Jung von Matts Holocaust-Mogelpackung

Marketing In Cannes heimste Jung von Matt gerade einen goldenen (Media) und einen bronzenen Löwen (Integrated) für die Arbeit "Stones telling Stories" ein. Und auch bei anderen Keativ-Awards war die Arbeit erfolgreich, so zuletzt mit einer silbernen Trophäe bei den Clio Awards. Nur: Jung von Matt hat bei dieser Arbeit keine kreative Leistung erbracht - stattdessen handelt es sich bei der eingereichten Arbeit um einen trickreich und clever gemachten Casefilm, mit dem die Juries hinters Licht geführt wurden.

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Die Stolpersteine sind ein Mahnmal, mit dem der Künstler Gunter Demnig  an die Opfer der NS-Zeit erinnert, in dem er vor ihrem letzten Wohnhaus kleine Gedenktafeln ins Trottoir verlegt. Eine herausragende Idee und ein viel gelobtes Projekt, welches der Künstler seit 2004 verfolgt. In Hamburg und inzwischen in vielen weiteren deutschen Städten werden seither die aus glänzendem Messing gefertigten Pflasterelemente verlegt. Die lokale Presse berichtete häufig über die Aktionen, bereits seit 2010 gibt es dazu auch eine von der Stadt Hamburg in Auftrag gegebene iPhone-App, die das Auffinden der Steine erleichtert sowie Links zu Bruchstücken der Biografien der Opfer enthält.
Die Stolpersteine-Initiative ist ohne Frage eine ebenso effektive wie wertvolle Maßnahme gegen das Vergessen. Aber: Wo ist dabei die kreative Leistung von Jung von Matt? Die Idee der Kampagne skizziert die Agentur Jung von Matt/Fleet (verantwortliche Geschäftsführer als Executive Creative Director: Jan Rexhausen und Dörte Spengler-Ahrens) so: Wie bringen wir junge Menschen in Kontakt mit diesem Mahnmal? Wir transportieren die Steine in die Welt, wo sich die jungen Menschen die meiste Zeit aufhalten: ins Internet. Das "größte Holocaust-Denkmal" werde so zum "größten Online-Holocaust-Denkmal" aller Zeiten. Das klingt logisch und ambitioniert.
Doch was der von der Cannes-Jury ausgezeichnete Casefilm in 2:35 Minuten dann zeigt, verdreht Tatsachen, gaukelt eine Verbreitung der Stolperstein-Mahnmale vor, die diese tatsächlich digital noch gar nicht erreicht haben und prahlt geradezu mit technischen Funktionen, die weder Website noch Applikation realisieren können. Das ist unredlich und unseriös, landläufig würde man sogar von einem Fake sprechen. Und man kann nur mutmaßen, dass wohl keine Jury die Kampagne der Agentur mit so hohen Ehren bedacht hätte, wenn den Juroren der tatsächliche kreative Beitrag der Hamburger sowie die Mogelpackungen im Casefilm bewusst gewesen wären.
Die Ungereimtheiten der Reihe nach: 
- Im Film sehen die Zuschauer (und Juroren) eine Website, auf der die Steine auf einer Landkarte verortet sind. Angeblich kann man zu jedem Stein ausführliche Hintergrundsinformationen und Bilder bekommen. Was nicht stimmt. Wenn man zum Beispiel den Namen Siegfried Salomon auf der Website eingibt, erscheinen weder Fotos noch Biografie. Im Casefilm hingegen erscheinen ein Foto des Opfers, seine Biografie und noch weitere Fotos zum Thema. Ein Fake, wobei auch unklar ist, ob das Foto, das die Werber präsentieren, überhaupt den aus der Susannenstraße 6 im Hamburger Schanzenviertel deportierten Siegfried Salomon zeigt.
- Auf der Kampagnen-Website sind die Orte der Stolpersteine alles andere als vollständig (zumindest im Vergleich mit der Chronik/Technik auf dem offiziellen und seit Jahren existierenden Portal stolpersteine.com). Es wirkt so, als wäre das Team von Jung von Matt nicht rechtzeitig zur Einreichung beim Cannes-Festival mit der Website fertig geworden und habe versucht, im Casefilm zu suggerieren, wie das Endprodukt aussehen könnte.
- Im Film wird behauptet, dass ein Web-Nutzer auf Google Maps "über die Steine stolpert". Auch das entspricht nicht der Wahrheit. Die Steine sind über Google Maps nicht verortet. Und auch nicht über Google Street View, wie in dem Case Film ebenso fälschlich erklärt wird. "Auf einen Klick werden die Opfer wieder lebendig", heißt es im Film. Auch hier: Fake, denn Street View ermöglicht keine der beschriebenen Funktionen, und die zweimal gezeigte "Biografie" von Siegfried Salomon existiert in der gezeigten Form nicht, auf Klick erscheint ein Popup: "Kein Foto vorhanden." Die Wahrheit: Eine ausführliche Seite über sie Stolpersteine gibt es schon seit langem von der Stadt Hamburg (stolpersteine-hamburg.de). Hier kann man Biografien und Hintergründe zu den Opfern erfahren. Diese Mühe hat man sich für die "Award-Website" von Jung von Matt gar nicht erst gemacht. Und die App, die ebenfalls im Film auftaucht, wurde bekanntlich von der Stadt Hamburg in Auftrag gegeben und umgesetzt – und nicht von den Werbern. Im Casefilm wird der Eindruck vermittelt, diese App wäre die Leistung von Jung von Matt und wäre im Kontext einer integrierten Kampagne entstanden.
- Wer sich das Presse-Clipping im Casefilm genauer anschaut, wird schnell feststellen, dass die Presse-Artikel nicht auf die digitalen Stolpersteine Bezug nehmen (die gibt es nämlich gar nicht) sondern auf die jeweils neuen Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Wen wundert es da, wenn im Impressum der Website stolpersteine-online.com als Verantwortlicher der Berater der Werbeagentur und die Adresse der Agentur auftaucht und nicht der vermeintliche Auftraggeber Demnig. Der hat nämlich seine eigene Website: stolpersteine.com Von dieser wird aber nicht auf die JvM-Seite verlinkt.
Alles in allem ist der in Cannes gleich zweifach prämierte Streifen ein schlecht gemachter und durchsichtiger Film voller Fakes, offensichtlich zusammenschustert in der Hoffnung, dass sich niemand intensiver mit der Einreichung beschäftigt. Eine Erwartungshaltung, die nicht unrealistisch ist, da Jurymitglieder in der Regel einen Casefilm nach dem anderen serviert bekommen. Hinterfragt oder nachrecherchiert wird da nur selten. Und der Druck in den Agenturen ist hoch: Kreativpreise sind bei Jung von Matt wie in vielen anderen Topagenturen die wichtigste Währung.
Allerdings sollten die Vorstände einer Agentur vom Format Jung von Matts sich fragen, ob ein solches Vorgehen gerade angesichts der Bedeutung des Themas Holocaust akzeptabel und ethisch vertretbar ist. Auch die begehrtesten Preise heiligen nicht alle Mittel.
Auf Anfrage von MEEDIA hat sich die Agentur bislang nicht offiziell zu dem Thema geäußert.

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