Apples riskante Weihnachtswette

Der Tag nach Apples Quartalsenttäuschung wirft viele Fragen auf. Wieso unterbot der wertvollste Konzern der Welt zum zweiten Mal in nur neun Monaten die Wall Street-Schätzungen? Wieso konnte Apple sogar nur knapp den eigenen Ausblick schlagen? Wieso verebbte das vorher so enorme Wachstum auf das schwächste Niveau seit 2009? Den Schlüssel zu allen Antworten liefert die Käuferzurückhaltung vor dem wichtigsten Launch des Jahres – dem neuen iPhone, bei dem sich Apple nun nicht den kleinsten Fehler erlauben darf.

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Der Tag nach Apples Quartalsenttäuschung wirft viele Fragen auf. Wieso unterbot der wertvollste Konzern der Welt zum zweiten Mal in nur neun Monaten die Wall Street-Schätzungen? Wieso konnte Apple sogar nur knapp den eigenen Ausblick schlagen? Wieso verebbte das vorher so enorme Wachstum auf das schwächste Niveau seit 2009? Den Schlüssel zu allen Antworten liefert die Käuferzurückhaltung vor dem wichtigsten Launch des Jahres – dem neuen iPhone, bei dem sich Apple nun nicht den kleinsten Fehler erlauben darf.

