„Mir geht es um persönliche Wahrheit“

Publishing Kosmopolit, Jude, Kennedy-, Shakespeare- und Lennon-Monograph: Alan Posener, 63, bis 2008 Kommentarchef der Welt am Sonntag, ist als Korrespondent für Politik und Gesellschaft einer der führenden Journalisten. In Berlin sprach der Mann mit Neigung zum Widerspruch mit Christopher Lesko in einem zweiteiligen Gespräch über Stationen seines Lebens - Posener über Lennon und Lehramt, über Glauben, Liebe und Korrumpierung: "Ich bin nicht in einem Interview, um mich schön zu malen."

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Alan Posener, zum 65. Geburtstag des Welt-Herausgebers Thomas Schmid sprach ich mit einem Mann, der Mit-Gründer des “Revolutionären Kampfes“ war. Nun sitzt mir mit Ihnen als führender Journalist der Welt am Sonntag ein früheres Kadermitglied des kommunistischen Studentenverbandes und ehemaliger Maoist gegenüber. Das ist schnell noch mal ein Zeichen genau wofür?
(Lachend): Das ist ein Zeichen für die Veränderungsfähigkeit von Menschen und Verlagen.
Geht es noch ein wenig abstrakter?
Was ich mit Thomas Schmidt gemeinsam habe: Wir sind beide Renegaten. Das gibt oft einen gewissen Furor in die andere Richtung. Ich erkenne das bei mir: Diese Ungeduld mit dem linksliberalen Milieu, mit dem man noch zu tun hat. Ich kann natürlich nicht für Thomas Schmid sprechen. Für mich gilt, dass Axel Springer als Verlag sehr anziehend war und ist. Gerade wegen seiner Haltung in für mich entscheidenden Fragen. Israel etwa. Obwohl viele meiner Ansichten nicht sehr verschieden sind von denen der Linksliberalen, hätte ich in und mit einem linksliberalen Verlag sicher  meine Probleme. Ich vermute, Thomas Schmid sieht das ähnlich. Soweit der Aspekt des Renegaten. Was den Verlag angeht, ist es interessant, dass zumindest seit Mathias Döpfner Chefredakteur der Welt war, er sich ganz gern mit “ solchen Leuten“ umgeben hat. Vielleicht, weil er selbst eine gewisse antiautoritäre Ader hat und sie besser versteht, als der alte Schlag der Springer-Journalisten es tat.
Was müsste ich innerhalb unseres Gespräches tun, um mir erfolgreich Ihren größtmöglichen Ärger zuzuziehen?
Wenn ich das wüsste, hätte ich mich besser in der Hand. Ich bin ein relativ jähzorniger Mensch. Das kann getriggert werden durch alle möglichen Dinge. Könnte ich die voraussehen, könnte ich andere ja wegwarnen. Aber das kann ich nicht. Ich mag keine Hinterhältigkeit sondern liebe offene Visiere. Ich versuche immer ehrlich zu sein, und ich würde mich sehr ärgern, wenn mein Gegenüber nicht ehrlich wäre.
Dieses Bild ist Beleg Ihrer Phantasie und Kreativität, oder ist es aus Erfahrungen geboren?
Eine Phantasie ist es nicht. Es ist so abstrakt formuliert, weil ich niemand bin, der lange über erlittenes Unrecht nachdenkt. Ich bin nicht nachtragend. Ich habe manchmal den oder den auf meiner Liste von Leuten, denen ich mal eine reinwürgen wollte: Ist es soweit, weiß ich häufig nicht mehr, warum.
Das ist strategisch für Würgewillige nicht die allerbeste Ausgangslage.
Nein, ich bin kein Stratege. Ich glaube sogar, dass ich leicht ADS-mäßig gepolt bin – ich kann mir auch sonst nicht viel merken.
