„Fernsehen ist immer noch Ankermedium“

Fernsehen Amerikanische Serien wie das Drogen-Drama "Breaking Bad" oder "Sons of Anarchy" aus dem kriminellen Rocker-Milieu würden in Deutschland niemals produziert, sagt Lothar Mikos, der Leiter des Erich Pommer Instituts für Medienforschung. Dazu seien Produzenten wie Sender viel zu risikoscheu. Im Gespräch mit MEEDIA sagt Mikos auch: "Komplexe Serien und Free-TV funktionieren nicht miteinander." Das deutsche TV produziere Serien für ein möglichst breites Publikum - die darum keine hohe Qualität hätten.

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Professor Mikos, gibt es eigentlich Regeln für eine gute Serie?
Feste Regeln gibt es nicht. Wenn es die gäbe, hätten wir nur noch gute Serien, das wär ja auch langweilig. Ganz allgemein macht eine gute Serie aber aus, dass die Geschichte komplexe und ausgefeilte Charaktere hat, die manchmal ungewöhnliche Dinge tun. Was den Erfolg einer Serie dann verstärkt sind Sender, die genau wissen, welches Publikum sie mit dieser Serie erreichen wollen. Wenn ich wie deutsche Free-TV-Sender ein Publikum zwischen 14 und 49 oder sogar 3 bis 90 erreichen will, dann kommt bei vielen Produktionen der kleinste gemeinsame Nenner heraus – und der hat in der Regel keine hohe Qualität.

Können Sie ein Beispiel für eine Serie nennen, die auf dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners basiert?
"In aller Freundschaft" in der ARD ist so eine Serie. Krankenhaus-Serien gibt es bereits seit den 60ern. Ich will nicht sagen, das sei nicht professionell produziert. Aber Charaktere, auf die sich alle einigen können, machen keine gute Serie aus. Die brauchen Ecken und Kanten. Flache Charaktere lösen keine Reaktionen aus. Was bedeutet: Über "In aller Freundschaft" redet man nicht. Das ist bei Serien wie "Sex & the City" oder "Dexter" ganz anders. In den USA wissen die Kabelsender ganz genau, wer ihr Publikum ist. Immerhin: Sky hat angekündigt, auch Serien für Deutschland zu produzieren. Die könnten schon interessanter werden als Serien im Free-TV.

Interessante Charaktere, da sagt man: Ja klar, Langweiler wollen wir nicht. Aber heißt das, vielschichte Serienhelden müssen alle Unsympathen sein wie "Dr. House"?
Bedenken Sie, dass "House" im Free-TV viele Zuschauer hat, obwohl der Charakter einzigartig ist. Ich denke eher an "Breaking Bad", wo der arbeitslose Lehrer Walter White mit einem Schüler ein Meth-Labor betreibt. Diese Geschichte würde in Deutschland nie produziert. Oder "Sons of Anarchy" über einen Motorradclub. Können Sie sich eine deutsche Serie über die Hell´s Angels vorstellen? Es gibt zu wenig Produzenten, die so einen Stoff anfassen würden, es gibt aber vor allem noch weniger TV-Redakteure, die so einen Stoff in Auftrag gäben. Die Mehrheit ist zu risikoschau, und so sehen dann auch die Serien aus. Vielleicht ändert sich das mit einer jüngeren Produzenten-Generation.

Mit anderen Worten: Um bessere Serien zu bekommen, müsste sich die deutsche TV-Landschaft von Grund auf verändern?
Auf alle Fälle. Das wäre die eine Voraussetzung. Die andere: Die Produktionsweisen müssten sich verändern. Wir wollten mit unserem Workshop "European TV Drama Series Lab" auch das Prinzip des Writer´s Room in Europa bekannter machen, also bei Autoren und Rundfunkverantwortlichen.

Da hocken dann eine Handvoll oder mehr Autoren in einem Zimmer und tüfteln gemeinsam an der Story und den Charakteren, im Unterschied zu einem einzigen Autoren, der sich eine komplette Serie ausdenkt.
So ungefähr. Die Zahl der Autoren ist bei Sitcoms immer etwas größer als bei Drama-Serien. In größeren Gruppen geht es eben lustiger zu. Diese Autoren entwickeln gemeinsam in der Diskussion, wie sich eine Serie entwickeln soll. Wenn es dann ans konkrete Schreiben geht, werden die Arbeiten aufgeteilt. Oder ein Autor schreibt eine Episode, ein anderer die nächste. Und trotzdem ist der Look einheitlich. Bei Daily Soaps und Telenovelas wird diese Arbeitsweise auch bei uns schon praktiziert, nicht aber bei Serien.

