheidungsprozessen. Ähnlich wie der berühmte New Yorker-Autor Malcolm Gladwell ist Lehrer kein Wissenschaftler, sondern Journalist – der vielfältige wissenschaftliche Erkenntnisse nutzt, um daraus verständlich geschriebene Journalistenprosa zu fabrizieren.

Fabrizieren trifft es wohl, denn "to fabricate" bedeutet im Englischen auch: etwas erfinden. Und erfunden hat Lehrer offenbar, so hat es der Autor Michael Moynihan in einem Stück beschrieben, eine Reihe von Zitaten, die der Musiker Bob Dylan nie von sich gegeben hat. Zunächst behauptete Lehrer, er habe Zugang zu bisher unveröffentlichten Quellen, dann schließlich gab er auf und zu: "Es ist vorbei mit den Lügen." Die Dylan-Zitate bog sich Lehrer so zurecht, dass sie eine These seines Buches "Imagine" besonders gut belegten. Und damit war der zuvor wie ein Wunderkind bestaunte Autor seinen Job beim New Yorker auch gleich wieder los.

Niemand würde nun einen Rücktritt von Heribert Prantl von seinem Posten als Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung fordern. Nur, weil er eine Szene in einer Reportage über den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle erfunden hat. Beziehungsweise, wie es so schön heißt, rekonstruiert hat. Auf Basis von Gesprächen mit einem oder mehreren Menschen, die bei der geschilderten Szene in Voßkuhles Küche tatsächlich anwesend gewesen sein wollen (wer Prantls Quelle war, ist nicht bekannt). Auch hat niemand gefordert, dass René Pfister vom Spiegel, der für ein Porträt von Horst Seehofer eine Einstiegsszene in dessen Eisenbahnkeller "rekonstruierte" (offenbar halbwegs authentisch und vom Porträtierten nicht bestritten), seinen Hut nehmen soll. Pfister hat die Aberkennung seines Nannen-Preises im vergangenen Jahr zumindest Spiegel-intern nicht geschadet, heute ist er stellvertretender Chef des Spiegel-Hauptstadtbüros.

Prantl und Pfister haben beide keine Lügen verbreitet, denn tatsächlich spielt Seehofer im Keller mit seiner Eisenbahn, und auch Voßkuhle steht vermutlich gelegentlich mit Gästen in seiner Küche und legt dort selber Hand beim Salatdressing an. Aber: beide haben doch, ganz ähnlich wie Lehrer, ihre Geschichten mit "erfundenen" Inhalten angereichert. Im einen Fall sind das Zitate – ihre Fabrikation ist eine schwer wiegende journalistische Sünde – in den anderen Fällen sind das Szenen, die sich so zugetragen haben können, aber nicht abgespielt haben müssen. Zwischen dem Finden und Erfinden von Geschichten ist es ein schmaler Grat. Und alle genannten Autoren haben sich beim Schreiben offenbar gedacht (auch das ist natürlich nur eine Vermutung, aber hier als solche gekennzeichnet): Wenn sich das so zugetragen haben könnte, bzw. wenn das so gesagt worden wäre, dann hätte ich doch eine schöne Szene für meine Geschichte.

Was für die Puristen ein Sündenfall, mag für Zyniker und Realisten eine lässliche Sünde sein. Der Spiegel bedient sich schon seit Jahren der schönen Technik der Rekonstruktion und schildert mit Vorliebe den Verlauf von Geheimtreffen, als hätte der Autor unter dem Tisch gesessen. Einigen Lesern nötigt so etwas Respekt ab, andere wundern sich.

Was auch immer nun über den Status Quo des US-Journalismus geschrieben wird – journalistische Standards werden in den großen US-Medien sehr genau beachtet, gleichzeitig funktionieren die Selbstreinigungskräfte des medialen Betriebs besser als in Deutschland. Dafür sorgt allein die Trennung zwischen "Editor" (Tischredakteur, der nicht selber schreibt, sondern ausschließlich Themen verteilt und Texte redigiert) und Reporter. Wer einmal bei einer US-Zeitung gearbeitet hat weiß, dass in den Redaktionen viele Fakten, die in deutschen Artikeln gerne mal so dahingeschleudert werden, im Text – und nicht nur gegenüber dem Ressortleiter – belegt werden müssen. Gern auch mal mit einer Nachkommastelle der Standardabweichung von einem Umfrageergebnis.

Klar – auch in den USA wird nur mit Wasser gekocht. Der Skandal um den Journalisten Jayson Blair, der vor einigen Jahren zahlreiche erfundene Geschichten in der New York Times platzieren konnte, belegt, dass auch das amerikanische System ausgetrickst werden kann. Doch so unterschiedlich die Zeitungskulturen sein mögen, so vorbildhaft ist der US-Journalismus in Teilen. Bei großen Zeitungen wie der New York Times gibt es beispielsweise einen Public Editor, der sich unabhängig von Redaktionszwängen zu internen Angelegenheiten äußern kann, wenn es denn sinnvoll erscheint. Die Meinungsseite (Op-Ed) wird in der Regel von einem eigenen Team mit eigener Leitung betreut, gegenüber dem der Chefredakteuer nicht weisungsbefugt ist. Der aktuelle Prügelknabe Jonah Lehrer stand zudem bereits vor einigen Wochen in der Kritik – weil er sich selber zitiert hatte. Genauer gesagt: Er hatte für den New Yorker Blogposts verfasst, die Passagen enthielten, die er so schon einmal geschrieben hatte, etwa für Wired. Da fragte sich die halbe Branche in Übersee: Darf man sich denn eigentlich selber zitieren – ohne das auch kenntlich zu machen?

Eine solche Form der Selbstkritik ist in Deutschland eher unbekannt und würde vielleicht sogar für Kopfschütteln sorgen. Motto: Man kann es auch übertreiben. Aber: Man kann es eben auch untertreiben. Wie Heribert Prantl, der gegenüber der Frankfurter Rundschau sagte, er habe seine Person in dem Voßkuhle-Text doch schließlich an keiner Stelle eingeführt. Immerhin: Am Dienstag entschuldigte sich die SZ-Redaktion in einem kleinen Kasten auf Seite 3 für den Fauxpas.

Schade nur, dass solche Begebenheiten Wasser auf die Mühlen derer sind, die ein Gore Vidal zugeschriebenes Zitat im Munde führen: "A writer must always tell the truth, unless he is a journalist."

Lesehinweis: Ein Beitrag von Andreas Wolfers, dem Chef der Henri-Nannen-Journalistenschule, zu der Frage "Darf ein Journalist auch beschreiben, was er nicht erlebt hat?"

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