Die Gottschalk-Gala bei Spiegel Online

Publishing Meta-Ebene vom Feinsten: Nach der letzten Ausgabe von “Gottschalk Live” nahm Thomas Gottschalk eine Einladung von Spiegel Online an und plauderte über eineinhalb Stunden mit SpOn-Redakteur Stefan Kuzmany und Autorin Jenni Zylka im Web-TV ungebremst über Gott, die Welt, das Fernsehen und sein Lieblingsthema: sich selbst. Die Sendung war überraschend kurzweilig. Man sah einen völlig anderen Gottschalk als in seiner eigenen Show: schlagfertig, witzig. Und natürlich bis über beide Ohren selbstverliebt.

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Das Geheimnis der unheimlichen Wandlung vom Show-Titanen zum Vorabend-Versager und wieder zurück zum charmant, eloquenten Talker bei Spiegel Online liegt vielleicht in dem Rollenwechsel: Bei Spiegel Online war Gottschalk der Gast und nicht Gastgeber. Hier stand er und nur er von Beginn an im Mittelpunkt. Gottschalk durfte über Gottschalk reden. Was er so für Serien guckt (gute Wahl: Game of Thrones, American Horror Story), was er so von anderen TV-Moderatoren hält (“So alt wie der Silbereisen werde ich nie werden.”), wie er als noch junger Radiomensch den perfekten Tag mit seiner Frau in Griechenland erlebte, wer seiner Meinung nach die US-Präsidentenwahlen gewinnt (Romney hat eine Chance) usw.

Hier war Gottschalk im Wortsinne ganz bei sich und es machte sogar Spaß, ihm dabei zuzuschauen. Er kann ja über sich und seine Rolle als Legende (das Wort nahm er tatsächlich relativ häufig in den Mund) durchaus ironisch witzig und reflektiert reden. Der beste Moment der Show war, als eine ältere Dame im Mantel an der Glasfront des Studios stehenblieb und reinlinste. Gottschalk sprang auf. “Endlich! Meine Zielgruppe! Baby, baby!” rief er und lief zur Frau am Fenster. Die war offenbar erschrocken von der plötzlichen Tuchfühlung mit der lebenden Legende und wendete sich wieder ab. Zurück ins regengraue Berlin.

Solche Momente des spontanen Witzes und der Wahrhaftigkeit hatte man bei “Gottschalk Live” stets mit der Lupe gesucht und doch nie gefunden. Aber es ist ja auch unfair, diese beiden grundverschiedenen Sendungen miteinander zu vergleichen. “Gottschalk Live” sollte fast täglich in einem engen Zeitkorsett funktionieren, was es auf spektakuläre Weise nicht tat. Die Gottschalk-Gala bei Spiegel Online war eine einmalige Angelegenheit, eine Fingerübung ohne Anspruch und gerade darum gut. Die beiden SpOn-Leute machten ihre Sache dabei sehr professionell. Sie waren freundlich zurückhaltend, versuchten gar nicht erst, gegen den Gottschalk den Großen anzureden. Es gab stilvoll Cremant und Lachsschnittchen (Gottschalk: “Die fangen schon an zu riechen.” Zylka: “Das ist nicht der Lachs.”) Ein Gitarrist zupfte dezent im Hintergrund und spielte Gottschalks berüchtigten Rap (“Ich bin der Nic-Nac-Man.”). Sowohl Gottschalk als auch die Moderatoren wussten nicht, wer der Sänger von Pink Floyd war. Auch wurscht, man war ja online und konnte gleich in der Wikipedia nachgucken. Man schaute kurz zusammen fern und Gottschalk bewies bei einer spontanen Neu-Synchronisation eines bayerischen Trampel-Schwanks im BR, dass der Nic-Nac-Man immer noch was drauf hat.

Eine Flasche Schampus wurde Gottschalk beim TV-Memory überreicht, der diese sogleich an den Fotografen, der 60. Geburtstag hatte, weiterreichte. “Gottschalk Live”? War da was? Och joh. Was sagte der Meister selbst: “Freunde, es ist ja Fernsehen. Es ist der verschissene Vorabend. Da ist nicht wirklich was passiert. Jeder Arzt, dem das Skalpell ausrutscht, kann mehr anrichten als ich am Vorabend.” Da hat er ja nun auch wieder Recht.

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