Zeit Magazin diesmal mit Liquid-Redaktion

Publishing Diesmal ist alles anders: „Naturgemäß reagieren Leser im Nachhinein auf Ausgaben oder einzelne Beiträge. Diesmal ist es anders herum: Wir reagieren vorab auf Wünsche unserer Leser“, erklärt Christoph Amend, Chefredakteur des Zeit Magazin. In der kommenden Ausgabe gibt die Redaktion das Heft in die Hände der Leser. Die Berliner wollten wissen, inwieweit sich die Mittel der Liquid Democracy auch aufs Blattmachen übertragen lassen. Das Resultat: Die Leser lieferten Themen, keine Geschichten.

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Der Versuchsaufbau, den Amend und seine Redaktion entwarfen, war nicht gerade unkompliziert. Mithilfe des Berliner Vereins Liquid Democracy e. V und einer Software baute das Zeit Magazin eine Web-Plattform, über die Leser Themen vorschlagen, diskutieren und bewerten konnten. Fünf Wochen lang konnte jeder seine Vorschläge auf der Site Adhocracy zur Abstimmung stellen. Insgesamt kamen innerhalb von fünf Wochen 450 Themen-Vorschläge zusammen.
„Die Wünsche der Leser ergaben gleich eine überraschende Mischung“, erzählt Amend. "Favorisiert wurden Geschichten über den Alltag von Behinderten, die Zukunft des Hebammen-Berufs, unser aller Fleischkonsum und Leopold Kohr“. Leopold wer? „Genauso haben wir auch reagiert. Hinter dem vielen nicht allen vertrauten Namen verbirgt sich ein Philosoph und Wissenschaftler, der zu den wichtigsten Vordenkern der Idee des Mikrowirtschaftens gehört. Für die Occupy-Bewegung ist er ein wichtiger Bezugspunkt.“
Besonders schwer war es offenbar, sich des Themas Fleischkonsums zu nähern. Die Redaktion hatte die Idee, einen Schlachter zu porträtieren, erzählt Amend. „Unsere Autorin Jana Simon ist fast verzweifelt. Es ist, so schreibt sie in ihrem Stück, fast einfacher einen gesprächsbereiten Päderasten zu finden als einen Schlachter, der bereit ist, über seinen Job zu sprechen.“
"Tatsächlich haben die Leser uns Aufträge zu Themengebieten gegeben, aber selten konkrete Geschichten", sagt Amend. "Die klassischen Aufgaben einer Redaktion, also die Themensuche, das Recherchieren, das Schreiben, Fotografieren und Gestalten begann erst nach Abschluss der Abstimmung.“
Mit dem Ergebnis ihres Liquid-Redaktion-Versuchs scheinen die Berliner zufrieden zu sein. "Uns hat das Experiment inspiriert – eine Fortsetzung folgt", sagt Amend.

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