Neues Grass-Gedicht: Reif für die Titanic

Publishing Günter Grass hat in der Süddeutschen Zeitung erneut ein Gedicht veröffentlicht. "Europas Schande" thematisiert die Griechenlandpolitik. Der Literaturkritiker Volker Weidermann berichtete darauf in der FAS, der Satirezeitschrift Titanic sei es gelungen, das Gedicht der SZ unterzujubeln. Der Artikel erschien in einer Rubrik mit der Überschrift "Nachrichten". Via Twitter wurde der vermeintliche Titanic-Coup verbreitet. Doch das Gedicht stammt tatsächlich von Grass, wie die SZ auf Nachfrage bestätigt.

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"Das Gedicht ist von Herrn Grass verfasst", schreibt SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye auf Nachfrage von MEEDIA. Und SZ-Innenpolitikchef Heribert Prantl verweist zusätzlich auf den NDR, der im Internet eine Lesung des neuen Polit-Gedichts des Literatur-Nobelpreisträgers bereithält.

Wie konnte es dazu kommen, dass die Süddeutsche die Echtheit des am Samstag im Feuilleton abgedruckten Grass-Gedichts bestätigen muss? Am Sonntag erschien in der FAS unter der Überschrift "Nachrichten" ein Text von Volker Weidermann, der so beginnt: "Dem Satiremagazin Titanic ist es gelungen, ein Gedicht unter dem Namen ‚Günter Grass‘ im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zu platzieren." Weidermann beschreibt die große Freude der Titanic-Kollegen, denen es lange nicht "so einfach" gemacht worden sei. Bei der Wahl ihres Sujets hätten sie sich "diesmal für Griechenland entschieden und in aller Eile alles zusammengeschrieben, was Google zu den Suchbegriffen Griechen, Antike und Europa so hergibt, haben dann jeweils die Satzstellung leicht verschoben, die unsinnigsten Genitivkonstruktionen aneinandergereiht und fertig." 

Weidermanns Text macht ein Gedicht zur Satire, ist aber tatsächlich selber eine. Doch das wurde nicht von jedem Leser verstanden. Noch am Samstag abend, als der Text bereits online zu lesen war, gingen über Twitter "Breaking News" ein, die den vermeintlichen Coup der Titanic feierten. Im Eurovisionstrubel waren zumindest einige Nutzer bereit, den schön ausgedachten Witz Weidermanns zu glauben. Doch schon wenige Stunden später stand fest: Grass selber hat "Europas Schande" wirklich verfasst. 

Grass hatte bereits im April u.a. via Süddeutsche Zeitung ein Gedicht lanciert. In "Was gesagt werden muss" prangerte der Schriftsteller die Politik Israels an, die den Weltfrieden gefährde. Das Gedicht sorgte international für Debatten, Grass wurde die Einreise nach Israel verweigert und als Antisemit beschimpft.  

Was zeigt die kleine Pfingst-Posse? Im Netz verbreiten sich Fehlinterpretationen rasend schnell, wie mal wieder zu beweisen war. Sie klären sich dann aber auch recht schnell wieder auf – zahlreiche Twitter-Nutzer hatten das Stück dann doch als Satire erkannt. Und: Grass-Werkstücke haben seit seinem Israel-Gedicht an Gravitas eingebüßt. Selbst seine Originale gehen als Satire durch. Und wer letztlich deren Urheber ist, spielt fast keine Rolle mehr.   

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