Die Twitter-Plattitüden der Nationalspieler

Publishing Drei Spiele noch - dann ist die Fußball-Euromeisterschaft Geschichte. Auch, wenn noch völlig offen ist, wer der neue oder alte Europameister wird, abseits des grünen Rasen steht fest: Twitter ist endgültig im Sportalltag angekommen. Selbst für Altstars wie Oliver Kahn und Franz Beckenbauer ist der 140 Zeichen-Kanal inzwischen zum Mitteilungsorgan geworden – wenn auch mit wenig originellen Tweets. Die eigentlichen Akteure der DFB-Elf halten sich nach dem auferlegten Twitter-Knigge unterdessen auffallend zurück...

Werbeanzeige

Der Countdown läuft: Ein Tag noch bis zum großen Showdown zwischen Deutschland und Italien im EM-Halbfinale von Danzig. Die Emotionen kochen vor dem Klassiker verständlicherweise hoch: "Wir haben die Mentalität, Deutschland zu schlagen", erklärte Torwartaltstar Gianluigi Buffon der italienischen Presse. Bundestrainer Joachim Löw sieht das natürlich ganz anders: "Die Zeit ist reif, gegen Italien zu gewinnen", diktierte der 52-jährige der Welt.  
Auf dem beliebten Kurznachrichtendienst Twitter indes – Schweigen. Zumindest die deutschen Nationalspieler halten sich auffallend in 140 Zeichen zurück. Tatsächlich sind aus dem aktuellen Kader nur Lukas Podolski, Toni Kroos, Jerome Boateng, Mario Götze halbwegs aktiv auf Twitter vertreten.  
Twitter-Erkenntis: "Halbfinale, wir kommen!"
Doch deren Postings halten sich ziemlich in Grenzen – in Umfang und Inhalt: "Halbfinale, wir kommen!" lautete der letzte Tweet des bislang größtenteils verhinderten Spielmachers Toni Kroos. "Glückwunsch an Michael Schumacher zu seinem 3. Platz!!! Starkes Rennen! Poldi", hatte Lukas Podolski bei Twitter zuletzt am Wochenende auch etwas beizutragen, was nicht mit der EM zu tun hat. Andere Tweets sind Weiterleitungen seiner Facebook-Einträge.
Dasselbe ist auch bei Mario Götze zu beobachten: "Einige Minuten zu spielen war schon gut, ich freue mich schon auf Donnerstag und Sonntag. Mario #stayhungry", postete die deutsche Antwort auf Lionel Messi gestern mit dreitägiger Verspätung nach dem Kurzeinsatz gegen Griechenland via Facebook und Twitter. 
Jerome Boateng: einsilbige englische Höflichkeiten
Exklusiv auf dem 140-Zeichen-Dienst in den Dialog getreten ist dagegen Jerome Boateng. Der Außenverteidiger, der noch wenige Tage vor dem EM-Turnier durch seinen nächtlichen Hotelbesuch bei Nacktmodell Gina-Lisa Lohfink für einige Schlagzeilen abseits des runden Leders sorgte, twittert – wie etwa Boris Becker – in Englisch. Allerdings beschränkt sich der 23-Jährige dabei auf einsilbige Höflichkeiten mit ehemaligen Teamkollegen von Manchester City oder Kollegen aus Premier League.
Die eigentlichen DFB Stars Schweinsteiger, Lahm glänzen auf Twitter durch Abwesenheit; Mesut Özil hat zuletzt im November vergangenen Jahres den Drang verspürt, sich mitzuteilen, bei Gomez sind gar mehr als 15 Monate vergangen. "Wir müssen uns jetzt echt richtig anstrengen!", lautete des letzte sinnige Tweet des bulligen Stürmers, sofern sein nicht verifizierter Account denn überhaupt echt ist. So oder so: Eine Twitter-Offensive klingt anders. 
DFB-Management legte im Vorfeld Twitter-Knigge fest