Stationen Ihrer Vita lesen sich wie ein inneres und äußeres Reisebuch. Können Sie mir in einigen Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
“Erkenne Dich selbst“  ist die Aufgabe des Lebens.  In dieser Frage müsste ich mein Leben allerdings als missglückt ansehen, weil ich es mit der Selbsterkenntnis nicht so weit gebracht habe wie andere. Ich kann das nicht beantworten, ich müsste wahrscheinlich in eines Ihrer Psycho-Trainings.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich in Konflikte zu begeben, Sie haben jetzt diese gewählt. Vielen Dank also für die wertschätzende Bemerkung über meine Arbeit. Säße Ihre Frau hier, und ich fragte sie, wer genau Alan Posener sei, wie lautete ihre Antwort?
Sie ist sehr loyal und würde nur das Beste über mich sagen.
Das wäre ein Anfang. Was denn?
Sie würde sagen, ich sei die Liebe ihres Lebens, der Vater ihres Kindes, der Mann mit dem sie alt werden wolle. Jemand, mit dem sie sich nie langweile. Und ich bin sicher, dass sie das zu 90 % auch meinen würde.
Lassen Sie uns über die restlichen 10% reden.
Andererseits bin ich der Mensch, der sie am tiefsten verletzen kann. Der mal eben dienstlich eine Woche nach Mexiko fliegt. Der sie immer wieder neu überrascht, weil er viele Ideen hat und dabei noch fürchterlich vergesslich ist. Bittet sie mich abends, in den Keller zu gehen und Wein und Wasser zu holen, komme ich zurück mit dem Wein und habe das Wasser vergessen. Sie muss also ein wenig auf mich aufpassen.
Sie sind außereuropäisch in London geboren, in England, Malaysia und Deutschland aufgewachsen. Erzählen Sie über Ihren Start ins Leben. Wer und was haben Sie geprägt?
Ich bin in London geboren. Meine Mutter war 20, mein Vater war 45. Sie war ein ungebildetes, wildes Mädchen aus verarmter, sehr guter Familie. Ihr Vater, Schotte, war in Ghana in den Kolonien und hatte dort mit einer Mätresse eine zweite Familie. Sie war das schwarze Schaf und heiratete mit meinem Vater eine Episode ihres wilden Lebens: viel älter, Jude, nicht einmal englischer, sondern deutscher Jude.  Auch, um ihrer Familie etwas heimzuzahlen. Mein Vater betrachtete sich damals als Versager: In Deutschland aufgewachsen. Architektur studiert, was er nicht mochte. Dann in die Emigration nach Frankreich und Palästina, und weil er es dort nicht aushielt und gegen Hitler kämpfen wollte ging er in die britische Armee und landete als Fremder in England.
Das war eine interessante Mischung: Zuhause ging es hoch her.  1956, als ich sechs war, zogen wir nach Malaysia. Wir fuhren drei Wochen mit jenem Schiff, das später als Achille Lauro bekannt werden sollte, als es von Terroristen gekapert wurde. In Kuala Lumpur habe ich die entscheidenden Jahre meiner Kindheit verbracht. Ich liebte Malaysia, liebte das Bunte, die Wärme, das Multikulturelle. Mit zehn kam ich dann alleine nach England zurück. Damals war es üblich, dass die Kinder von Kolonialbeamten mit zehn ins Internat kamen. Ich flog zurück. Als ich in London landete, das graue Land und die ausgebleichten Menschen sah, fasste es mich kalt ans Herz. Ich fand das Internat entsetzlich.
Ihre Eltern sind irgendwann auch zurückgekommen.
Ja, mein Vater erhielt dann bald zwei Angebote: Eines für Haifa und eines für Berlin. Ich wollte Haifa wegen der Wärme. Aus heutiger Sicht wäre ich als englisch geprägtes Kind im damaligen Israel untergegangen.
Es wurde also Berlin.
