Die NSU-Morde und die Medien

In welches Dickicht aus widersprüchlichen Informationen und Aussagen die NSU-Morde nicht nur die Ermittlungsbehörden und den Untersuchungsausschuss des Bundestags führen, sondern auch die investigativen Journalisten der Republik, war am Donnerstag in der Zeit und der Süddeutschen zu lesen. In der Zeit schrieben Stefan Aust und Dirk Laabs, in der Süddeutschen Hans Leyendecker, John Goetz und Tanjev Schultz. Beide Recherchen stellen die Frage nach der Vestrickung des Verfassungsschutzes in die Morde.

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Im Mittelpunkt beider Artikel steht Andreas T., ein ehemaliger hessischer Verfassungsschützer. Er saß am 6. April 2006 in einem Internetnetcafé in Kassel – offenbar genau zu der Zeit, als dessen Besitzer Halit Yozgat dort erschossen wurde. T. wurde befragt – einmal 2007, nach der Enthüllung der Machenschaften der NSU noch einmal im vergangenen Jahr. T. habe sich in Widersprüche verstrickt, notiert das Zeit-Autorenteam. Von dem Mord an Yozgat will T. nichts mitbekommen haben, heißt es. T. hatte Kontakte in die rechte Szene, bei einer Durchsuchung seiner Wohnung wurden Waffen, eine abgetippte Version von "Mein Kampf" und ein Buch über Serienmörder gefunden.

Das Team der SZ konnte Andreas T. gemeinsam mit Journalisten von "Panorama" (NDR) befragen. Klar erkennbar ist, dass Leyendecker und seine Kollegen T. nicht für den Mörder von Yozgat halten. Zitat aus dem Text: "Was ist das für eine sonderbare Welt, in der die Beamten der Sicherheitsbehörden die wahren Verdächtigen sind?" Und: "T. wurde zum Verdächtigen in der Mordserie, hinter der in Wirklichkeit die Neonazis der Zwickauer Zelle steckten." Es gebe "keinen Zipfel eines Verdachts gegen ihn", zitiert die SZ einen Ermittler. Auf MEEDIA-Nachfrage schreibt Hans-Leyendecker: "Es gibt gegen Andreas T. im Zusammenhang mit dem Mord keinen Anfangsverdacht bei den Behörden und es kann auch deshalb, so jedenfalls unsere Sicht, keinen journalistischen Anfangsverdacht geben. Er ist Zeuge in dem Verfahren und für ihn gilt die Unschuldsvermutung."

Die Frau von T. wird in dem SZ-Artikel zitiert: "Es klebt seit sechs Jahren an uns wie Scheiße." Mit "es" ist der Verdacht gemeint, ihr Mann könne ein Mörder sein. Die Familie habe vor den Medien fliehen müssen. Er sei nur "der falsche Mann am falschen Ort" gewesen, sagt T. Die Überschrift des SZ-Artikels auf Seite 3 lautet: "Chaostheorie". Die Überschrift des Zeit-Artikels lautet: "Der Mann mit der Ceska".

Die Ceska ist die Pistole, mit der neun Menschen getötet wurden. In der Unterzeile des Zeit-Artikels heißt es: "Hat ein hessischer Verfassungsschützer einen der NSU-Morde begangen? Ein Polizist wollte ermitteln – die Behörde bremste ihn aus". Der Artikel benennt wie die Kollegen der SZ alle Erkenntnisse über Andreas T., versucht den Tag des Mordes zu rekonstruieren. Vor allem die Probleme der
Ermittlungsbehörden, vom hessischen Verfassungsschutz valide Informationen zu bekommen, stehen bei Aust und Laabs im Zentrum: "Bis heute helfen weder der Verfassungsschutz noch das Innenministerium Hessens, die ‚Causa T.’…aufzuklären."

Hans Leyendecker schreibt auf Nachfrage zu möglichen ungeklärten Fragen des Falls, die speziell Andreas T. betreffen: "Wichtig für uns ist: Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt haben in den vergangenen Monaten  noch einmal alle Unterlagen einsehen und mit allen Zeugen sprechen können. Das Ergebnis ist, dass das 2007 eingestellte Verfahren gegen Andreas T. nicht neu aufgenommen wird. Wesentliche Fragen, die 2007 nicht vollständig geklärt waren, wurden 2011/2012 beantwortet."

Gibt es einen "tiefen Staat", eine Verschwörung von Rechtsextremisten und dem Verfassungsschutz und/oder anderen Organen des Staates? Vermutlich nicht, sagen die SZ-Leute. Vielleicht, sagen die Zeit-Autoren. Die Berichterstattung über die NSU-Morde und ihre Hintergründe ist vermutlich eine der größten journalistischen Herausforderungen dieser Tage.

Die Bild-Zeitung berichtete am Donnerstag groß über die Aust-Recherchen in der Zeit und übernahm weitgehend den Verdacht gegen den ehemaligen Verfassungsschützer: "Es ist ein schwerer Verdacht, über den einer der profiliertesten deutschen Journalisten und Terrorismus-Experten schreibt!" Aust war mehr als ein dutzend Jahre Chefredakteur des Spiegel. Heute ist er Gesellschafter des Nachrichtensenders N24 und berät u.a. die Zeit. Hans Leyendecker ist ehemaliger Spiegel-Journalist und wechselte vor vielen Jahren zur SZ, als dort Austs Vorgänger Hans Werner Kilz Chefredakteur wurde. Kilz wiederum baute im vergangenen Jahr das Rechercheteam der Zeit mit auf.

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