Kelter: ein Verlag mit Schuldgefühlen

Publishing In den Social Networks macht ein Heft-Cover die Runde, hinter dem viele fälschlicherweise das Satiremagazin Titanic vermuteten. Der Titel: "Meine Schuld". Die Themen: "Was Frauen berichten: schonungslos indiskret" mit Geschichten à la "Mein Kind ist doch nicht schlecht erzogen - es ist krank". Doch bei "Meine Schuld" handelt es sich um eines von vielen "modernen Erlebnismagazinen", mit denen der verantwortliche Kelter-Verlag seit Jahrzehnten gute Auflage macht. MEEDIA sprach mit Verleger Gerhard Melchert.

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Sie heißen “Meine Wahrheit”, “Meine Schuld”, “Mein Gewissen”, “Meine Sehnsucht”, “Meine Enthüllungen”, “Meine Lebenslüge” oder “Meine Sünden”. Und sie funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Unter dem Motto “Intim und indiskret” packen Frauen augenscheinlich aus. Sie berichten über heiße Flirts, vergangene Liebschaften, kleine und große Dramen, die auch der ein oder anderen Leserin so passiert sein könnten.

“Augenscheinlich” deswegen, weil man bei Geschichten wie “Delfintherapie – Für die Behandlung meines Kindes verkaufte ich meinen Körper” nicht auf Anhieb erkennen kann, ob hier gerade die Pferde mit dem Redakteur durchgegangen sind oder eine Mutter sich tatsächlich für das Wohlergehen ihres Kindes prostituiert haben könnte. Gut zu wissen: Die Geschichten sind frei erfunden. Es sind keine journalistischen Produkte, sondern Kurzgeschichten.

120 Stammautoren liefern die Inhalte
Der Kelter-Verlag, 1938 gegründet und immer noch in Familienhand, kennzeichnet seine Frauenhefte als sogenannte “Erlebnismagazine”. Und die funktionieren nach einem einfachen, aber erfolgreichen Prinzip: Die Inhalte sind frei erfunden, meist von Laien-Autoren verfasst, und am Schluss wartet das Happy End. Die Geschichten bauen auf rund 60 Seiten schnell Atmosphäre auf, ohne viel Tiefgang, dafür mit umso mehr Herzschmerz.

Was viele nicht wissen: Die monatlich und zweimonatlich erscheinenden Hefte sind nicht die einzige erfolgreiche Sparte des Kelter-Verlages. Das wird auch mit Blick auf die Autorenschaft deutlich. Das Hamburger Traditionshaus greift laut eigener Aussage auf 120 Stammautoren zurück.

Denn neben den Frauenzeitschriften gehören Arzt-Romane wie “Dr. Norden” (über 700 Ausgaben in 30 Jahren) und “Der Bergpfarrer”, aber auch Adelstitel wie “Der kleine Fürst” und Mystery-Serien wie “Das Irrlicht”, oder das vielen eher bekannte “Gaslicht”, zu den Bestsellern.

“‘Der Bergpfarrer wurde schon in zwei abendfüllenden Spielfilmen vom ZDF verarbeitet, mit Wolfang Fierek in der Hauptrolle”, erklärt Verleger Gerhard Melchert. Gelesen würden die im Schnitt 60-seitigen Heftchen von Frauen in den Fünfzigern. “Aber alle sechs Jahre kommt eine neue Generation an Leserinnen dazu.”

Deswegen bringt der Verlag, der sich im Gegensatz zum Konkurrenten Bastei-Lübbe auf Frauenzeitschriften- und Romane spezialisiert hat, seine Hefte im Zwei-Wochen-Rhythmus heraus, liegt die Auflage bei 40.000 bis 60.000 Exemplaren pro Ausgabe. Oft erscheint ein Titel in 14 verschiedenen Ausgaben,  als dritte, vierte oder fünfte Auflage oder Sonderedition. So hoch ist die Nachfrage, erklärt Melchert. “Rechnet man alle Einzeltitel zusammen, so kommen wir auf 180 Millionen Exemplare.”

Roman-Geschichten werden nicht zweitverwertet
Für die Autoren bedeutet das displiziniertes Arbeiten, denn alle zwei Wochen braucht es ein hundertseitiges Manuskript. Neben den 120 Stammautoren arbeiten in Hamburg 50 Leute für den familiengeführten Verlag, zusätzlich zum Vertrieb und einer eigenen Druckerei, in der 80 Prozent aller Produktionen zu Papier gebracht werden.

Passend zur Ungläubigkeit vieler, dass es ein Heft wie “Meine Schuld” tatsächlich gibt, wurde vielfach gemutmaßt, der Verlag würde in diesen Heft seine Romane zweitverwerten. Den Vorwurf, dass der Verlag in seinen Erlebnismagazinen die Geschichten der Romanserien “recycelt”, dementiert Geschäftsführer Melchert. “Dass wir in unseren Romanzeitschriften die Romane wiederverwerten, ist aufgrund der Textfülle gar nicht machbar.” Jede Zeitschrift enthalte im Schnitt zwölf Kurzgeschichten, ein Roman käme hingegen auf durchschnittlich 100 DIN-A4-Seiten.

Dem Erfolg der Hefte tut das keinen Abbruch. “Die Auflage liegt bei 70 bis 120.00 Exemplaren pro Ausgabe. Dabei verlegen wir europaweit mit Lizenzen für 14 Länder”, erklärt Melchert weiter. Wir, das sind in der Geschäftsführung Melchert selbst, der den Verlag von “seinem alten Herrn” übernommen hat, und seine drei Söhne, die vom Verlagshaus in Hamburg-Wandsbek das Unternehmen leiten. Hier arbeiten 45 Angestellte, zusätzlich zu 54 Mitarbeitern im Versandhaus Düneberg und 78 Angestellten in der verlagseigenen Druckerei Mero Druck.

Neben den vielen Printtiteln und der umfangreichen Rätselsparte will man das Digitalgeschäft nicht aus den Augen verlieren. “Die Wahrung der Rechte unserer Autoren hat dabei allerdings höchste Priorität”, erklärt Melchert. Mit E-Books habe man bislang nicht die besten Erfahrungen gemacht. Für dieses Jahr plant das Hamburger Familienunternehmen ein Projekt, das in der Branche einzigartig sei.

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