Ja. Eigentlich sollte ich in England bleiben, aber ich war einsam und setzte durch, dass ich mitkommen durfte. Im Gegenzug setzte mein Vater durch, dass ich auf ein Internat ging und verwirklichte einen seiner Jugendträume, indem er mich auf eine Reformschule schickte. Nicht die Odenwald-Schule, in die ging mein 10 Jahre jüngerer Bruder, sondern die Schulfarm Insel Scharfenberg in Berlin.
Man kann lange streiten über derartige Entsorgungsstrategien.
Ich habe meinem Kunstlehrer, mit dem ich bis heute befreundet bin, versprochen, nie gut über meine Schulzeit zu sprechen, aber ich finde es immer schwerer, das einzuhalten.
Haben Sie denn von Ihren Eltern irgendetwas lernen können, was Ihnen für Ihr Leben geholfen hat?
Meine Mutter, mein zentrales Leitbild, war unfassbar jung, als ich zur Welt kam. Sie war ehrlich und in ihren Meinungen sehr intolerant. Von ihr habe ich, so glaube ich, gerade deshalb Toleranz gelernt, einen gewissen Abstand gegenüber eigenen Vorurteilen. Von meinem Vater habe ich viel gelernt. Er war  ein zutiefst liberaler Kosmopolit. Als ich in der Zeit der Beatles auf der Reformschule wegen langer Haare nachhause geschickt wurde, hat mein Vater sich den Umgang der Schule mit mir eine Zeit lang angesehen. Er hat dann einen Termin mit dem Direktor gemacht und ihm unter Zuhilfenahme von Renaissance-Portraits und Bildern der Hitler-Jugend  klar gemacht, wie unmöglich dieser Umgang mit jungen Menschen sei. Er tat dies nicht, um sich bei mir anzubiedern, sondern aus tiefster Überzeugung.
Ich bin an Ihren Vorurteilen interessiert.
Ich pflege meine Vorurteile. Gegen Iren, gegen Franzosen. Höre ich Iren im Radio reden, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Obwohl ich kaum Iren kenne und die einzigen Iren, die ich kenne, sehr nette Leute sind. Ich habe das von meiner Mutter. Die sagte immer, die Iren seien die Letzten. Ich pflege das und gleichzeitig weiß ich, dass es Quatsch ist. Wenn irgendjemand sagt, er habe keine Vorurteile, spinnt er. Das heißt, man muss wissen, wie man tickt. Und gleichzeitig muss man wissen, dass es Quatsch ist.

"Geweint habe ich nur bei John Lennons Tod"
Die Beatles haben in Ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt und tun es in gewisser Weise noch. Besonders John Lennon. 1987 haben Sie eine John-Lennon-Monographie geschrieben. Was an ihm hat Sie berührt?
Ich war etwa 30, als John Lennon starb, 40 als meine Mutter starb und 50, als mein Vater starb. Geweint habe ich nur bei John Lennons Tod. Ich war ein erwachsener Mann und habe ein Jahr lang keine Freude am Leben gehabt. Das ist im Nachhinein zwar lächerlich. Aber die Beatles mein Leben verändert: Ich war ein angepasster, kleiner 13-Jähriger und wollte ein guter Junge sein. Ich war auf dem Internat, weil meine Eltern es wollten. Zwar war ich auch ein heimlicher Rock´n Roll-Fan, das war ein Teil von mir, den ich selbst nicht richtig verstand. Dann kamen die Beatles und dieser Song, „I Wanna Hold Your Hand“, der alles war, was ein Rock ´n Roll – Song sein musste: romantisch, heavy, rau mit Harmonien, die nicht ganz stimmten. Ich war so begeistert, dass ich meine Haare nach vorne kämmte, obwohl sie viel zu kurz waren. Aber ich war als Pilzkopf erkennbar und wurde vom Direktor der Reformschule sofort mit der Bemerkung nachhause geschickt, ich dürfe wiederkommen, wenn ich wie ein Mann aussähe. Viel später hat er sich dafür bei mir entschuldigt. Auf dem Weg zur Fähre wurde ich von zwei Mädchen begleitet. Vorher hatte sich kein  Mädchen für mich interessiert.  Das war eine Lektion fürs Leben. Ich ging zum Friseur, kam zurück, ließ die Haare wieder wachsen, wurde wieder weggeschickt. Der Vorgang wiederholte sich dreimal.