Dabei kann das große Schweigen der DFB-Stars auf Twitter eigentlich niemanden ernsthaft überraschen. Im Vorfeld hatte Teammanager Oliver Bierhoff einen Social Media-Knigge für DFB-Team herausgegeben, der sich wie ein halber Maulkorb anhörte: "Wenn sich ein Spieler auf der Terrasse fotografiert und das Bild dann auf seine Facebook-Seite stellt, ist das okay. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht die Intimität verlieren und den Mannschaftsgeist verraten", so Bierhoff gegenüber Bild.de
Die Liste der Ausschlusskriterien ist lang und könnte von keiner PR-Agentur glatter und korrekter formuliert worden sein: "Es darf nichts über Aufstellung oder Verletzungen gepostet oder getwittert werden. Wir dulden keine negativen Kommentare gegenüber gegnerischen Mannschaften und Schiedsrichtern, auch keine Kritik an anderen Spielern oder gar Kollegen."
Bundestrainer Jogi Löw wurde im Vorfeld noch deutlicher: "Es ist für mich ganz und gar unverständlich, wie Menschen ihr Privatleben, bis hin zu wirklich vertraulichen, ja intimen Dingen, so wahllos mit Tausenden oder gar Millionen Menschen teilen", erklärte Löw bei der Trainingsvorbereitung auf die EM im Interview mit dem Zeit Magazin
Twittert Jens Lehmann wirklich?
Entsprechend blieb es in den vergangenen zweieinhalb Wochen dann eher ehemaligen Nationalspielern vorbehalten, für das ein oder andere Ausrufezeichen beim nach Facebook weltgrößten Social Network zu sorgen. Jens Lehmann, während seiner DFB-Karriere ein streitbarer Zeitgenosse, knöpfte sich nach dem Elfmeterschießen zwischen England und Italien, wie es schien, den ARD-Experten Mehmet Scholl vor. 
"Scholl redet Quatsch! Weiß leider nicht viel übers Elfmeterschießen!" so der Tweet der deutschen Nummer eins bei der vergangenen EM. Das Problem: Lehmanns Account, der gerade mal 1300 Follower aufweist, ist von Twitter bislang nicht als offiziell anerkannt. Egal: Für Bild.de  war die Vorlage groß genug für eine Aufmachergeschichte
Oliver Kahns peinlicher Tweet: Stück EM-Geschichte
Nicht die geringsten Zweifel gibt es bekanntlich um die Echtheit des Twitter-Accounts von Lehmanns großem Rivalen in der Nationalelf. Auch Oliver Kahn hat unter größtmöglicher Hilfe den 140-Zeichendienst öffentlichkeitswirksam für sich entdeckt – sein wenig gelungener erster Tweet ist bereits ein kleines Stück Fernseh-EM-Geschichte. 
Doch damit hat sich das Ehemaligentreffen auf Twitter noch nicht. Sogar der Kaiser twittert inzwischen: "@beckenbauer Wünsch mir viel Glück heute Abend…", lautete Oliver Kahns bislang letzter Tweet an den Teamchef der letzten Weltmeistermannschaft, der selbst wenig Neues zu berichten hat. 
@Beckenbauer: Plattitüden auf 140 Zeichen
"GER-ITA: In etwas mehr als 42 Stunden, aber 42 Jahre liegen schon zur WM70 zurück. Ich habe die Bilder noch vor Augen", so der jüngste Eintrag des deutschen Fußballidols. Vorher zum Griechenland-Viertelfinale: "Eine hoch überlegene deutsche Mannschaft hat verdient 4:2 gewonnen." Viel platter können vorformulierte Tweets von Social Media-Agenturen kaum klingen. 
Für Fans der deutschen Mannschaft ist das vielleicht nicht mal die schlechteste Nachricht: Angesichts der Plattitüden der aktuellen und ehemaligen Nationalspieler kann man sich morgen wirklich ganz auf das Spiel konzentrieren. 

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige