„Wild Germany“: Antithese zum Voyeur-TV

Fernsehen Manuel Möglich sagt: "Ich spreche nicht über die Leute, ich spreche mit den Leuten." Möglich ist der Reporter von "Wild Germany", der Reportageserie von Vice und ZDF.neo. Auch die dritte Staffel, deren erster Teil am Donnerstag ausgestrahlt wurde, ist zu empfehlen. Obwohl die Reeperbahn, dort schaute sich Möglich um, von Spiegel TV doch eigentlich bis in den letzten Winkel durchleuchet worden sein muss. Was "Wild Germany" dennoch unterscheidet: Die Reportagen kommen ohne Voyeurismus aus.

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"Nicht unter 16 Jahren", warnt der Vorspann von "Wild Germany", das donnerstags um 23 Uhr gesendet wird (oder via Mediathek). Versprochen wird ein "Trip durch das aufregende Land, das wir zuhause nennen." Das ist reißerischer formuliert, als die Sendung tatsächlich ist. Sie ist weder besonders wild noch crazy, abgefuckt oder sonstwas. Sie folgt dafür einer ganz einfachen journalistischen Vorgehensweise, auch wenn es bei einer Sendelänge von 30 Minuten ohne Verkürzung nicht geht: Möglich sucht sich ein Thema und spricht mit einer Handvoll Leuten. In der Reeperbahn-Folge also sowohl mit dem Prügelknaben wie mit dem Polizisten. Der nicht als "Bulle" oder "Cop" lässig eingeführt wird, sondern als "Beamter des LKA". Der Journalist fragt interessiert nach, ist höflich und nicht anbiedernd, hört zu. Er steht als sogenannter Presenter-Reporter fast immer im Bild, spielt sich aber nicht in den Vordergrund. Er lacht nicht dämlich, macht keine Witze auf Kosten anderer Menschen und hat keine Agenda. Klingt selbstverständlich? Ist es aber nicht.

Am Ende der Reeperbahn-Folge von "Wild Germany" stellt sich dann heraus, dass das wilde Deutschland vielleicht doch nicht mehr ganz so wild ist, wie gedacht. Klar, da haut "Karate-Tommi" schon mal eine Erinnerung an die harten Zeiten im Kiez Anfang der 80er raus: "Da hatte ich das Gehirn von Klaus schon auf meiner Schulter." Der Zuschauer nimmt das dann zur Kenntnis, bekommt aber aus guten Gründen keine Gelegenheit geboten, sich das Gemetzel genauer vorzustellen. "Wild Germany" kommt lakonisch daher, neugierig offen, gelegentlich absichtlich unbedarft, aber niemals doof. Also eigentlich so, wie ein Reporter an seine Themen herangehen könnte. Der Alltag ist kein Selbstbedienungsladen, und das haben Möglich und sein Co-Regisseur Tom Littlewood (der Chefredakteur der deutschen Ausgabe des Magazins Vice ist) verstanden.

In den kommenden Folgen geht Möglich in den Knast, um mit einem Vergewaltiger zu sprechen. Trifft Mitglieder der "Exilregierung Deutsches Reich". Besucht Jürgen Drews für einen Einblick in die Welt des Schlagers. Und hört, welche Lebensgeschichten illegal in Deutschland lebende Menschen zu erzählen haben. Im deutschen Fernsehen wurden einige dieser Themen, beispielsweise "Schlager" schon sattsam abgehandelt. Fans dieser Musik werden dann meistens als Volltrottel am Nasenring durch die TV-Arena geschleift. Möglich wird´s anders machen.

Was zu einer anderen Sendung führt, die als Wiederholung gleich im Anschluss an "Wild Germany" auf ZDF.neo läuft: "Herr Eppert sucht…", produziert von freeeye.tv. Thorsten Eppert spricht, ganz ähnlich wie sein Kollege Manuel Möglich, mit Menschen über ein Thema. Etwa über die Liebe. Ohne auch nur den Hauch von aufdringlich zu wirken, fragt Eppert einen jungen Häftling, ob es auch schwule Bezeihungen im Knast gibt. Und ob man da Sex haben kann. Genau die Fragen, die auch auf eine ganz andere Art und Weise gestellt und ausgeschlachtet werden könnten. Einer Frau, die seit Jahren in den a-ha-Star Morten Harket verliebt ist, sagt Eppert ganz offen: "Ich fand eigentlich immer, das war ein Popper." Sie nimmt es ihm nicht übel, genausowenig wie der Film die Schwärmerei einer Frau von Ende 30 bloßstellt.

In Kürze: "Herr Eppert" übertrifft "Wild Germany" noch. Das ZDF nennt die Reihe eine "skurille Recherchereise", aber "skurill" klingt schon wieder viel zu sehr nach einer menschlichen Freakshow. Leider stellen sich viele Programmverantwortliche auch im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen vor, dass "skurille" Sendungen viele Zuschauer vor den Fernseher bringen. Und bestücken dann aus Vorsicht doch lieber ihre Nischensender mit den Filmen, statt das Hauptprogramm. Aber wenn´s hilft, dürfen Reportagen wie "Wild Germany" und "Herr Eppert" auch gerne "abgefahren", "verrückt" oder "zum Totlachen" genannt werden. Solange sie dann in Wahrheit so unaufgeregt sind, dass es eine reine Freude ist. 

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