Der Champion kam mit einem blauen Auge davon. Um 26 Dollar oder 4,32 Prozent wurde die Apple-Aktie heute für ihre zweite Quartalsverfehlung in nur neun Monaten abgestraft – nachbörslich hatte es gestern noch schlechter ausgesehen. Im vergangenen Oktober, als Tim Cook erstmals unter seiner Ägide die Erwartungen der Wall Street unterbot, straften Anleger die Aktie noch um 5,7 Prozent ab. Die Apple-Aktie bei 575 Dollar? Es sah aus, als wäre fast nichts passiert.
Gewöhnt sich die Wall Street also an Apples zyklische Quartalsenttäuschungen? Das wäre wohl die oberflächliche Betrachtungsweise. Fakt ist, dass sich Apple am Morgen nach seiner erneuten Quartalsverfehlung auf die überwältigende Schützenhilfe der Wall Street verlassen konnte.
Neue Zeiten: Apples „180 Tage der Erleuchtung und 180 Tage der Dunkelheit“
Zwar sahen sich zahlreiche Analysten nach dem schwächeren Ergebnis genötigt, die Jahresgewinnschätzungen und auch durchaus einige Kursziele zu revidieren – an den Kaufempfehlungen wollte indes keiner so recht rütteln. Apple-Staranalyst Gene Munster nannte die Ergebnisverfehlung schlicht „irrelevant“ und blieb bei seinem Kursziel von 910 Dollar, das nun unterhalb der 600-Dollarmarke wieder ziemlich luftig aussieht.
Brian White von Topeka fühlte sich an den vergangenen Oktober erinnert, als Apple nach einer Ergebnisverfehlung zum bei weitem stärksten Quartal der Konzerngeschichte ausholte.  Sein Kursziel: 1111 Dollar. Ein Mondpreis? Brian Marshall von ISI sieht dagegen in den kommenden 12 Monaten „nur“ noch Kurse von 710 statt vormals 750 Dollar. Sein Kritikpunkt: Apple teile seine Geschäftstätigkeit nun bewusst in „180 Tage der Erleuchtung und 180 Tage der Dunkelheit“ auf.
Apple im Rückswärtsgang: Drei Quartale hintereinander schwächer?
Genau das aber ist ein ziemlich ungewohntes Bild beim erfolsgverwöhnten Kultkonzern aus Cupertino. Ein halbes Jahr Geschäftsergebnisse, die nicht positiv überraschen? Tatsächlich befinden sich Apples Geschäfte nun bereits das zweite Quartal in Folge gegenüber dem vorherigen Dreimonatszeitraum im Rückwärtsgang – im Oktober dürften es gar drei aufeinanderfolgende Quartale sein, die immer schwächer ausfallen. Ein sehr wenig Apples-typisches Bild, das es unter Steve Jobs nie gegeben hatte.
Schuld daran ist eine Produktverschiebung, die in die letzten Tage seiner Amtszeit als CEO fiel – die Verschiebung des iPhone 4-Starts im vergangenen Jahr vom Sommer auf den Herbst. Sei es aus Kalkül, sei es aus Lieferengpässen.
2012 schnellere Käuferzurückhaltung beim iPhone als 2011
Was im vergangenen Jahr gut ging, lässt Apple 2012 indes ungewohnt alt aussehen: 2011 konnte Apple im dritten Geschäftsquartal – dem bereits fünften, in dem das iPhone 4 auf dem Markt war – noch einmal kräftig zulegen. Dieses Jahr ging Apple mit dem Nachfolgemodell schon dritten Verkaufsquartal kräftig die Luft aus. Tim Cooks Argument aus dem Conference Call, die „Spekulationen um ein neues iPhone“ wären für die Käuferzurückhaltung verantwortlich, klingen da wie ein relativ dürftiger Vorwand – überbordende Gerüchte um ein neues iPhone gab es schließlich auch schon im April 2011.
Gleich mehrfach versuchte Cook in der Telefonkonferenz den Köder einer „Fall Transition“, also einer Produktüberholung im Herbst auszuwerfen, die dann zum Szenario führen dürfte, das schon Ende 2011 zu beobachten war: Ein neues iPhone bricht alle Verkaufsrekorde. Dass das iPhone 5 die Mutter aller Produktneuheiten werden wird, gilt bereits als so ausgemacht wie der Effekt, den es auf Apples Geschäftsergebnisse im Dezemberquartal haben dürfte – das ist der eigentliche Grund, warum die Apple-Aktie so glimpflich bei der deutlichen Ergebnisverfehlung davon kam.
Apple wird zum Weihnachtskonzern: iPhone 5 zum Welterfolg verdammt
Doch Tim Cook geht mit der absoluten Fokussierung auf das Weihnachtsquartal ein erhebliches Risiko. Apple darf sich beim iPhone 5-Launch nicht den Hauch eines Fehlers erlauben: Ein Antennagate, eine Lieferengpass, eine schlechte Bewertung des „Consumer Reports“ und das eigentliche Drama im Apfelland scheint vorprogrammiert.
Dann ist da die psychologische Komponente: Dass Apple zwischen Oktober und Dezember diesen Jahres, Eurokrise hin, Abkühlen der globalen Konjunktur her, das absolut unglaublichste Quartal der Menschheitsgeschichte liefert, scheint an der Wall Street totaler Konsens. Das wiederum dürfte die Erwartungshaltung der Analysten in schwindelerregende Höhen treiben, bei der neue Ergebnisverfehlungen nicht auszuschließen sind.
Ob gewollt oder durch die unfreiwillige Verschiebung im Vorjahr bedingt, ist Apple so zum Weihnachtskonzern geworden – auch neue iPods und Macs stehen schließlich noch an, über ein iPad mini wird immer offener spekuliert. Die drei Rest-Quartale des Jahres scheinen da nur noch schmückendes Beiwerk zum ganz großen Knall zwischen Oktober und Dezember.
Apple büßt Vorsprung im Smartphone-Wettkampf ein
Doch die Strategie ist nicht nur aus Sicht der Wall Street riskant. Wie Henry Blodget anmerkt, hat Apple beim iPhone so im vergangenen Jahr seinen technologischen Ein-Jahresvorsprung eingebüßt. Bisher galt das neue iPhone immer als der absolute Goldstandard, an dem sich Konkurrenz in den nächsten Monaten abarbeiten würde.
Nun hat Apple sein Erfolgsmodell iPhone 4 18 Monate ohne Update auf dem Markt gelassen, um dann gerade mal einen Nachfolger im absolut selben Design mit einer schärferen Linse und den ziemlich fragwürdigen persönlichen Assistenten Siri ins Rennen zu schicken.
Bis zum vergangenen Quartal ging die Strategie wegen Apples „Must have“-Faktors gut, doch technisch hat Samsung in den vergangenen 12 bis 18 Monaten zumindest zum iPhone aufgeschlossen.
Wachstumspotenzial nach dem iPhone 5 aufgebraucht?
Apples Problem besteht nun darin, dass nach der mutmaßlich großen Begeisterung für das iPhone Anfang 2013 schon die Android-Antworten ins Rennen geschickt werden dürften, die mit jedem Quartal, in dem das iPhone 5 länger auf dem Markt ist, an den Anteilen knabbern werden. Und folgt Apple seiner bisherigen Produktstrategie, ist im Herbst 2013 dann wohl nur ein 5S-Upgrade drin.
Spätestens 2014 könnten Apples Wachstumsraten dann wirklich nachhaltig unter Druck geraten. Der bemerkenswert starke Einbruch im Juni-Quartal auf Gewinn- und Umsatzzuwächse von 21 und 22 Prozent könnte in ein bis zwei Jahren dann vielleicht schon wie Zahlen aus einer besseren Ära aussehen. Apple in dem ein oder anderen Quartal in einstelligen Wachstumsdimensionen? Unmöglich erscheint das 2014 nicht mehr.
Schonzeit vorbei: Tim Cook muss jetzt liefern
Nach einem Jahr des Aufwärmens hat damit nun die eigentliche Bewährungsprobe von Tim Cook begonnen. Zweifellos: Apple hat weitere Asse im Ärmel. Die iPad-Sparte, die gestern im Zuge der Quartalsaufregung viel zu kurz gewürdigt wurde, ist Apples eigentliche Zukunft. Der Margenmeister Cook wird in den kommenden Jahren alle Hebel in Bewegung setzen, um hier rasantes zweistelliges Wachstum zu genieren.
Und dann bleibt da noch der nächste Wachstumsmarkt, der einmal mehr aus Nichts erschaffen werden kann, wenn ein iTV Wirklichkeit wird. Keine Frage: Apple hat noch viel zu gewinnen. Aber, das ist seit gestern klar: Inzwischen auch viel zu verlieren.

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