Professor kritisiert Netzwerk Recherche

Publishing Am Freitag vormittag hat Markus Grill, Vorstand von Netzwerk Recherche, die Jahreskonferenz des Journalistenvereins in Hamburg eröffnet. Einen Tag zuvor hat Rüdiger Pichler, Professor für Kommunikationsdesign und Netzwerk-Mitglied, eine Reihe von Fragen an den Vorstand öffentlich gemacht, die er bereits im Februar gestellt hatte. Sein Vorwurf: Der Netzwerk-Vorstand sei an größerer Transparenz nicht interessiert. Wichtige Beschlüsse würden Mitgliedern vorenthalten.

Werbeanzeige

Hintergrund: Im vergangenen Jahr wurde der Ruf des Netzwerkes gehörig angekratzt. Der langjährige Vorstand Thomas Leif musste zurücktreten (offiziell: er stellte sich nicht zur Wiederwahl). Bei der genauen Prüfung der Bilanzen des Vereins wurde festgestellt, dass u.a. mehrere Zuwendungen und Förderungen an den Verein nicht richtig verbucht wurden. Eine Förderung der Bundeszentrale für politische Bildung in Höhe von 75.000 Euro musste zurückgezahlt werden. Vorstand Leif sah sich einer Kampagne ausgesetzt und sprach von einer "Konfliktinszenierung". Hans Leyendecker, zweiter Vorstand neben Leif, stellte sich ebenfalls nicht der Neuwahl. Er sagte, er habe von den fehlerhaften Verbuchungen nichts gewusst. Eine Reihe von Vorstandsmitgliedern beschrieb das Netzwerk als einen Verein, in dem ausschließlich Thomas Leif den Überblick und die Kontrolle gehabt habe.

Neue Vorstände des Vereins sind seit Herbst 2011 Oliver Schröm vom Stern und Markus Grill vom Spiegel. Grill war bereits Vorstandsmitglied der Ära Leif/Leyendecker, ebenso wie David Schraven (WAZ-Gruppe), der weiterhin Vorstand ist. Schraven war es, der die Aufklärung der Unregelmäßigkeiten im vergangenen Jahr maßgeblich vorangetrieben hatte. Der neue Chef Schröm sprach in einem Interview davon, die Aufklärung sei sehr transparent verlaufen.

Das sieht Professor Pichler offenbar anders. Er hat gleich einen ganzen Schwung an Fragen in seinem Brief vom Februar formuliert. Das Schreiben, auf das Pichler keine Antworten bekommen hat, liegt MEEDIA vor. Beispiele aus dem Fragenkatalog: Stimmt es, dass der alte Vorstand des Vereins bereits seit Mai 2009 von Problemen im Zusammenhang mit der Förderung durch die Bundeszentrale wusste? Warum werden keine Protokolle von Vorstandssitzungen mehr an die Mitglieder des Vereins verschickt und warum gibt es keine Informationen über die ursprünglich geplante Gründung einer Stiftung in diesem Jahr? Warum wurden die Mitglieder nicht informiert, dass die damalige Kassenwartin Tina Groll aus dem Verein ausgetreten ist, angeblich nach einem "gezielten Mobbing" im Vorstand? Wie erklärt der Vorstand die Austritte von verschiedenen prominenten Mitgliedern wie Hans-Martin Tillack (Stern), Fritz Frey (SWR), Ilka Brecht (Frontal21), Christoph Lütgert (NDR)?

Pichler wurde geraten, mit seinen Fragen bis zur Mitgliederversammlung am Freitag, den 1. Juni zu warten. Dort werden vermutlich weitere Fragen gestellt. Beispielsweise formuliert Vereinsmitglied Volker Bahl eine Reihe von Fragen an die Kassenprüfer des Netzwerks, die sich auf verschiedene Verbuchungspraktiken beziehen. Verschiedene Anträge gibt es, so schlägt ein Mitglied vor, dass sogenannte "kooptierte" Vorstände ihr Geld nicht mit PR-Aufträgen verdienen dürfen. Denn das NR-Regelwerk sehe ja vor, dass Journalisten keine PR machen sollen.

Im vergangenen Jahr wollte der neue Vorstand des Netzwerks schnell wieder zur Tagesordnung übergehen und in die Zukunft schauen. Die Vergangenheit sei aufgearbeitet – und die Affären von gestern erledigt. Dass dem nicht so ist, belegen die unbeantworteten Fragen des Mitglieds Pichler. Wären die Fragen haltlos oder unberechtigt, hätten sie schnell beantwortet werden können. Stattdessen wurden sie offenbar weitgehend ignoriert. Ein Journalistenverein, der sich der Förderung der Recherche verschrieben hat, sollte offene Fragen nicht vermeiden, sondern sie sogar begrüßen, um mögliche Vorwürfe so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen.

Das Medienmagazin V.i.S.d.P. hat sich der Fragen Pichlers ebenfalls angenommen.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige