TA-Chef Raue: „Es gibt kein Zerwürfnis“

Publishing Ein von der taz enthüllter Brandbrief der Redaktion der Thüringer Allgemeinen an Chefredakteur Paul-Josef Raue sorgt für Wirbel. Rund zwei Drittel der Redaktion, etwa 80 Mitarbeiter, haben das offene Schreiben unterzeichnet, das ein alarmierendes Bild von den Zuständen bei dem WAZ-Blatt zeichnet. Die Kritik an den Reformen Raues gipfelt in dem Satz: "Der Betriebsfrieden ist inzwischen gefährdet." Dem widerspricht Raue gegenüber MEEDIA: "Es gibt kein Zerwürfnis zwischen Redaktion und Chefredakteur."

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Raue räumt ein, dass es eine "sehr intensive und auch leidenschaftlich geführte Diskussion" gebe, "wie wir die redaktionelle Qualität nicht nur sichern, sondern steigern können". Die Unruhe ist offensichtlich auch eine Folge des radikalen Strukturumbaus, den der 61-Jährige seit seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren vollzogen hat. So organisiere sich die Redaktion der Thüringer Allgemeinen inzwischen nach dem "Blattmacher-Reporter-Prinzip". Die Produktion des Blattes steuern dabei zwei große Nachrichten-Tische, einer für den Mantel, einer für die Lokalteile.
"Diese Revolution ist weitgehend gelungen", so Raue gegenüber MEEDIA. Und weiter: "Die Chefredaktion ist stolz auf eine Redaktion, die selbstbewusst auftritt, tief recherchiert, eine hohe Qualität erreicht hat und schon zwei Jahre hintereinander zu den Preisträgern des Deutschen Lokaljournalisten-Preises zählt."
In dem Offenen Brief war besonders mangelnde "redaktionelle Kommunikation" kritisiert worden. Vorwurf an den Chefredakteur: "Sie wird geradezu unter Ihrer Leitung verhindert. Ein organisierter, vertrauensvoller Kontakt zwischen den Redakteuren findet nicht mehr statt. Redaktionskonferenzen, wie sie in allen relevanten Zeitungen zur bewährten Praxis gehören, wurden formlos abgeschafft." Auch hier widerspricht Raue: "Worüber die Redakteure intensiv mit der Chefredaktion debattieren, ist die effektivste Form der Kommunikation: Reicht die Kommunikation am Tisch als permanente Konferenz? Welche anderen Besprechungen sind notwendig und hilfreich?" Hier gelte: "Über diese bisweilen leidenschaftlichen Debatten freut sich die Chefredaktion nicht nur, sondern unterstützt sie."
Auch eine dramatische Auflagenentwicklung (O-Ton im Brief: "Abbestellungen auf dramatischem Niveau") bestreitet Raue: "Im vergangenen Jahr, in dem wir die Zeitung zusammen mit den Lesern umgestaltet haben, freuten wir uns über die beste Auflagenentwicklung seit langer Zeit." Inzwischen, so der Chefredakteur, "rutscht die Auflage wieder leicht". Für ihn Ausgangspunkt für weitere Reformen: "Der nächste Schritt ist überfällig: Was ist der ideale Lokalteil." Eine Diskussion der Chefredaktion mit den Lokalredakteuren darüber sei der "angekündigte Schwerpunkt der nächsten Monate". Laut IVW verlor die Zeitungsgruppe Thüringen 3,57 Prozent der Gesamtauflage. Das heißt: Im ersten Quartal 2011 verkaufte die WAZ-Tochter noch 10.839 Exemplare pro Tag mehr. Aktuell liegt die Auflage bei 292.596 Exemplaren. Einzeln ausgewiesen wird die Thüringer Allgemeine seit Jahren nicht, nur gemeinsam mit den beiden Schwestern Ostthüringer Zeitung und Thüringische Landeszeitung.
Dass sich die überhitzte Betriebstemperatur im Redaktionsapparat der Thüringer Allgemeinen möglicherweise bereits wieder ein wenig abgekühlt haben könnte, zeigt auch ein diplomatisches Statement des Erstunterzeichner des Offenen Briefes, Landespolitik-Ressortleiter Martin Debes, der feststellt, bei einer Redaktionsversammlung sei ein "konstruktiver Gesprächsprozess in Gang gesetzt" worden. Weiter heißt es: "Dabei geht es darum, die Verantwortlichkeiten und Kommunikationswege innerhalb der Redaktion zu verbessern und weiter an die neue Struktur von Blattmachern und Reportern anzupassen, die von der großen Mehrheit der Redakteure nicht in Frage gestellt wird. Genau dies war auch die Intention des Offenen Briefs."

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