Sie haben in dem Workshop auch die Figur des Showrunners vorgestellt. Was macht der?
Der Showrunner entscheidet, wie die Serie aussieht. Er ist der Mittelsmann zwischen Autoren und Senderverantwortlichen. Er ist der Einzige, der von Anfang bis zum Ende dabei ist. Die Regisseure sind bei dieser Arbeitsweise vollkommen unwichtig, sie sind im Schneideraum beispielsweise gar nicht mehr dabei. Sondern der Showrunner. Er schreibt aber nicht selber, dafür gibt es das Autorenteam.

In Deutschland ist die klassische Arbeitsteilung zwischen einem Autoren und einem Regisseur noch weit verbreitet.
Und doch gibt es europäische Koproduktionen wie die "Borgias", bei der mit Tom Fontana ein Showrunner hohe Qualität abgeliefert hat.

Aber warum soll ein Showrunner für eine Serie denn besser sein als ein Regisseur?
Der Showrunner hat keinen Kunstanspruch, es geht ihm um das Produkt, nicht um sich selbst. Die Serie steht über allem. Er hat die Vision der Serie, macht sie aber nicht alleine.

Der Gegenentwurf zum Ego-Typ des Regisseurs also.
Genau, der Regisseur steht gelegentlich einer guten Serie im Weg. Ein Regisseur will seinen Kunstanspruch verwirklichen. In den USA ist er aber mehr ein Handwerker, ein Dienstleister.

Werden deutsche Serien denn wenigstens tendenziell besser? Ich denke an Beispiele wie "Edel und Starck", "Doctor´s Diary" oder "Danni Lowinski".
Es ist ja nicht so, dass es keine guten deutschen Serien gäbe. Serien wie die genannten erreichen aber kein Massenpublikum. Sie sind schon auf spezielle Zielgruppen zugeschnitten, gehen aber leider manchmal im Gesamtprogramm der Sender etwas unter.

Sie sagen, dass Zuschauer sich von Serien komplexe Handlungen versprechen. Dazu fällt mir beispielsweise "The Wire" ein, die im deutschen TV bisher nicht ausgestrahlt wurde, vermutlich aus gutem Grund. Die deutsche Kurzserie "Im Angesicht des Verbrechens", ebenfalls recht komplex, floppte. Wollen Zuschauer also wirklich so vielschichtige Geschichten? Es gibt doch gleichzeitig ein Bedürfnis nach Einfachheit.
Beide Bedürfnisse lassen sich nicht unbedingt vergleichen. Vor allem in Sitcoms darf es wenig kompliziert zugehen, keine Frage. Die Drama-Serie ist komplexer. Und wenn ich versuche, mit einer solchen Geschichte ein breites Publikum anzusprechen, werde ich scheitern. Wenn ich alle Zuschauerinteressen befriedigen will, wird es langweilig. "Im Angesicht des Verbrechens" war eine für deutsche Verhältnisse gute Serie, die nachts versendet wurde. Genauso wurden die "Sopranos" vor einigen Jahren vom ZDF in der Nacht zum Montag versendet. Das war aber eine Serie, die Maßstäbe gesetzt hat. Es bleibt also das Fazit: Komplexe Serien und Free-TV funktionieren nicht miteinander.

Ist es nicht ohnehin so, dass Liebhaber anspruchsvoller Serien Sky abonnieren, sich eine DVD-Box kaufen oder gleich im Internet über legale wie illegale Portale Serien schauen? Der Anreiz für Sender, solche Stoffe zu finanzieren, ist klein. Und dann brauchen die Zuschauer sowieso immer drei Folgen, bis sie "drin" sind.
Als "Dallas" erstmals im deutschen Fernsehen lief, schauten bestimmt 16 Millionen Zuschauer zu. So viele Menschen erreicht heute nur noch der Fußball. Die Marktanteile von Free-TV-Sendern sinken, das Stichwort lautet Fragmentierung. Aber: Fernsehen ist immer noch das Ankermedium. Wenn ich eine Serie produziere, die nie im Fernsehen läuft, werde ich auch mit DVDs und Online-Plattformen nicht viele Zuschauer gewinnen. Bei komplexen Serien ist die TV-Ausstrahlung gewissermaßen eine Form des Marketings, um sie anschließend auf anderen Wegen zu verwerten.

