Digg.com: Von Facebook-Likes weggefegt

Publishing Das Silicon Valley Roulette hat sich wieder gedreht: Digg.com, einst Inbegriff des Schlagworts "Social News", wird von Betaworks übernommen. Verschiedene US-Medien kolportieren die Summe von nur 500.000 Dollar für das vor einigen Jahren mit 160 Millionen bewertete Start-up. Selbst, wenn die Summe höher liegt: Der Hit von heute kann die Niete von morgen sein. Der Auf- und Abstieg von Digg belegt: Die geniale Idee Social News ist kein Selbstläufer. Und: Der Druck für Gründer, ihre Start-ups bei hohen Bewertungen zu verkaufen, steigt.

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2006 hievte Business Week Kevin Rose, den Gründer von Digg.com, auf die Titelseite. "Wie dieser Junge 60 Millionen Dollar in 18 Monaten gemacht hat", lautete die Schlagzeile. Rose, mit Käppi und Kopfhörern, war der Gründer der Stunde, two thumbs up, zwei Daumen nach oben. Mit den 60 Millionen Dollar war natürlich nur die damalige Bewertung des "Social News"-Portals gemeint. So viel Geld dürften weder Rose noch seine Investoren jemals mit Digg.com gemacht haben. Der Gründer selber verließ das Start-up im vergangenen Jahr, um für Google zu arbeiten.

Cover der BusinessWeek von 2006

Die Idee, die Digg.com (neben einigen anderen Mitbewerbern) bereits 2004 hatte, war und ist gut, denn sie bildete eine Grundlage für das Konzept des Empfehlens und Teilens im Netz: Nutzer können Empfehlungen für Artikel im Web abgeben, direkt auf der Seite, auf der der betreffende Artikel steht, oder bei Digg. Die Beiträge, die besonders viel "Diggs" bekommen, werden zu einem Ranking aggregiert, das die Stories zeigt, die am häufigsten von der Digg-Community empfohlen wurden. Bei der personalisierten Variante werden einem Nutzer vor allem solche Artikel empfohlen, die seine Favoriten unter den Digg-Nutzern als empfehlenswert markiert haben. Kurz gesagt: Während eine Nachrichtenwebsite in der Regel ein eigenes Ranking relevanter und interessanter Nachrichten erstellt, ermöglichen Digg und Konsorten die Zusammenstellung eines eigenen News-Menüs. "Digg" steht einerseits für das "Ausgraben" von Beiträgen, die man sonst vielleicht übersehen hätte – und für "I dig it" – also: Ich mag das.

Ein Grund für den Niedergang des "diggen" war natürlich das "liken". Der Erfolg von Facebook und Twitter hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Social News im Gewand von Digg immer weniger relevant wurden. Schon mit rund 100 Digs kann eine Geschichte zur Top-Story werden. Trotzdem zählt die Seite angeblich noch rund 7 Millionen Nutzer im Monat. Aber: Auf den großen Nachrichtenangeboten ist Digg meistens gar nicht mehr als Button präsent. Die Mehrheit beschränkt sich auf Facebook, Twitter und Google+. Auch wenn es bei Digg und anderen ja gerade darum geht, Beiträge auszugraben, die nicht nur auf den großen Portalen zu lesen sind – die Visibilität der Marke ist einfach nicht mehr groß genug, neue Nutzer kommen vermutlich kaum hinzu.

Etwa 45 Millionen Dollar Investmentkapital sollen u.a. von Reid Hoffmann (Linkedin) und Marc Andreesen in Digg.com geflossen sein. Ein Verkauf an Google platzte angeblich. Der Niedergang wurde etwa vor zwei Jahren eingeläutet, als die Nutzerzahlen fielen. Auch wenn der Kaufpreis doch über der kolportierten Summe von einer halben Million Dollar liegen soll (wie TechCrunch berichtet) – eine Menge Geld wurde verbrannt. Betaworks, das u.a. den Linkverkürzer Bit.ly entwickelt hat, will Digg nun offenbar in das Angebot News.me hineinverpflanzen. News.me ist ein Dienst, der Empfehlungen für Inhalte als Link-Sammlung an seine Nutzer verschickt.

Es gilt weiterhin die große banale Weisheit des Netzes: Wer sich nicht weiterentwickelt oder in die falsche Richtung, geht im Netz schneller unter als man dreimal hintereinander "VZ Netzwerke" sagen kann. Und: Hat ein Start-up schnell eine hohe Bewertung erreicht, steigt der Druck auf die Gründer, einen Exit zu suchen. Es sei denn, man kann sich sicher sein, einen wirklich kopiersicheren Dienst anzubieten, der seine Mitarbeiter und Nutzer so begeistert, dass sie totsicher bei der Stange bleiben. Doch das gibt es selten. Es gilt aber auch weiterhin: Inhalte empfehlen und teilen werden die Menschen immer. Es kommt nur darauf an, wo und wie sie das tun.

Passend dazu wurde just die Übernahme des deutschen Pendants Yigg.de verkündet, der nun zu dem Dienstleister Ekaabo gehört. Kommentare zur Meldung auf Yigg.de: Bisher Null.

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