Versteckte ARD-Perle: “Ein deutscher Boxer”

Fernsehen Grimme-Preisträger Eric Friedler (u.a. “Der Sturz - Honeckers Ende”) hat für den NDR einen neuen Dokumentarfilm gedreht: “Charly Graf - ein deutscher Boxer”. Erzählt wird die Geschichte des “Ali vom Waldhof”, der deutschen Box-Hoffnung Charly Graf, seine Zeit im Knast, seine Freundschaft mit dem RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock und seinen Weg zur Deutschen Meisterschaft im Schwergewichtsboxen. Ein spannender, rührender, toller Film - den die ARD am Dienstag um 23.45 Uhr versteckt.

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Die Geschichte von “Ein deutscher Boxer” klingt so unfassbar unwahrscheinlich, dass man sie als Drehbuchautor wahrscheinlich um die Ohren gehauen bekäme: Da wächst ein Kind von einem farbigen US-Soldaten und einer Deutschen in den ärmlichen, slumartigen Benz-Baracken im Nachkriegs-Mannheim auf. Es stellt sich heraus, dass der Bub Charles “Charly” Graf ein außergewöhnliches Talent fürs Boxen hat. Als Jugendlicher wird er entdeckt und als der “Muhammad Ali vom Waldhof” (ein Mannheimer Stadtteil) aufgebaut.

Doch der Erfolg kommt zu schnell und zu heftig. Nach einem verlorenen Kampf, gerät Graf aus der Spur und auf die schiefe Bahn. Er rutscht ab ins Mannheimer Rotlicht-Milieu, wird Zuhälter und Schläger. Wegen Zuhälterei und schwerer Körperverletzung wandert er insgesamt zehn Jahre in den Knast. Im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim bekommt er einen besonderen Zellengenossen: den RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Statt ihn zusammenzuschlagen, freundet sich Graf mit ihm an. Die beiden diskutieren auf gemeinsamen Hofgängen über Literatur. Der feinsinnige RAF-Mann Boock und der Muskelberg Charly Graf – ein wahrhaft unwahrscheinliches Paar.

Boock ermutigt Graf, im Knast wieder mit dem Boxen anzufangen. Hinter Gittern trainiert er und schafft es tatsächlich als Gefangener die Deutsche Schwergewichtsmeisterschaft im Boxen zu gewinnen. Als er den Titel verteidigen muss, wird der Kampf nach Meinung vieler Beobachter geschoben und Graf verliert am 29. November 1985 nach Punkten gegen Thomas Classen, der für den damals aufstrebenden Box-Promoter Sauerland antrat. Im Film sagt auch Classen rückblickend, dass Charly Graf der wahre Deutsche Meister war. Am Ende bringt er Graf die Trophäe in dessen kleine Wohnung in Mannheim, wo Graf heute als Sozialarbeiter mit Kindern und Jugendlichen in der Gewaltprävention arbeitet. Es ist nicht der eine rührende, hochemotionale Moment in diesem Film.

Der Dokumentarfilm, der ganz ohne Off-Kommentar auskommt, ist ein Meisterstück des Genres. Ein vergessenes Thema, hochspannend und emotional erzählt. Einfallsreiche Kamera, dezente Regie, eine deutsche Rocky-Geschichte mitten im Mannheim der 50er, 70er und 80er Jahre, die Freundschaft zwischen Graf und Boock, sensible Interviews – so muss öffentlich-rechtliches Qualitätsfernsehen aussehen. Einen Wermutstropfen aber gibt es: Die ARD versteckt dieses Glanzstück mitten während der EM-Euphorie am Dienstagnacht um 23.45 Uhr im Programm. Dabei hätte dieser Film, der Anspruch und Unterhaltung genial verbindet, Primetime verdient gehabt. Was soll’s!? Wie die ARD mit ihren Programm-Perlen umgeht, ist man mittlerweile leider gewohnt. Also: aufbleiben und anschauen. Oder die Mediathek bemühen. Es lohnt sich!

“Charly Graf – Ein deutscher Boxer”, ARD, Dienstag, 12. Juni 2012, 23.45 Uhr
Infos zum Film bei NDR.de

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