Diekmann: „Bild sprengt alle Dimensionen“

Publishing "Irgendwann", spricht der gelassene Thomas Gottschalk zu seinen Promi-Kollegen, "irgendwann macht man seinen Frieden mit Bild." Im Hintergrund der Bühne, auf der Gottschalk steht, ragen riesige Faksimiles von Bild-Titelseiten in die Höhe. Vor Gottschalk: Franz Beckenbauer, Kati Witt, Boris Becker, Heino, Guido Westerwelle. Und natürlich Friede Springer, Mathias Döpfner und Kai Diekmann. Die haben Deutschlands Promis eingeladen, mit ihnen eine Buchvorstellung zu feiern.

Werbeanzeige

Der Taschen Verlag hat ein ziemlich dickes, ziemlich schweres Buch mit 720 Titelseiten der Zeitung in Originalgröße gemacht. Ein Brecher, angesichts einer so dünnen Zeitung. Doch da läppert sich was zusammen, in 60 Jahren. Genau gesagt 18.000 Titelseiten. "Eine kleine Festschrift" nennt Bild-Chef Diekmann den Wälzer. Vor einem Jahr habe er die Idee zum Buch gehabt. Nun stellt er gemeinsam mit Kunstbuchverleger Benedikt Taschen das Werk vor. "Bild ist immer big", sagt Diekmann. Seine Worte wirken so, als habe das Blatt zum 60. seinen Höhepunkt erreicht – der Chefredakteur spricht eine Laudatio auf seine eigene Zeitung: "Bild sprengt alle Dimensionen, Bild hat den Mond zum Ami gemacht und alle Deutschen zum Papst." Und: "Wenn es darum geht, Haltung zu zeigen, macht Bild keiner was vor." Diekmann meint die Produktion der Ausgabe zum zehnjährigen Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center in New York.

Klar, da gibt es eine Menge Menschen, die hartnäckig bestreiten, dass Bild eine Haltung hat. Was Stefan Aust denkt, ist nicht ganz klar. Aber Aust, der viele Jahre neben Diekmann der einflussreichste Chefredakteur Deutschlands war, hat für das Bild-Buch einen Text geschrieben, der in dieser Woche auch in Bild veröffentlicht wurde. Auch Aust spricht zu den angereisten Promis, und bemüht sich um ein wenig Distanz. Vor 44 Jahren habe er mit Pflastersteinen vor dem Springer-Hochhaus gestanden, heute habe man ihn gleich reingelassen. Bild wirke wie ein Katapult, ein Vergrößerungs- und Vergröberungsglas. Die Gefahr dieser publizistischen Kanone liege darin, dass sich ihre Macher zu wichtig nehmen könnten. Und, auch mit Seitenhieb auf seine ehemaligen Kollegen beim Spiegel: "Wer glaubt, dass Politiker vor einer Konferenz zittern, nimmt sich zu ernst." Das Nachrichtenmagazin hatte unlängst ein Kampagnenmotiv veröffentlicht, in der just behauptet wurde, Politiker fürchteten sich vor der Spiegel-Konferenz.

Dann tritt Gottschalk auf den Plan und parliert mit Heino über eine angebliche Fahrerflucht, die Bild als Titelschlagzeile brachte. Er sei gar nicht gefahren, sagt dann Heino, habe nur einen Arzt schützen wollen, der sonst seinen Führerschein verloren hätte. Frank Elstner kam mal aufs Titelblatt, weil ihm Diebe sein Glasauge aus seiner Wohnung geraubt hatten. Keine wilde Sache, erzählt Elstner gleich, das Auge habe er auch schon mal im Hotel vergessen. Außenminister Westerwelle, den Gottschalk wie alle anderen duzt, setzt schließlich zu einer kleinen Festrede an – mit Ausnahme der Griechenland-Berichterstattung habe Bild einen "klaren politischen Kompass". Und die meiste Zeit sei er, Westerwelle, von der Zeitung auch fair behandelt worden. Bild sei, schließt Westerwelle, "bemerkenswert".

Es liegt dann an Gottschalk, das aufkommende Pathos ironisch zu brechen: "Je länger man fragt, desto dankbarer wird man." In den Reihen der deutschen Lichtgestalten sitzt auch der Rennradfahrer Jan Ullrich, der in den vergangenen Jahren nicht unbedingt wegen guter Schlagzeilen auffiel. Auch er dürfte Dankbarkeit empfinden, heute im 19. Stock des Hochhauses von Springer sitzen zu dürfen. Bild kennt ihn noch. "Wir waren alle mal vorne bei Bild drauf, das ist unser Schicksal", sagt Gottschalk.

Der Verleger Benedikt Taschen, der das Buch möglich gemacht hat, wartet mit einer Bild-Charakterisierung auf, die den Promi-Auflauf für einen kurzen Moment vergessen lässt: "Bild ist schwarz wie Druckerschwärze, rot wie Blut und weiß wie die Weste, die wir alle nicht haben." Das Gelächter der Anwesenden klingt heiter und befreit.  

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige