Minhoff: „Phoenix ist zur Marke geworden“

Fernsehen Christoph Minhoff sagt, er verdiene auf seinem Posten als Programmgeschäftsführer des TV-Senders Phoenix "jetzt auch ganz gut". Geld sei also nicht der Grund, warum er am 1. Oktober den Job des Hauptgeschäftsführers der Verbände BBL und BVE annehme. "Ich arbeite seit 20 Jahren fürs Fernsehen, da wollte ich mit 52 noch einmal etwas ganz anderes machen", sagt er gegenüber MEEDIA. Minhoff reiht in die Liste der Medienmacher ein, die Top-Jobs in Unternehmen und Verbänden annehmen.

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Minhoff wird ab Herbst den Verband der deutschen Lebensmittelwirtschaft (BLL) und die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) leiten. In einer Pressemitteilung heißt es: "Mit dieser Personalentscheidung wird über die bisherige Ausrichtung der Verbände hinaus der Fokus auf die zunehmende öffentliche Wahrnehmung und das gesteigerte Verbraucherinteresse an Themen der Lebensmittelbranche gelegt."

Minhoff selbst nennt Ernährung als eines der "Megathemen der Zukunft". So gesehen ist der gelernte Journalist schon ein stückweit in seine neue Rolle geschlüpft. Die Rolle, die er seit 2005 als einer von zwei Phoenix-Chefs ausfüllt, spielt aber ganz offensichtlich noch die erste Geige. Gleich ein ganzes Füllhorn von positiven Botschaften hält Minhoff auf Nachfrage bereit: "Wir haben bei Phoenix gezeigt, dass Fernsehen ein spannendes Ereignis sein kann. Es gibt ein gestiegenes Interesse an politischer Bildung – wenn sie gut konsumierbar ist. Wir konnten so Zuschauer, die für die Öffentlich-Rechtlichen verloren geglaubt waren, zurückgewinnen. Und wir haben bewiesen, dass in der Nacht im Fernsehen nicht nur Trash laufen muss."

Nun ist es halbwegs normal, dass scheidende Manager ihre Verdienste und die Stellung ihrer Produkte noch einmal tüchtig loben. In diesem Fall ist das Lob in eigener Sache durchaus berechtigt. Minhoff ist es im Tandem – zunächst mit Klaus Radke, dann mit Michael Hirz – gelungen, das Profil des "Ereignis- und Dokumentationskanals" von ARD und ZDF zu schärfen. Nach seiner Gründung als Gähn-TV für Übertragungen aus dem Plenarsaal des Bundestags belächelt, profiliert sich Phoenix seit Jahren nicht nur mit dem Schwarzbrot der parlamentarischen Berichterstattung, sondern auch mit aufmerksamkeitsstarken Übertragungen – wie zuletzt etwa der Verhandlung um den Bau des Bahnhofs Stuttgart 21, der Anhörung von Rupert Murdoch im britischen Parlament oder des Prozesses gegen den norwegischen Attentäter Breivik. Tritt der Bundespräsident zurück, ist Phoenix dabei. Heiratet ein britischer Adliger, überlässt Phoenix anderen Sendern das Feld.

Phoenix sei eine "unverzichtbare Marke" im deutschen TV geworden, sagt Minhoff. Und will damit vermutlich gleich Abstand schaffen zwischen den Digitalkanälen von ARD und ZDF, über die in letzter Zeit viel und ausführlich gesprochen wird. Es gilt, im Chor der öffentlich-rechtlichen Kleinsender 3sat, ZDF.info und tagesschau24 (früher EinsExtra) eine hervorgehobene Stimme darzustellen. Zwar ist der Bonner Sender peinlich genau darum bemüht, sich nicht als Nachrichtensender titulieren zu lassen. Weil er das nicht sein kann und auch gar nicht sein darf. Aber als "Marktführer unter den Informationskanälen" – dazu zählen n-tv, N24, tagesschau24 und ZDF.info – bezeichnet man sich mit einem Marktanteil von 1,1 Prozent im vergangenen Jahr dann doch ganz gern. Im Jahr 2004 lag der Anteil noch bei 0,5 Prozent.

Die über die Jahre aufgebaute Erwartungshaltung der informierten Zuschauer, das bei Phoenix relevante Übertragungen von Ereignissen zu sehen sind, ist ein großer Mitverdienst von Christoph Minhoff. Der Journalist, der in München für den Bayerischen Rundfunk arbeitete und dann zehn Jahre Chef des ZDF-Landesstudios in Bayern war – und das als gebürtiger Duisburger – hat politische Bildung im deutschen Fernsehen ein bisschen unterhaltsamer gemacht. Exemplarisch sei das Talkformat "Augstein und Blome" genannt, das Minhoff mit entwickelte. Ein anderes Format des Senders hieß "Politiker-Speed-Dating". Man kann es populistisch, bemüht oder gar peinlich nennen, den politischen Betrieb auf die Dating-Ebene zu ziehen. Die Grundidee aber ist, dass Politik nicht per se korrupt, machtbesessen oder inkompetent sein muss. Minhoff hat, obwohl er Journalist ist, ein durchaus positives Politikerbild. Im Scheinwerferlicht stehen halt oft nur immer die, die den Ruf der Zunft verhunzen.

Insofern ist es auch ein wenig bedauerlich, wenn Minhoff bald nicht mehr Lobbyist des unaufgeregten Polit-Journalismus, sondern Lobbyist der Ernährungsindustrie wird. Er folgt Journalisten wie Klaus-Peter Siegloch (Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft), Stefan Baron (Deutsche Bank) oder Steffen Seibert (Regierungssprecher), die wie viele andere Spitzenkräfte den Journalismus in den vergangenen Jahren verlassen haben. ZDF-Intendant Thomas Bellut muss nun einen Nachfolger für Minhoff bestimmen. 

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