Wie Günter Wallraff RTL adelte

Fernsehen Die Reportage “Günter Wallraff deckt auf” über Missstände beim Logistikunternehmen GLS, die bei RTL lief, hinterlässt zwiespältige Gefühle. Wallraff stürzte sich mit Engagement in eine gute Sache, wie eh und jeh mit vollem Körpereinsatz. Zurück blieben aber auch ein schales Gefühl und eine Reihe von Fragen: Wƒarum dieser Hang zur Inszenierung? Rennen die GLS-Boten wirklich die ganze Zeit im Dauerlauf? Und warum lief die Wallraff-Enthüllung ausgerechnet beim Kommerzkanal RTL?

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Die letzte Frage lässt sich vermutlich am leichtesten klären. Im Dezember vergangenes Jahr lief in der ARD bereits die Panorama-Reportage “Ausbeutung: Undercover als Paketzusteller”. Das war quasi die Wallraff-Doku in gelb. Gleiches Thema, gleiche Aufmachung, gleiches Fazit. Die NDR-Reporter deckten furchtbare Missstände bei der Deutschen-Post-Tochterfirma DHL, bzw. deren Subunternehmen auf. NDR-Reporter Reinhard Schädler hat dafür undercover als Paketbote gearbeitet. Seine Ergebnisse gleichen den Erlebnissen Wallraffs bei der DHL-Konkurrenz GLS wie ein Ei dem anderen. Nach der Ausstrahlung trennte sich DHL von einem der im Film kritisierten Subunternehmen.

Die ARD wollte die Wallraff-Paket-Doku also vermutlich nicht, weil man das Thema schon selbst erschöpfend beackert hatte. RTL dagegen griff zu. Für den Kölner Privatsender taugt Günter Wallraff durchaus als Image-Träger. Endlich mal ein ausgewiesener Investigativer, der was aufdeckt und nicht immer nur Bohlen, Bauern und Balla-Balla. Entsprechend reißerisch wurde die Wallraff-Doku aufgemacht. Günter Wallraff, der Mann, der vor Urzeiten Hans Esser bei der Bild und Türke Ali “ganz unten” war, schaute im Vorspann gewichtig in die Kamera, dreht sich mal hierhin, mal dorthin. “Exklusiv für RTL” werde er diesmal seine Enthüllungen präsentieren, verriet Wallraff aus dem Off. Ganz so “exklusiv” dann doch nicht, denn im aktuellen Zeit-Magazin findet sich die Print-Version der GLS-Story, die am Ende des RTL-Films auch beworben wurde. Was für eine unwahrscheinliche Partnerschaft: RTL und Wallraff/Die Zeit im selben Berichterstatter-Boot.

RTL kann man keinen Vorwurf daraus machen, dass sie Wallraff eingekauft haben. Man kann den Kölnern ja schlecht vorhalten, dass sie zu einer guten Sendezeit mal was anderes bringen, als Casting-Quatsch und Reality-Unfug. Dass Wallraff sich mit RTL ins Bett legt, ist da schon fragwürdiger. Eigentlich müsste der Kommerz-Kanal für so ziemlich alles stehen, was Wallraff verabscheut. Ist der Enthüller vom Dienst nun etwa altersmilde geworden? Oder spielt die Vermarktung seiner Geschichten eine größere Rolle für ihn, als man dachte?

Für sich genommen war die Reportage ein typischer Wallraff-Film. Das Thema ist wichtig, die Missstände, die aufgezeigt wurden, mögen nicht überraschend sein, sind aber trotzdem natürlich anprangerungswürdig. Ein bisschen seltsam ist vielleicht, dass die ausgebeuteten GLS-Boten inkl. dem verkleideten Wallraff in dem Film ständig im Dauerlauf rennen, wenn sie sich vom Auto zur Haustür und zurück bewegen. Das wirkte so ein bisschen inszeniert und kollidiert mit eigenen Wahrnehmungen: rennende GLS- oder sonstige Paketboten? Nie gesehen. Trotzdem nimmt man es dem Film ab, dass die Arbeitsbedingungen in solchen Jobs schrecklich sein können. Das übertrieben wirkende Rennen oder Wallraffs lächerliche und konstruierte Diskussion mit ein paar Polizisten, die dem Paketwagen einen Strafzettel verpasst haben, weil er im absoluten Halteverbot stand (“Ihr seid doch auch Menschen!”) wirkten eher kontraproduktiv für die Sache. Die NDR-Doku voriges Jahr war da etwas unaufgeregter und darum auch einen Tick glaubwürdiger.

Womit wir beim Thema wären: Glaubwürdigkeit. RTL war sichtlich stolz, den Wallraff im Programm zu haben. Prominenter Sendeplatz, Verlängerung des Thema hinterher bei “Stern TV”. Fast wirkte es, als spielten die Kölner da mit großem Vergnügen so ein bisschen ARD. Wallraff hat das Programm der Kölner in gewisser Weise geadelt. Wallraff wirkte aber trotzdem stets wie ein Fremdkörper bei “mein RTL”. Vielleicht liegt das daran, dass man beim Zuschauen andauernd dachte: Eigentlich müsste RTL für einen wie den Wallraff doch ein Objekt der Berichterstattung sein. Und kein Geschäftspartner.

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