Ein weiteres Problem deutscher Serienmacher: Produktionsfirmen stehen unter einem enormen Kostendruck.
Auch hier zeigen sich die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA – wir haben es mit vollkommen anderen Produktionskulturen zu tun. Hier leben Produzenten in erster Linie davon, dass sie Auftragsproduktionen für Sender machen. In den USA produzieren Firmen eine Serie und verkaufen sie dann.

Das kann in den USA ja nur funktionieren, weil es als System erprobt ist…
Das System in Deutschland hat den Vorteil der Absicherung für den Produzenten. In den USA kann es sein, dass mit einer Serie viel Geld verbrannt wird. Nicht alles ist dort besser.

Gibt es Erkenntnisse, wie sinnvoll beziehungsweise erfolgreich der Einsatz von Social Media bei Serien ist, um die Zuschauer bei der Stange zu halten?
Zum einen wird Social Media total überschätzt. Der Großteil der Zuschauer will sich unterhalten lassen. Da ist die höchste Form der Aktivität bereits, dass jemand eine DVD einlegt. Social Media spielt aber, wenn es erst einmal Fans gibt, eine große Rolle. Weil man in Foren oder über Facebook und Twitter über Ländergrenzen hinweg über eine Serie diskutieren kann. Produzenten und Macher können vor allem bei langlaufenden Serien Änderungen am Stoff vornehmen, Charaktere in den Vorder- oder Hintergrund schreiben. Social Media ist auch ein Marketingtool – gibt jemand der Serie ein "Like" auf Facebook, bekommt dieser zusätzliche Informationen. Aber eine Serie auf Social Media aufbauen, das geht nicht.

Zum Abschluss eine eher soziologische Frage: Woran liegt es eigentlich, dass das deutsche Fernsehen so viele Krimiserien hervorbringt?
Ach, in anderen Ländern werden auch viele Krimis geschaut. Die Trilogie von Stieg Larsson war weltweit ein Erfolg. Eine Grundfunktion von fiktionalen Serien und Filmen ist es, Dinge zu zeigen, die uns im Alltag nicht gestattet oder sanktioniert sind. Nicht umsonst gibt es doch in Filmen und Serien überdurchschnittlich viele Seitensprünge. In Filmen darf auch getötet werden. Es gab in meinem Leben sicher eine Handvoll Situationen, wo ich jemanden hätte töten wollen – es aber natürlich nicht getan habe.

Mordet der Deutsche in seiner Serien-Fantasie lieber, während etwa der Amerikaner lieber á la Don Draper fremdgeht?
Tendenziell ja (lacht). Das lässt sich auch an der Praxis des Jugendschutzes ablesen. In den USA ist Sex im TV eher nicht gestattet, Gewalt ist aber kein Problem. In Deutschland wird beides nicht so gern gesehen. In Frankreich ist Sex im TV unproblematisch.

Es gibt also kulturelle Unterschiede des Serien-Schauens!
Ja, aber parallel hat sich seit den 50er Jahren eine weltweite Kultur des Fernsehguckens etabliert. Es gibt überall auf der Welt Menschen, die "Dexter" oder "True Blood" schauen. Das ist, auf einen Markt begrenzt gesehen, ein Nischenpublikum. Global gesehen ist dieses Nischenpublikum aber sehr groß.

Darum empfehlen Sie den Schritt hin zu internationalen Co-Produktionen.
Genau – die Skandinavier, deren Heimatmarkt oft zu klein für große Serien-Produktionen ist, haben das schon gelernt. Ein Beispiel ist "Lilyhammer" – eine norwegische Serie, die von Medienunternehmen aus den USA und Deutschland mitfinanziert wurde. Die kann ich nur empfehlen.

Prof. Dr. Lothar Mikos ist geschäftsführender Direktor des Erich Pommer Instituts (EPI) für Medienrecht, Medienwirtschaft und Medienforschung in Potsdam. Das EPI veranstaltete im April und Juni das European TV Drama Series Lab, an dem deutsche Serienmacher wie Emmo Lempert (Studio Hamburg) und Marc Terjung (Autor u.a. von "Edel & Starck", "Danni Lowinski") wie internationale Kollegen teilnahmen, darunter Frank Spotnitz (u.a. "X-Files", "Hunted") und Simon Mirren (u.a. "Criminal Minds, "Without a Trace").

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