ARD-„Hauptstadtrevier“: die Kellen-Family

Fernsehen Der Vorabend im Ersten, auch „Todeszone“ genannt, dümpelt quotenmäßig schon länger vor sich hin. Weder „Gottschalk live“ noch die im vergangenen Jahr gestartete Reihe „Heiter bis tödlich“ schaffte die ersehnte Wende. Jetzt sollen drei neue Serien frischen Wind unters erfolglose Krimi-Dach bringen. Und nebenbei vor allem junge Zuschauer vor dem Fernseher versammeln. Ob das mit „Hauptstadtrevier“, einer Serie rund um eine fiktive Polizeidirektion am Berliner Spittelmarkt, gelingt?

Werbeanzeige

Zwei Szenen aus dem neuen ARD-Vorabendformat:
– ein Mann streicht einer Frau mit einem Tuch über die Brust. Sie ist eindeutig damit nicht einverstanden, guckt zwar sauertöpfisch, aber lässt ihn gewähren. Erst als er sie mit den Worten „Du willst es doch auch!“ an sich zieht und ihr an den Hintern fasst, wehrt sie sich und packt ihm heftig in den Schritt. Der Mann schreit auf und lässt endlich von ihr ab. Ist das amüsant?

– eine junge Frau wickelt einen Säugling in einem Kiosk. Der Besitzer beschwert sich, sie entgegnet, auf den Toiletten sei nicht genug Platz. Was sie denn bestellen wolle? Sie überlegt, einen Kaffee. War ja klar, aber okay. Der Verkäufer kommt nicht mehr dazu, ihr das Getränk zu bringen, denn zwei maskierte Männer stürmen den Kiosk und fordern ihn auf, die Kasse zu öffnen. Die junge Frau im Nebenzimmer bemerkt den Überfall. Man könnte meinen, sie würde ihr Kind nehmen und schnellstens verschwinden, aber nein, mit einer Windel bewaffnet geht sie in den Nebenraum. Genau, bewaffnet, denn damit sowie ihrer Schlagkraft setzt sie die Räuber außer Gefecht. Nicht bevor sie versucht hat, sie mehrfach zu bitten, ihr beim Wickeln zu helfen. Sie käme nicht zurecht, Windeln seien doch von Männern konstruiert, sie wüssten doch sicher Bescheid. Die beiden Täter reagieren genervt, aber die furchtlose Frau hört nicht auf. Kann man darüber lachen?

Slapstickartige Comedy ist ein Bestandteil, der den Zuschauer mit der neuen Serie „Hauptstadtrevier“, die ab Herbst unter dem Label „Heiter bis tödlich“ im Ersten zu sehen sein soll, erwartet. Das ist nicht immer schlecht. Bei der jungen Mutter handelt es sich um die Polizistin Julia Klug, gespielt von Friederike Kempter. Tat- und schlagkräftig ist sie, mutig, engagiert. Die Betatsche aus der ersten Szene ist ihre Chefin Marei Schiller (Julia Richter) Gefeiert wurde die Millionenspende des Unternehmers Max Raabe. Ihre Reaktion auf seine Handgreiflichkeit hat Marei Schiller ihren Job gekostet.

Die unerschrockene Julia Klug will sie rehabilitieren und schafft es, sie zu einem Einbruch in die Firmenzentrale der Raabe-Gruppe zu überreden. Die beiden wollen sensible Daten sammeln, um Umsatzsteuerbetrüger Raabe dingfest zu machen. Die nächste Szene zeigt eine ausländische Reinemachefrau in einem Bürogebäude, die sich mit den Worten „Neu hier?“ zu zwei identisch gekleideten Kolleginnen umdreht. Die beiden nicken und machen dumme Gesichter – und man erkennt Julia Klug und Marei Schilling im Putzfrauen-Outfit. Da muss man dann doch schmunzeln.

Komödiantisches Talent hat Friederike Kempter unbestritten. Dieses konnte sie nicht nur im Münsteraner „Tatort“ als auch mit „Ladykracher“ beweisen, nur spielt sie weder die junge, allein erziehende Mutter, noch die Elitepolizistin wirklich glaubhaft. Überhaupt läuft die Ermittlungsarbeit im Betrugsdezernat nur nebenbei ab. Es gibt kaum Probleme, alles passiert Schlag auf Schlag. Spannend ist das nicht. Eher sehr unrealistisch.

Überzeichnet wirkt auch die reine Polizistenfamilie, aus der Julia Klug stammt und um die es sich schwerpunktmäßig dreht. Mama Marianne (Kirsten Block), Papa Jürgen (Torsten Michaelis) und Bruder Patrick (Oliver Bender) verdienen ihre Brötchen als Streifenpolizisten. Das führt zu einigen mehr oder weniger lustigen Szenen und reicht sogar dafür aus, eine Berliner Villa zu finanzieren – was man sich bei vier Hauptverdienern gerade noch so vorstellen kann. Aber das edle Penthouse der (Ex-)Chefin Marei Schiller macht einen unpassenden Eindruck.

An die bei den Jungen beliebten Soaps und Scripted-Reality-Serien der Privatsender erinnert einiges: die – auch bei der Lösung des Wirtschaftsdelikts – häufig reibungslosen Abläufe, ebenso die abgehackte Erzählweise und das teilweise laienhafte Spiel. Interessanterweise konnte Frederike Kempters Counterpart Matthias Klimsa, der den stoischen Leiter des Betrugsdezernates Johannes Sonntag darstellt, Erfahrungen bei der beliebten ARD-Produktion „Berlin, Berlin“ gewinnen. Genauso comichaft wirken viele Szenen des neuen „Hauptstadtreviers“.

Die eingestreuten Berlin-Bilder muten modern an, benutzen Zeitraffer und auffällige Farbbearbeitung, auch die Kameraführung ist zeitweise durchaus gelungen. Gedreht wurde sowohl im Studio als auch auf Berlins Straßen, nur leider sieht man das nicht. Ebenso der Lokalkolorit, der ein Merkmal der „Heiter bis tödlich“-Reihe sein sollte und ein Erfolgsrezept des seit 25 Jahren im Ersten laufenden „Großstadtreviers“ (woran der Titel „Hauptstadtrevier“ wohl erinnern soll) darstellt, bleibt aus.

Insgesamt ist die ARD-Produktion gewohnt seichte Vorabendunterhaltung, die nirgends in die Tiefe geht. Der öffentlich-rechtliche Sender wollte wohl den Erfolg des ZDFs mit seinen zwischen 17 und 20 Uhr gezeigten Krimi-Serien kopieren und gleichzeitig die bei Werbekunden beliebte Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen ansprechen. Doch vereint der unausgegorene Mix aus Comedy, Krimi und Familiengeschichte zu viele Elemente. Um die Jungen anzulocken und endlich wieder zweistellige Marktanteile zu realisieren, sollte man sich bei der ARD vielleicht an „Berlin, Berlin“ orientieren, das zwischen 2002 und 2005 Marktanteile weit über dem Senderschnitt erreichte. Werte, wovon die bisherigen fünf „Heiter bis tödlich“-Reihen nur träumen können.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige