Der gläserne E-Book-Leser der Zukunft

Publishing Die taz wirft in einem Artikel eine interessante Frage auf: Was geschieht mit Literatur, wenn das Leserverhalten bei E-Books von Unternehmen genau festgehalten, statistisch erfasst und analysiert wird? Technisch ist es ohne weiteres möglich, bei E-Readern umfangreiche Daten über das Leser- und Leseverhalten in bislang nie gekanntem Ausmaß zu sammeln. Die US-Buchhandelskette Barnes & Noble will bei Sachbüchern aus den Daten bereits erste Konsequenzen ziehen.

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Die taz wirft in einem Artikel eine interessante Frage auf: Was geschieht mit Literatur, wenn das Leserverhalten bei E-Books von Unternehmen genau festgehalten, statistisch erfasst und analysiert wird? Technisch ist es ohne weiteres möglich, bei E-Readern umfangreiche Daten über das Leser- und Leseverhalten in bislang nie gekanntem Ausmaß zu sammeln. Die US-Buchhandelskette Barnes & Noble will bei Sachbüchern aus den Daten bereits erste Konsequenzen ziehen.

So habe die Auswertung von Leserdaten gezeigt, dass Sachbücher selten am Stück gelesen werden und schneller wieder weggelegt werden, je länger sie sind. Das ist zunächst nicht überraschend. Gerade Sachbücher werden von vielen Lesern nicht zur zusammenhängenden Lektüre genutzt, sondern bei einzelnen Fragen zielgenau konsultiert. Mit Hilfe von Leserdaten können Verlage nun aber herausfinden, an welchen Stellen genau die meisten Leser aussteigen. Die taz zitiert einen Washington-Post-Artikel, in dem Jim Hilt von der E-Book-Abteilung von Barnes & Noble sagt, dass man an Stellen, an denen sich Leser langweilen, ein Video, einen Link oder “sonst irgendwas Multimediales” einfügen könne.

Das klingt zunächst beliebig. Aber die Möglichkeiten, die sich auf lange Sicht aus der Auswertung von Leser-Daten ergeben, sind immens. Vor allem dann, wenn man solche Erkenntnisse nicht auf Sach- und Fachbücher, sondern auf fiktionale Stoffe ausweiten würde. Amazon und andere Großhändler des digitalen Lesestoffs können viele Daten über einen Leser sammeln, der mit einem E-Reader und Kundenkonto ausgestattet ist. Das Unternehmen weiß, wie lange jemand liest, an welchen Stellen die Lektüre abgebrochen wird, ob ein Buch vom E-Reader entfernt wird. Man könnte sogar tracken, in welchen Situationen man unterwegs liest, da man auch über Smartphones Zugriff auf die E-Books hat. Der Leser wird zum gläsernen Leser.

Leser haben die Möglichkeit, Textpassagen in E-Readern zu unterstreichen und mit Kommentaren zu versehen. Der Schluss liegt nahe, dass eine Stelle, die besonders oft unterstrichen oder kommentiert wird, eine besondere Bedeutung für die Leser hat. Für jeden einzelnen Leser ist das noch wenig aussagekräftig. Aber nimmt man zig tausenden Kundendaten zusammen, lassen sich mit Hilfe von Algorithmen womöglich Aussagen über den typischen Geschmack des “Mainstream-Lesers” treffen. Und womöglich auch Aussagen, welche Art von Lektüre der “Mainstream-Leser” in Zukunft bevorzugen würde. Bereits heute ist Amazon bei der Vorhersage von Kundenwünschen durch die Analyse des Kauf-, Surf- und Kommentier-Verhaltens beängstigend gut.

Für Verlage wären solche Daten Gold wert. Denn kaum etwas treibt Verlage mehr um, als die Frage nach dem nächsten Bestseller. Bisher war ein Bestseller immer ein Treffer nach einem Blindflug. Der Economist schrieb zum Thema Bestseller-Prognosen jüngst zurecht: “Wer hat die Popularität eines Zauberer-Jungen vorhergesehen (Harry Potter) oder von soziopathischen Skandinaviern (Millenium-Trilogie)? Die einzig sichere Wette ist, dass ein Hit Nachahmer anlockt.” Daher auch die Flut an romantischen Vampir-Schmonzetten im Gefolge der erfolgreichen “Twilight”-Serie. Der Economist sagt aktuell eine Flut an “Mommy Porn” voraus, die sich an den Erfolg des Sadomaso-Bestsellers “Shades of Grey” hängen wirkt.

Ausgearbeitete Daten des Leserverhaltens von E-Book-Konsumenten könnten Verlagen künftig wesentlich präzisere Instrumente zur Prognose von Bestellern an die Hand geben. Mit der Gefahr, dass es statt einer großen, künstlerischen Vielfalt immer mehr vom Gleichen geben könnte.

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