Erik Spiekermann von SZ „etwas enttäuscht“

Publishing Erik Spiekermann, einer der renommiertesten deutschen Typografen, nennt die neue Schriftenfamilie der Süddeutschen Zeitung gegenüber MEEDIA "eine handwerklich sehr ordentliche, sehr sorgfältige Arbeit." Die neue Schrift übermittele dem Leser die Botschaft: "Ich bin bescheiden, ich halte mich im Hintergrund." Das sei einerseits gut. Aber, so urteilt Spiekermann auch: "Ein Stückchen weiter hätten die Kollegen gehen können." Er sei, bekennt der Typograf, "ein wenig enttäuscht".

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Aufgeräumter sei die Zeitung nun, bestätigt Spiekermann eines der Ziele der "Layout-Reform" genannten Änderungen in der Süddeutschen. "Da trafen ja Ringelsocken auf Karohemden und Streifenpullis." Aber das Ergebnis sei "noch zu kontrastlos, zu gleichmäßig, zu grau." Ziel hätte es auch sein müssen, die Zeitung noch etwas jünger aussehen zu lassen.

Während die Grundschrift mit Ausnahme des kleinen "s" (Spiekermann: "eine Katastrophe") gut sei, weil sie sich wie die Vorgängerschrift kaum bemerkbar mache, passiere ihm zu wenig bei Überschriften und Ressortköpfen. Solche Elemente trügen zur Markenbildung einer Zeitung bei, aber die Überschriften seien beispielsweise "ein wenig allerweltsmäßig". Spiekermann: "Zeitungen haben einen Klang, der so unterscheidbar sein muss wie ein Trollinger von einem Bordeaux, oder die Berliner von den Londoner Philharmonikern." Die SZ, deutet Spiekermann an, könnte also noch besser klingen.

Einzelheiten, die den Typografie-Experten stören, sind beispielsweise die mittelachsig gesetzten Überschriften: "So wie es jetzt ist, entsteht ein unentschiedener Weißraum." Die Unterzeilen seien deutlich zu lang. Und die Spaltenlinien, die vom alten Layout übernommen wurden, brauche heute "kein Mensch" mehr.

Spiekermann gehört zu den europäischen Autoritäten unter den Typografen. Im Jahr 2000 überarbeitete er den britischen Economist und führte dort eine neue Schrift ein. Spiekermann entwarf selber eine Reihe von Schriften, ist Gründer der Agentur MetaDesign und der Fontshop AG. Spiekermann weiß nur zu gut, wie die Realitäten des Redaktionsalltags aussehen und sich Vorstellungen von Designern und Vorstellungen von Journalisten zueinander verhalten: "Redakteure sind empfindlich. Als ich vor zehn Jahren eine neue Schrift beim Economist eingeführt habe, gab es zwei Wochen Krieg."

Andere Reaktionen: Im Medium Magazin schreibt der Zeitungsdesigner Norbert Küpper: "Ich denke, die SZ hat es richtig gemacht, sehr behutsam an die Sache heranzugehen." Die neue Grundschrift sei "sehr gut lesbar" und folge trotzdem der "bisherigen Tradition". Die Überschriften seien ein wenig zu fett, so Küpper. Sein Urteil fällt ähnlich wie das von Spiekermann aus: "Die SZ bleibt gestalterisch mäßig – und insgesamt gestalterisch hinter der FAZ und Welt zurück. Die meisten Veränderungen wäre vor 20 Jahren modern gewesen, heute wirkt es wie überfällige Anpassung. Schade, dass Spaltenlinien  als alter Zopf hängen geblieben sind."

Jürgen Siebert notiert im Fontblog: "Dass der Chefredakteur einer deutschen Tageszeitung die Rolle seiner (neuen) Schrift in einem Atemzug mit redaktionellen Änderungen leidenschaftlich verteidigt, ist eine Anerkennung für alle Typografen und Schriftentwerfer in diesem Land, die seit Jahren für die Nutzung des vielfältigen Angebots kämpfen." 

Die Münchner betonen, dass die Überarbeitung eine "Layout-Reform" sei. Inhaltliche Änderungen im Blatt gibt es so gut wie nicht. Die bisherigen Schriften Helvetica, Excelsior und Times seien "ein wenig veraltet" (Feuilleton-Chef Andrian Kreye) gewesen. Die Aufgabe von Zeitungen, stärker als bisher zu analysieren und einzuordnen soll über die neue Schrift SZ Text, entwickelt von den Schriftgestaltern Henning Skibbe und Nils Thomsen, vermittelt werden.

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