Professoren: Journalisten droht Prekariat

Publishing Qualitätsjournalismus in Deutschland steht unter Druck – seine Leistungsfähigkeit sinkt, sein Ruf ebenso, das Management wirkt als Innovationsbremse, das Agenda-Setting übernehmen andere, und: der Journalist erlebt eine Prekarisierung seines Berufsstandes. Dies ist in aller Kürze das Fazit verschiedener Artikel über die Zukunft des Qualitätsjournalismus in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte. Fraglich, so die Autoren, sei im Übrigen ganz generell, was Qualität heute überhaupt bedeutet.

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Die Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, die von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben wird, liegt seit vielen Jahren der Wochenzeitung Das Parlament bei. Die Hefte sind monothematisch und behandeln so unterschiedliche Felder wie die Entwicklung der USA oder neue Erkenntnisse über frühkindliche Erziehung. In dem Heft schreiben vorwiegend Universitätsprofessoren über ihre Spezialgebiete, gelegentlich auch nicht-promovierte Experten.

Nun also "Qualitätsjournalismus". Margreth Lünenborg, die Kommunikationswissenschaftlerin an der FU Berlin ist, fragt: "Qualität in der Krise?" Abgesehen von der Erkenntnis, dass auch wissenschaftliche Aufsätze Überschriften mit Fragezeichen haben dürfen, liefert der Beitrag das Fazit: "Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass Journalismus auf der personellen, der inhaltlichen und der symbolischen Ebene an Relevanz, Reputation und Exklusivität eingebüßt hat."

Das ökonomische Modell stehe infrage, schreibt Lünenborg, infolgedessen werde das "redaktionelle Kernpersonal" drastisch rediziert. Inhaltlich stehe Journalismus unter "beschleunigtem Aktualisierungszyklus" – der "notwendige Informationen" zu einem nur noch kleinen Anteil am Gesamtkuchen publizierter Information reduziere. Im Akademiker-Jargon ausgedrückt: "Das Verhältnis von Zentrum und Peripherie journalistischer Produktion steht zur Disposition." Innovationen gebe es so gut wie nicht: "Auf der Organisations- und Managementebene sind nur wenige Kompetenzen zur Entwicklung innovativer Kommunikationsformen und –formate erkennbar."

Die Schelte ist hart, wird allerdings nur an wenigen Stellen wirklich belegt. Lünenborg nimmt vor allem Bezug auf andere Akademiker wie Stephan Ruß-Mohl, Siegfried Weischenberg, Miriam Meckel. Was nicht heißt, dass die vertretenen Thesen falsch sind, ganz im Gegenteil. Was in dem Text allerdings nicht genügend deutlich wird: Einserseits hat der Journalismus heute gravierende strukturelle Probleme, die teilweise die bisher als Standard gesetzte Qualität in Recherche und Berichterstattung infrage stellen. Doch die Tatsache, dass Journalismus seine "exklusive Funktion…zur öffentlichen Selbstverständigung beizutragen" – Achtung: Internet! – "unwiderruflich verloren" habe, ist kein Versäumnis des Journalismus.

Das Internet hat das Verhältnis zwischen Konsumenten und Produzenten von Informationen grundlegend verändert, es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, sich zu informieren, als nur über klassischen Journalismus. Dieser Verlust des Informationsmonopols ist bekannt, ein alter Hut. Doch diese Veränderung unseres Kommunikationsverhaltens war und ist zwingend – völlig unabhängig von der Qualität des von Mainstream-Medien betriebenen Journalismus. Es ist zudem auch nicht mehr die Frage, wie sich klassische Medien zu Blogs und sozialen Netzwerken verhalten. Diese existieren ohnehin, es gibt nichts zu verteidigen. Medienunternehmen müssen "nur" die Frage beantworten, wie sie diese neuen Kanäle nutzen wollen.

Entscheidender für die Zukunft von qualitativ gutem Journalismus ist, wie gut oder wie schlecht der Beruf des Journalisten nicht nur angesehen, sondern auch finanziert wird. Soll es weiter einen sogenannten Qualitätsjournalismus geben – Mindeststandard: die Fakten stimmen – dann muss das Berufsbild vor allem attraktiv bleiben. Der Aufsatz "Gezwungen, sich zu verkaufen?" von Volker Lilienthal und Thomas Schnedler (beide von der Universität Hamburg) setzt zwar erneut ein Fragezeichen in der Überschrift, entwirft aber ansonsten ein düsteres Bild.

Die Autoren schreiben von einer "Prekarisierung des Journalistenberufs" – auch als "Folge eines mangelnden Wertbewusstseins in unserer Gesellschaft für journalistische Arbeit". Journalisten würden in Leiharbeitsfirmen angestellt (Beispiel Frankfurter Rundschau), ihr durchschnittlicher Stundenlohn liege bei 2,93 Euro, und auch Fetanstellungen bedeuteten keinerlei Sicherheit mehr. Nur wenige Gegenbeispiele machten Mut.

Die Lektüre der Zeitschrift wird beispielsweise Studenten, die mal "irgendwas mit Medien" machen möchten, abschrecken, den Journalistenberuf zu ergreifen. Folge: Der "brain drain" im Journalismus wird zunehmen, bzw: viele talentierte junge Menschen, die früher ohne zu zögern in die Medien gegangen wären, wenden sich heute lieber gleich (auch finanziell) attraktiveren Berufsfeldern zu. Die Frage, was nun heute eigentlich Qualitätsjournalismus ist, bleibt angesichts der düsteren Szenarien unbeantwortet. Das ist nicht weiter schlimm, denn: Für Medien, die ihre Aufgabe ernst nehmen, sollte das Wort ohnehin eine Tautologie sein, weil jeder Journalismus Qualität bieten muss. Ansonsten wäre er ja überflüssig. 

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