In dieser Zeit wurde ich nicht nur zum besten Schüler der Klasse, wofür man sich nichts kaufen kann:  Ich war der Rebell und bekam meine erste Freundin. Dafür konnte man sich schon mehr kaufen. John Lennon war auch ein Rebell. Und er hat mir ermöglicht, mich zu emanzipieren. Er war mein Guru. Mehr noch: Er war der Guru, der mich gehen ließ, denn er war ja gar nicht da. Er ermöglichte mir, meine eigenen Erfahrungen mit Autorität zu machen. Ich bin bis heute antiautoritär.
Mit Ihrem musikalischen Blick der damaligen Zeit,  nicht dem Imagine“-, sondern dem I Wanna Hold Your Hand“ – Blick: Warum Lennon und nicht McCartney?
Es war seine beinahe hässliche Stimme, die nicht zum Singen gemacht war. Die Auswahl der Rock-Songs: McCartney hat zwar auch “Long Tall Sally“ gesungen, aber es klang bei ihm zu mühelos. Bei Lennon merkte man Arbeit, Anstrengung. Auch das gehört zu Rock. Dann sein Gesicht: nicht schön, dünner Mund. Und dann schrieb er noch zwei Bücher, die ich auswendig kann. Sein drittes Buch habe ich ins Deutsche übersetzt. Lennon war ein Intellektueller, begegnete Journalisten auf Augenhöhe, machte Witze mit ihnen und über sie. Rock emanzipierte sich damals von der  Bindung an das Proletariat, und ich gehörte zu Millionen, für die das die grundlegende Revolution war.

    
Es begann im Internat. Ihre Frau und Sie haben Ihre Tochter auch auf ein Internat geschickt?
Ich habe meine Frau ja in der Reformschule kennen gelernt. Meine Frau wollte unbedingt dorthin. Sie wollte raus aus einer erzkatholischen Familie: Vater Nazi.  Sie wollte raus aus einer miefig-piefigen Atmosphäre, wollte Emanzipation. Meine Frau hatte zur Schule stets ein ungebrocheneres Verhältnis als ich. Ich lernte dort zwar schneller Deutsch und akklimatisierte mich, aber wie mein Großvater und Vater, wäre ich in jeder Schule unglücklich gewesen. Das ist Posenersche Tradition.  Meine Frau war Aussteigerin aus dem Kleinbürgertum, und ich bin Teil eines absteigenden Großbürgertums. Scharfenberg war auch ein großes Eheanbahnungs-Institut. Wir wollten eigentlich unsere Tochter Jennifer dorthin schicken, aber als es soweit war, hat meine Frau es nicht übers Herz gebracht. Sie wollte ihr nahe sein.
Mich beruhigt das. Könnte man Jennifer fragen, was Sie denn für ein Vater seien, wie lautete die Antwort?
Ach. Sie würde sagen: “Er versteht mich und steht zu mir. Ich spreche gerne mit ihm. Er baut mich auf.“ ……..Sie sind nicht zufrieden?
Ich überlege.
Was denn?
Ob ich unterhalb der gesprochenen Worte so etwas wie Liebe spüre. Sie haben das mit väterlich-distanzierter Kontrolle formuliert. Und ohne Lächeln. Das macht mich misstrauisch.
Ach, wissen Sie: Liebe ist ein sehr dehnbarer Begriff.
Finde ich nicht. Was ist denn Liebe für Sie?
