Aufstieg und Fall von „Gottschalk Live“

Fernsehen Am heutigen Mittwoch endet um 19.20 Uhr in der ARD ein TV-Experiment voller Missverständnisse: “Gottschalk Live”. Mit hohen Erwartungen und viel Eigenlob des Moderators gestartet, endet die Vorabendshow nach zahlreichen Konzept-Überarbeitungen einen Tag vor dem offiziell ausgerufenen Ende relativ sang und klanglos. MEEDIA dokumentiert noch einmal die überschäumende Euphorie vor dem Start und die Ernüchterung beim Niedergang von Thomas Gottschalk in der “Todeszone” des ARD-Vorabends.

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27.8.2011: Thomas Gottschalk im Doppel-Interview mit Günther Jauch in der Bild. Großes Kino. TV-Titanen unter sich. Gottschalk zu seiner kommenden Vorabend-Show “Ich plane Rock ’n‘ Roll und keinen Walzer! Wenn ich damit das Durchschnittsalter nur um ein paar Jahre senke, geht das schon mal in die richtige Richtung.” Und weiter über seine künftige neue Sendung: “Mich reizt die Todeszone und ich habe den ARD-Leuten versprochen: ,Neues Leben blüht aus den Ruinen‘, wenn ich da einmarschiere. Die wussten auch sofort, dass der Satz aus ,Wilhelm Tell‘ von Schiller ist.“ Alle sind begeistert.

2.11. 2011: Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter soll den Gottschalk Deal mit der ARD mit eingefädelt haben. Reiter gibt zu Protokoll: „Es ist ein Experiment. Wir müssen sehen, ob das deutsche Publikum auf so was anspringt. Und natürlich ist der Sendeplatz um 19.30 Uhr einer der schwierigsten überhaupt“. Reiter ist überzeugt, dass Gottschalk den bisherigen Marktanteil verdoppelt.

1. 12.2011: Gottschalk Interview im Männermode-Magazin GQ: “Die Stunde vor acht gilt ja als Todeszone, in die sich ohnehin keiner traut. Da stehe ich jetzt als Desperado. Einer gegen alle!”

9.12. 2011: Große Pressekonferenz mit Show-Charakter in Berlin. Gottschalk redet von einer “Wohlfühlhalbestunde vor der Tagesschau”. Die Sendezeit um 19.20 Uhr sei “genial”. Und: „Es muss schon eine gewisse journalistische Relevanz haben.” Die SHow hat kein Publikum, denn, so Gottschalk,: „Das ist dann oft auch eine Klatschmasse, die relativ ermattet in den Seilen hängt.” Zuschauer-Reaktionen sollen auf einem Laufband eingeblendet werden. Darauf will Gottschalk spontan reagieren. Gottschalk: "Live is live, bis fünf vor acht – jeden Tag." Alle amüsieren bist bestens. Stern.de notiert mit Vorfreude: “Gottschalk und seine 30-köpfige Redaktion unter Leitung der WDR mediagroup und Grundy light Entertainment haben das Format offensichtlich gründlich durchdacht.” Ein Satz, den man sich merken sollte.

19.1.2012: Die Premiere naht. Gottschalk gibt eine Reihe von Interviews. Im Stern prognostiziert er großzügig die Laufzeit der neuen Show und den künftigen Marktanteil: "Ich gebe mir drei Jahre, dann bin ich 64 und immer noch vor dem offiziellen Rentenalter." Gottschalks Quoten-Prognose: “Mit acht Prozent Marktanteil wäre ich aus dem Schneider. Ich habe aber den Ehrgeiz, zweistellig zu werden.”

22.1.2012: Ein Tag bis zur Premiere, Interview in der Bild am Sonntag. Gottschalk gesteht: Ich habe mir den ARD-Vertrag nie durchgelesen, habe also keine Ahnung, was drin steht.” Erst später wird klar: Die ARD hat eine fiese Ausstiegsklausel in den Vertrag reingeschrieben.

23.1.2012: Premierensendung: Gottschalk hat Michael "Bully" Herbig zu Gast und verortet den “Schuh des Manitu im Jahr 1982. Es gibt sehr viel Werbung, ein Eisbärenbaby und Hektik. 4,34 Millionen schalten ein. Es ist der Auftakt und zugleich der Höhepunkt für die Sendung.

27.1.2011: Erste ARD-Meckereien. WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff gibt zu Protokoll: “Die Show ist ein Produkt, das noch nicht fertig ist und zu einem guten Ausgang gebracht werden soll. Gottschalk muss die Inhalte nun so strukturieren, dass sie für ihn und die Zuschauer gut sind.” Wo ist die Begeisterung hin?

30.1.2012: Gottschalk stellt Duran Duran Anke Engelke als Annette Engelke vor. Warum die Aufregung? In seiner letzten “Wetten dass ..?”-Sendung hat er Jessica Biel auch mit “Jennifer” angeredet und keinen hat’s gejuckt.

27.2.2012: Die Krise hat sich bereits sehr zugespitzt. Gottschalk sitzt bei Plasbergs “Hart aber fair” und muss seine neue Loser-Rolle kommentieren. Am Ende sein Appell: "Ich möchte dem Publikum eine Sendung ans Herz legen, morgen um 19.20 Uhr."

1.3. 2012: Ex-Tempo-Chef Markus Peichl tritt als Show-Retter an. Dem Spiegel verriet er schon vorab, wie er “Gottschalk Live” aus dem Stimmungstief heben will: "Ich lasse gerade eine DVD zusammenstellen mit gelungenen Momenten der vergangenen Wochen. Damit die Redaktion sieht, dass nicht alles schlecht war." Genial.

12.3.2012: Nach Informationen des Spiegel ist die Redaktion von "Gottschalk live" auf der Suche nach einem weiblichen Sidekick für Moderator Thomas Gottschalk. Er müsse dann nicht mehr der Motor sein, sondern könne spontan reagieren, heißt es. 

14.3.2012: Peichl arbeitet laut Medienberichten an einem umfassenden Relaunch von “Gottschalk Live”. Einem ganz neuen Konzept. Ute Biernat, Chefin der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment stellt klar: "Entgegen anderslautender Spekulationen in den Medien wird es kurzfristig kein vollkommen ’neues‘ Konzept geben, sondern die Sendung soll sich langsam aber stetig weiterentwickeln." Aha, kein neues Konzept also. Da kann man sich ja ganz bestimmt darauf verlassen, wenn schon die Chefin der Produktionsfirma das sagt …

19.3.2012: Das neue Konzept ist auf Sendung. Na sowas! Gottschalk witzelt: "Werden Sie Zeuge, ob ein Titan den Quotentod stirbt." Die “ermattete Klatschmasse” (aka Studiopublikum) ist auch wieder mit von der Partie: "Es ist doch schöner, wenn man seinem Publikum ins Auge blicken kann."

19.3.2012: Am selben Tag wie die erste “Gottschalk Live”-Show mit "neuem" Konzept, findet auch eine Schalt-Konferenz der ARD-Bosse statt. Gerüchteweise geht es dabei um die Einstellung der Show. WDR-Intendantin Monika Piel stellt hinterher klar: "Es wäre unsinnig, zeitgleich mit dem Relaunch der Sendung ‚Gottschalk Live‘ deren vorzeitiges Ende zu beschließen.”

22.3.2012: Gottschalk kommentiert in seiner Lieblingszeitung (Bild) die Ränke der ARD-Bosse: “Die Sendung macht mir endlich großen Spaß. Den lasse ich mir durch das Durchstechen von Halbwahrheiten nicht nehmen. Ich bin Entertainer, kein Hinterzimmer-Akteur.”

26.3.2012: Show-Retter Peichl gibt ein Interview im Tonfall fortschreitender Verzweiflung: "Wieso kauft man zuerst Thomas Gottschalk ein, setzt ihn dann auf so einen Programmplatz, hat sich das Konzept möglicherweise noch nicht richtig überlegt – aber in dem Moment, in dem intensiv daran gearbeitet wird, es in Ordnung zu bringen, es zu verbessern und es nach vorne zu bringen, kommt eine solche Todesmeldung. Was sind das für Menschen, die sowas überhaupt tun?"

27.3.2012: Neuerliche Großtat von Show-Retter Peichl: Gottschalk wurde sein alter Schreibtisch aus Flugzeug-Aluminium weggenommen. Stattdessen wurde ihm ein 08/15-TV-Talker-Schreibtisch im Futuristen-Design hingestellt. Genial.
10.4.2012: Eine zusammengeschnippselte Sendung mit Bud Spencer und Turn-Oma Johanna Quaas wird gesendet. Künftig werden alle “Gottschalk Live”-Sendungen vorab aufgezeichnet, so dass man einigermaßen zu den Werbepausen und Sponsoren-Hinweisen schalten kann. “Gottschalk Live” ist nicht mehr live.

18.4.2012: Schluss, Aus, Ende. Die Absetzung der Show ist für den 7. Juni beschlossen. Gottschalk: "Ich nehme diese Entscheidung der Intendanten mit Bedauern zur Kenntnis, habe aber volles Verständnis dafür." Niemand ist überrascht.

27.4.2012: Überraschung: Kurz vor dem Ableben bekommt “Gottschalk Live” schon wieder ein neues Konzept: 66 Träume von ganz normalen Menschen sollen erfüllt werden. Gottschalk bezeichnet dies irritierenderweise als “Taliban TV”.

30.4.2012: Vorher wird noch schnell ein “Best of ‘Gottschalk Live’” gesendet. Peichls Motivations-DVD?

2. 5.2012: Thomas Gottschalk betreibt Ursachenforschung in der Bild: “An der Tatsache, dass aus meiner Vorabendshow nie das wurde, was ich mir eigentlich vorgestellt hatte, bin ich in erster Linie selber schuld.”

15.5.2012: Zeit Campus Talk mit Giovanni di Lorenzo. Gottschalk ist weiter gekommen bei der Ursachenforschung: "Ich hätte bei den Proben schon merken müssen, dass die Sendung nicht das ist, was ich wollte."

21.5.2012: Ursachenforschung vorerst abgeschlossen. Gottschalk im Focus: “Die (ARD, Anm.d.Red.) waren doof genug, den Quatsch zu schlucken.”

3.6.2012: Die ARD kann auch anders und streicht die letzte “Gottschalk Live” Show am 7. Juni zu Gunsten einer EM-Vorberichterstattung. Gottschalk in Bild am Sonntag: “Auf eines lege ich aber Wert: Ich bin nicht mit dem Format gescheitert, das ich ursprünglich machen wollte, sondern mit dem, was aus irgendwelchen Gründen daraus geworden ist.” Hat da irgendwer was von einem "zerrütteten Verhältnis" gesagt?

5.6.2012: Schon haben sich alle wieder “lieb”. Gottschalk sagt in Bunte, er fühle sich nicht mies behandelt und sehe keinen Grund nachzutreten. ARD-Programmdirektor Volker Herres sagt: “Die Art und Weise, wie Thomas Gottschalk das gemeinsame Experiment am Vorabend angegangen ist, ist beeindruckend.” Einfach toll, wie ehrlich, kollegial und professionell diese Medienmenschen miteinander umgehen!

6.6.2012: Letzte “Gottschalk Live”-Sendung. Worüber sollen wir jetzt nur schreiben? Hilfe!

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