Die „Tagesschau“ wälzt sich im Eigenlob

Fernsehen Das Hans-Bredow-Institut hat eine neue Studie vorgelegt, laut der die 20 Uhr Ausgabe “Tagesschau” die überragende Informationsquelle für Deutsche jeden Alters ist. Die Studie „Informationsrepertoires der Deutschen“ basiert auf einer repräsentativen Befragung von rund 1.000 Personen ab 14 Jahren. Demnach sind die “Tagesschau”, Bild und Google die wichtigsten Infoquellen der Deutschen. ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke nimmt die Studie zum Anlass für eine ausführliche Selbst-Belobigung.

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Das Hans-Bredow-Institut ist renommiert, sitzt an der Uni Hamburg und hat gewiss eine wissenschaftlich saubere Studie erstellt. Ein wenig verwundert es freilich schon, dass die am zweit häufigsten genannte Info-Quelle für alle Deutschen Google sein soll. Google selbst ist schließlich gar kein Anbieter von Informationen. Auch verwunderlich ist, dass Spiegel Online als spiegelonline.de in der Studie aufgeführt wird. Eine Web-Adresse, die zwar zu www.spiegel.de weiterleitet, aber weder als Markenname noch als offizielle Adresse von Spiegel Online geführt. Und warum und wie genau wird bei der Nennung von n-tv in NTV (Nachrichten) und n-tv (allgemein) unterschieden?

Laut Auskunft der Studie wurden die Medienmarken zum Teil durch offene Fragen (etwa: „Stellen Sie sich folgendes Informationsinteresse vor: Man möchte sich eine Meinung zu relevanten politischen Themen bilden.“) ermittelt. Anschließend wurden die Antworten “codiert”, um eine Auswertung zu ermöglichen. In einem anderen Teil wurden Antworten vorgegeben.

Das Ergebnis spricht dann für sich. Die „Tagesschau“ führt bei der Frage nach dem bei politischen Themen relevanten Leitmedium in allen Altersgruppen (auch den jungen 14- bis 49-Jährigen) mit großem Abstand, bzw „fast schon peinlichen Abstand“, wie Gniffke im "Tagesschau"-Blog notiert. Auch in den meisten anderen Sparten hat die “Tagesschau” die Nase vorn. Könnte ein Teil des in der Tat großen “Tagesschau”-Vorsprung vielleicht auch darin begründet liegen, dass Leute bei solchen Befragungen gerne “potenziell erwünschte” Antworten geben, weil man sich selbst in besonders seriösem und intellektuellen Lichte darstellen möchte? Auf diesen Umstand geht die Studie leider nicht näher ein.

Für Dr. Kai Gniffke ist das Ergebnis der Bredow-Studie naturgemäß Anlass für ungebremstes Eigenlob: “Das geht runter wie Öl, bedeutet aber zugleich eine verdammt große Verantwortung”, schreibt er gewohnt geschmeidig im “Tagesschau”-Blog. Und weiter: “Als Chefredakteur lese ich das natürlich gern, aber vor allem freut es mich als Staatsbürger, weil diese Studie wieder einmal belegt, dass man nicht ins Seichte abgleiten muss, um junge Menschen für Informationen zu interessieren.” Klar – in der Sichtweise von Kai Gniffke beginnen hinter der “Tagesschau” sofort die Seicht-Gebiete des zutiefst Unseriösen. Medien wie Spiegel Online, “heute”, Bild, RTL Aktuell und Regionalzeitungen werden großzügig über einen Kamm geschoren.

Gniffkes Eigenlob geht weiter: “Diese hohe Akzeptanz bedeutet für uns, dass wir die hohen Maßstäbe an Korrektheit, Seriosität und Zuverlässigkeit auf jeden Fall halten müssen, wenn wir die Beliebtheit bei jungen Menschen halten wollen.” Ja, schon verdammt toll, die “Tagesschau”. Aber halt! Was schreibt Kai Gniffke noch im selben Absatz: “Und das auch in der größten EM-Euphorie. So hatten wir gestern in der Ausgabe der Tagesschau in 100 Sekunden nach Spielschluss in Charkiw getextet: ‘Deutschland zieht ins Viertelfinale ein.’ Die Zeile “Deutschland zieht ins Viertelfinale ein”, sei, so Gniffke, “eine zweifellos richtige, zumindest nicht widerlegte, aber angesichts der Tabellensituation (bislang) nicht belegbare Aussage”. Was er meint, wenn er schreibt “eine zweifellos richtige Aussage” ist: “eine zweifellos falsche Aussage.” Denn natürlich ist der Einzug von Deutschland ins EM-Viertelfinale keineswegs sicher, sondern nur wahrscheinlich. Die Bild hat der “Tagesschau” das auch schön erklärt. Für Gniffke kein Problem: “Am Sonntagabend wird sich zum Glück die Richtigkeit unserer Schlagzeile erweisen.”

Nochmal in Kurzform: Zuerst lobt Gniffke die „Tagesschau“ als seriösestes, staatstragendes, wichtigstes und überhaupt tollstes Medium aller Zeiten. Gleich danach bügelt er eine eine Falschmeldung (die passieren kann) pseudo-ironisch ab. Vermutlich schreibt und denkt man so, wenn man von einem sehr hohen Ross herab auf die Seicht-Gebiete der übrigen Medienlandschaft schaut und dabei noch versucht, lustig mit den Augen zu zwinkern.

Was Dr. Kai Gniffke noch hätte schreiben können wäre vielleicht, dass das renommierte Hans-Bredow-Institut vor vielen Jahren vom Nordwestdeutschen Rundfunk gegründet wurde, das die NDR Media GmbH zu seinen Geldgebern gehört und NDR-Intendant Lutz Marmor sowie mehrere NDR-Rundfunkräte in dessen Kuratorium sitzen, weshalb das Bredow-Institut nicht nur als renommiert, sondern auch als äußerst NDR-nah gilt. So ein Hinweis könnte ja auch mal ganz interessant sein.
Die komplette Studie des Hans-Bredow-Instituts als PDF

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