Wenn man das Hauptthema der gesamten Welt-Literatur in einem Satz zusammenfassen könnte, wäre man ein Genie. Ich liebe Berlin. Ich liebe meine Frau und meine Tochter. Ich habe meine verstorbenen Eltern geliebt, habe aber bei ihrem Tod keine Träne vergossen, bis heute nicht. Als John Lennon erschossen wurde, war ich ein Jahr lang nicht zu gebrauchen. Habe ich den geliebt? Kann ich doch gar nicht, ich kannte ihn nicht.  Vielleicht ist Liebe für den Liebenden immer bedeutsamer als für den, der geliebt wird. Ich kann keine Definition von Liebe geben. Wenn ich sie vermissen würde, könnte ich nicht leben.
Das ist ein schöner und wahrer Satz, ihr letzter Satz. Das mit den Tränen um Ihre Eltern kommt vielleicht noch. Irgendwann.
Das mit der Liebe ändert sich doch auch. Als man Jesus fragte, was die Summe der Heiligen Schriften sei, sagte er: “Du sollst Gott mit ganzem Herzen lieben, und Deinen Nachbarn ebenso. Das ist das ganze Gesetz, und die Propheten.“ Er wurde von den Pharisäern gefragt, und sie gingen zufrieden mit der Antwort weg. Daran sehen Sie, dass das Christentum nichts Neues war. Alles war bei der Entwicklung des Judentums schon da. Ich glaube nicht an Gott. Ich kenne viele gläubige Menschen, aber ich kenne niemanden, der Gott wirklich liebt. Schon gar nicht mit ganzem Herzen. Jetzt frage ich Sie, gibt es irgendjemand, der Gott wirklich liebt?
Wenn wir Aspekte projektiver Identifikation mit einbeziehen, heißt meine Antwort: ja. Und ich spreche da nicht von mir. Dafür allerdings müsste man Gott nicht zwingend bemühen. Auch Menschen gegenüber ist es schwer zu bestimmen, wie viel potentieller Liebe dem anderen gilt und wie viel etwa dem inneren Bild vom Gegenüber. Vielleicht ist Liebe ja nur das Gefühl, an bestimmten Stellen irgendwie fraglos angekommen zu sein.
Das haben meine Katzen bei mir auch. Ob sie mich lieben?
Sie glauben mir meine Antwort sowieso nicht, und ich muss investmenttechnisch auf meine Ressourcen achten. An Gott glauben Sie auch nicht. Sie haben noch nie gebetet?
Als Kind war ich fromm und habe gebetet. Allerdings schon immer kritisch fragend. Mir leuchtete nicht ein, was für ein tolles Opfer es gewesen sein soll, dass Christus sich am Kreuz geopfert hat. Ich habe immer gedacht: “Kunststück, er war Gott. Er wusste, er kommt in den Himmel.“ Für mich war das Opfer unserer Soldaten im Krieg  ungleich größer. Für viele, die im Gegensatz zu mir religiös aufwuchsen, ist die Rückkehr zu Gott und Kirche eine Antwort auf die wachsende Kälte im Alter. Es ist Heimkehr. Aber Kirche und Heimkehr sind Versuchungen. Man steigt niemals zweimal in denselben Fluss, obwohl viele Menschen dies gerne täten. Ich nicht. Religion und Kirche bieten Menschen dieses kindliche Gefühl von Aufgehoben Sein. Das allerdings gibt es nicht. Es sei denn, man schafft es sich selber.
Ich will zumindest anmerken, dass Sie sich möglicherweise mit vordringlich intellektuellen Ansätzen einer Frage nähern, die sich nicht auf dieser Ebene befindet. Das schließt sich einerseits ebenso wenig aus, wie es auf der anderen Seite den bestmöglichen Zugang bietet. Wenn Sie den Löffel abgeben, ist der Drops für Sie dann gelutscht?
