„Unfähigkeit der FAZ zur Kommunikation“

Publishing Pipifax oder Beispiel für die Verlotterung der Sitten im Journalismus? Die SZ hat ein Grass-Gedicht veröffentlicht und ein FAS-Kritiker kolportierte, das Werk stamme vom Satiremagazin Titanic. Tatsächlich war der FAS-Artikel Satire. Aufgeklärt wird der Jux nicht; der FAS-Autor findet, Fiktion und Wahrheit seien eh nicht zu unterscheiden. Die SZ bringt darauf ein "Streiflicht" in eigener Sache. Und Marcus Schwarze, Digitalchef der Rhein-Zeitung, wundert sich über die "Unfähigkeit der FAZ zur Kommunikation".

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FAS-Literaturkritiker Volker Weidermann hatte am Pfingstsonntag der Agentur dpa über seine als "Nachricht" getarnte Satire gesagt: "Fiktion und Wahrheit sind ja nicht mehr wirklich zu unterscheiden…Ob sich das jetzt die Titanic oder Günter Grass ausdenkt, ist für mich kein großer Unterschied." 

In der Literatur ist das Spiel mit Identitäten und der Rolle des Autoren ein alter, aber völlig legitimer Hut. Im Journalismus jedoch sollten Nachrichten, Satiren und Autorenschaften immer klar gekennzeichnet sein. Findet jedenfalls Marcus Schwarze, Digitalchef der Rhein-Zeitung. Der fiel am Samstag abend auf die Weidermann´sche Satire rein und twitterte: "Breaking: ‚Titanic‘ ist es gelungen, ein Gedicht unter Günter Grass’ Namen in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ zu platzieren."

Weidermann schrieb Schwarze am Sonntag zurück, es handele sich um einen "Scherz". In der FAZ wurde dieser aber weder on- noch offline klargestellt. Und das ärgert Schwarze, der Weidermann vertraut hatte. In seinem Blog schreibt der Journalist:  "Ich bin da öffentlich humorlos, denn es geht um einen der Punkte, die wir Journalisten besonders im Digitalen entweder erringen oder kraft einer Medienmarke im Hintergrund halten und jedenfalls verteidigen müssen: Glaubwürdigkeit."

Diese Glaubwürdigkeit verspiele die FAZ, wenn sie sich einen Spaß erlaube, der allerdings so glaubhaft verschleiert ist, dass er von Lesern für bare Münze genommen wird – und sich zudem schnell im Netz als tatsächliche News verbreitet. Schwarze in Richtung Weidermann: "Nennen Sie mich einen humorlosen Norddeutschen im fröhlichen Rheinland. Ich gebe Ihnen folgenden Rat. Sie sollten besser dem Leser die Wahrheit, Ihre Wahrheit, wie einen Mantel hinhalten, in den er hineinschlüpfen kann." Für seinen Eintrag bezieht Schwarze aber auch Prügel in den Kommentaren. Tenor: Auch Nachrichten von Medien wie der FAZ müssten schließlich überprüft werden, bevor sie weiterverbreitet werden.

Doch nicht nur Schwarze ärgerte sich. Auch Torsten Beeck (hauptberuflich bei ComputerBild) machte seinem Unmut via Blog Luft. Einerseits, weil er auf den Scherz hereingefallen war. Andererseits, weil die FAZ/FAS es nicht für nötig befand, ihre Leser aufzuklären: "Mir ist nicht ganz klar, was die Kollegen aus Frankfurt mit der Geschichte bezwecken. Sie haben zumindest eine Menge Verwirrung gestiftet und auch die eigene Reputation nicht gerade befördert. Bin gespannt, ob sich die FAZ auch noch einmal dazu äußert. Ich bin zumindest ein wenig sensibilisiert, was das Verbreiten von ungeprüften Informationen angeht – und das kann einem Journalisten ja grundsätzlich nicht schaden."

Don Alphonso, der sich in der "Blogbar" über den "mangelguten Stil" der Weidermann-Satire mokiert, sieht Vorurteile bestätigt, die FAZ zeichne sich durch eine "zur Schau getragene Geringschätzung" gegenüber Netz-Journalismus aus. In seinem Eintrag resümiert er: "Und das Ergebnis im Netz? Die SZ gilt vielen als trottelige Zeitung. Ziel von Weidermann erreicht. Grass kann man auch als Persiflage lesen. Ziel von Weidermann erreicht. Ein ganzer Haufen hat vorgeführt, was Schwarmintelligenz im Praxisversuch ist. Und mit welchen Reizen man ihn steuern kann. Herr Weidermann hat seinen Scoop unter Hirnlosen, und wenn es das nächste Mal darum geht, ob Leser Ansprechpartner auf Augenhöhe sind, oder Minderbemittelte, denen man auch den letzten Dreck vorwerfen kann, solange er ihre Vorurteile bestätigt, werde ich es mitunter vielleicht nicht ganz leicht haben, für die Rezipienten zu argumentieren."

Und schließlich schwelt im Hintergrund auch noch die Rivalität zwischen den Feuilletons der Süddeutschen und der FAZ. Weidermann hatte in seiner Satire den Kollegen in München einige Nettigkeiten mitgegeben: "Offenbar sind die Münchener Kollegen von dem phantastischen Erfolg, den sie mit der Publikation des letzten antisemitischen Gedichts von Günter Grass erzielt haben, noch so begeistert, dass sie inzwischen alles annehmen, was bei ihnen unter diesem Erfolgsnamen so eingereicht wird, in der Hoffnung, den irren Scoop von damals zu wiederholen."

Im "Streiflicht" vom Montag schreiben die SZ-Redakteure ihrerseits eine kleine Groteske über die Pfingst-Posse – und überdrehen die Verwirr-Geschichte absichtsvoll: "Jetzt, da die Sache ruchbar geworden ist, kann man ja sagen, was die Spatzen längst von den Dächern pfeifen: dass das Satiremagazin weite Teile der deutschen Presse mit Artikeln beliefert, wobei die weniger gelungenen vornehmlich an die FAS gehen. Das Blatt bezahlt dafür fast nichts, muss die Texte aber unter dem Decknamen Volker Weidermann veröffentlichen." 

Zudem sei der Dichter Durs Grünbein eigentlich Frank Schirrmacher. Und der sei eigentlich Chefredakteur der Zeit, unter dem Pseudonym Giovanni di Lorenzo. Diese Figur werde in der Talkshow "3 nach 9" von einem Titanic-Mann gedoubelt. Und di Lorenzo tummele sich seinerseits als FAZ-Herausgeber in Frankfurt. 

Und so wurde aus einem lauen Witz doch noch eine ganz lustige Geschichte. Doch Literatur und Journalismus haben an diesem Wochenende nicht mehr zusammengefunden.

Nachtrag: AZ-Sportchef Gunnar Jans hat seine ganz persönliche Nacht mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hier festgehalten.

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