Natürlich. Wenn Sie eine Kerze ausblasen, wo ist dann die Flamme? Schalten Sie Ihren Fernseher aus, wo ist dann das Bild? Jesus hat gesagt: “Lebe jeden Tag, als wäre es Dein letzter.“ Er sagte nicht: “Du hast ewig Zeit.“ Im Grunde genommen sind konsequentes Christentum und konsequenter Atheismus das Gleiche.
Als Laie in Glaubensfragen würde ich zumindest für möglich halten, dass die Bemerkung von Jesus eher qualitativ als quantitativ gemeint war. Wie lebt man denn posenertechnisch so ohne Glauben?
Genauso wie jemand der glaubt: Man versucht gut zu sein. Gut zu sich und gut zu anderen. Man weiß, es gibt keinen Reset-Knopf. Was Du gemacht hast, hast Du gemacht. Du trägst es in Deinem Leben herum. Für die Ewigkeit. Für Dich ist Dein Leben doch die Ewigkeit. Mehr hast Du ja nicht.
Es gibt durchaus Vertreter von Glaubensrichtungen, die ihr persönliches Ableben für die Beförderung zum Eigentlichen halten.
Ja, aber das ist etwa so, als würde man beim Steak-Essen sagen, eigentlich käme es auf den Nachtisch an. Glauben Sie?
Vielleicht würde ich gerne.
Lebe jetzt. Mehr kann man nicht verlangen. Von keinem Menschen, Und: Hey – wenn ich Unrecht haben sollte, umso besser. Die Pascal´sche Wette ist falsch. Er sagte: “Was kannst Du verlieren? Wenn Du an Gott glaubst und hast Unrecht, hast Du nichts verloren. Hast Du Recht, bekommst Du das ewige Leben.“ Eine bodenlose Feigheit. Es ist umgekehrt. Lebe, als gäbe es keinen Gott. Hast Du Unrecht, vertraue auf seine Gnade. Wenn er so kleinlich ist, mir meine paar Sünden ewig vorzuhalten – ehrlich gesagt: Dann ist das sein Problem.
Welche Sünden hätten Sie denn im Portfolio?
Ich könnte mir vorwerfen, nicht intensiv genug gelebt zu haben. Ich habe fast alles ausprobiert. Sex, drugs & Rock’n’Roll – you name it. Jedoch die maximale Ausnutzung meiner emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten habe ich nicht so oft hinbekommen. Zur rechten Zeit das zu tun, was ich für richtig hielt, ist mir nicht immer gelungen. Beispielsweise habe ich viel zu lange an Situationen festgehalten: Ich war viel zu lange in der KPD-AO, war viel zu lange Lehrer, habe danach viel zu lange als freier Schriftsteller rumgedödelt. Das war ein Mangel an Entschlusskraft im Gefühl, das Leben dauere ewig. Meine Mutter hat mit einem Zitat aus “Hamlet“ immer gesagt, man solle sich selbst treu sein. Ich habe lange nicht gewusst, was das bedeutet. Das ist meine Haupt-Definition von Sünde: Verschwendung von Leben.
Ihr Versuch des pädagogischen Investments in Schüler hat sich nicht  halten können. Wie sind Sie auf dieses schmale Brett Ihrer damaligen Berufswahl gekommen?
Ich wusste nicht, was ich werden wollte – eine typische Voraussetzung um Lehrer zu werden. Was nicht gut ist: Besser wäre, man wüsste, dass man Lehrer werden will. Dann bot mir die KPD-AO einen Inhalt an: für Partei und Revolution zu arbeiten.  Ich habe auf Vorschlag der Partei hin Germanistik studiert, damit ich schnell fertig wurde. Dann bekam ich Berufsverbot, und mein Ziel war, das Berufsverbot zu umgehen und den Leuten keine Möglichkeit zu geben, mir aus fachlichen Gründen am Zeug zu flicken. Ich habe das erreicht und mit Eins abgeschlossen. Da war ich schon lange nicht mehr in der Partei.  Ich war ein ebenso unzufriedener Schüler gewesen wie meine Mutter, mein Vater und Großvater vor und meine Tochter nach mir. Der Wunsch, es besser zu machen war stark, und noch heute gehört die Zeit meines Referendariats zu den glücklichsten in meinem Leben. Ich habe gerne unterrichtet, und ich war beliebt. Aber fünf Jahre wären genug gewesen. Ich fing an, mich auf eine bestimmte Art zu langweilen, die ich inzwischen gut kenne. Doch ich hatte den Beruf, und dann kam die Korruption durch Geld. Ich verdiente als Studienrat mehr, als ich erwartet hatte, passte meinen Lebensstil an, meine Frau wurde schwanger. Das alles band mich. Berufsverbote übrigens waren völlig unnötig. Ihr Ziel konnte locker mit dem Gehalt eines Studienrates genauso effektiv erreicht werden.
Und die Korrumpierung lag worin?
In dem Wunsch, den Lebensstandard zu halten. Ich wäre gerne Rock ´n Roll-Sänger geworden, hatte auch eine Band, es hätte aber nicht dazu gereicht, um das Gehalt eines Studienrates zu verwirklichen. Auch als ich freier Schriftsteller wurde, habe ich nicht den Roman geschrieben, den ich schreiben wollte, sondern habe als Übersetzer und für Schulbuchverlage gearbeitet und Monographien für Rowohlt geschrieben, um ungefähr auf das Geld zu kommen, was ich als Lehrer hatte.
Ihr Impuls, die Ernährung einer jungen Familie mit kleiner Tochter als “Korrumpierbarkeit“ zu bezeichnen, ist auch nicht gerade Mainstream. Sie sind ein wenig extrem im Blick auf sich selbst.
Ich bin ja nicht in einem Interview, um mich selbst schön zu malen. Diesen Teil überlasse ich anderen. Ich habe z.B. auch nie gesagt, dass mein kommunistisches Engagement eine Jugendsünde war. Als ich aus der KPD ausstieg, kam einer meiner Professoren, Sympathisant der Partei, zu mir. Er war schockiert und fragte mich: “Warum hast Du das getan?“  Mein Gott, ich war etwa 27 und antwortete: “Wären wir an die Macht gekommen, hätten wir KZ´s gebaut. Deshalb.“ Das war Quatsch: Wir wären nie an die Macht gekommen und haben – ehrlich gesagt – so gut wie keinem weh getan. Und dennoch finde ich diesen Satz, den ich damals gesagt habe, heute auch richtig.
Wie leben Sie heute?
In einem kleinen Reihenhaus in Berlin. Ich liebe Berlin und bin eine treue Seele. Ich allein hätte, ein alter Traum, gerne in New York gelebt, aber ich hätte meine Frau nie dazu gezwungen. Ich war in meiner ganzen Jugend im Internat und habe bis 2002  in Wohn- und Hausgemeinschaften gelebt. Dies ist das erste Haus, das uns gehörte. Wir mussten auch das erste Mal eigene Messer und Gabeln kaufen.
Bis zum Alter von 55 lebten Sie in Wohngemeinschaften. Mit Tochter?
Ja, mit Tochter. Mir macht deshalb die Aussicht auf ein Altersheim kein Problem. Persönlichen Besitz etwa brauche ich gar nicht. Mir geht es um etwas anderes: um persönliche Wahrheit. Wenn ich einmal auf mein Leben zurückblicke, kann ich mir diese Frage gut beantworten: Habe ich immer das gemacht, was ich wollte, oder das, was andere wollten? Wahrscheinlich auch ein Syndrom des braven Jungen, der ich war. Meine Schwester war der Rebell.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de‚>Im 2. Teil des Interviews spricht Posener über Gauck, Grass und Konflikte mit Kollegen.

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